Frühe Nennung von Prozentzahlen gilt in Tarifpolitik als Todsünde
Metall-Arbeitgeber streiten über Tarifrunde

Wenige Wochen vor Beginn der heißen Phase in der Tarifrunde 2002 gibt es bei den Metallarbeitgebern Streit um die Verhandlungsstrategie. Anlass ist das Verhalten regionaler Verbandschefs, die Zahlen zum Spielraum für die kommende Lohnerhöhung genannt hatten. Dies sei eine "absolute Todsünde", kritisierte Südwestmetall-Präsident Otmar Zwiebelhofer gegenüber dem Handelsblatt.

DÜSSELDORF/BERLIN. Man packe das Weihnachtspäckchen nicht schon Wochen früher aus. Die Metallarbeitgeber im mächtigen Bezirk Baden-Württemberg würden sich in keiner Weise an den genannten Zahlen orientieren, so Zwiebelhofer.

Auch den ostdeutschen Arbeitgebern kommen die Zahlen viel zu früh. "Jeder sollte sich hüten, jetzt eine solche Debatte zu führen", warnt Ostmetall-Sprecher Frank Möhrer.

Zielscheibe der Kritik sind vor allem Nordrhein-Westfalens Metallarbeitgeberpräsident Michael Jäger und der Hauptgeschäftsführer der niedersächsischen Metallindustriellen, Dietrich Kröncke. Jäger hatte als Eckdaten der Tarifrunde 2002 einen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktivität von 1,8 % und eine Inflaionsrate von 1,5 % genannt. Kröncke wirbt für einen kürzlich unter seiner Mitwirkung vereinbarten Tarifvertrag in der wenig beachteten Kautschukindustrie als Vorbild für die Metaller. Der Kautschuk-Vertrag sieht Tariferhöhungen von 2,8 % vor.

Bei vielen Arbeitgeberfunktionären aber weckt die bloße Erwähnung von Zahlen traumatische Erinnerungen an die Tarifrunde 1999. Arglos hatte der damalige Gesamtmetall-Chef Werner Stumpfe in einem Interview den Verteilungsspielraum auf 4 % beziffert - und wurde prompt von der IG Metall darauf fest genagelt. In der Folge geriet der Tarifabschluss 1999 für viele Betriebe zu teuer. Zwar lässt Jäger Vorsicht walten: Der Präsident des größten Metallbezirks NRW betont, die Obergrenze für einen beschäftigungsorientierten Tarifabschluss, wie im Bündnis für Arbeit vereinbart, dürfe allein die Produktivitätsrate sein. Diese Maßgabe bekräftigt auch Stumpfe-Nachfolger Martin Kannegießer. Doch die IG Metall ist hellhörig geworden. Nach ihrer Lesart hat Jäger den Verteilungsspielraum der Arbeitgeber preisgegeben: 1,5 % plus 1,8 % macht 3,3 %.

Diese Größe kommt ihren eigenen Zahlen sehr nahe. Die Ökonomen der IG Metall beziffern den Verteilungsspielraum intern mit drei bis vier Prozent. Bei der Inflation rechnen sie wie die Arbeitgeber mit 1,5 %, beim Produktivitätszuwachs verweisen sie auf die Prognosen der Wirtschaftsforscher, die zwischen 1,5 und 2,5 % liegen. Auch die Gewerkschaft Verdi operiert mit diesen Zahlen. In einem Interview zum Wochenende kündigte deren Vorsitzender Frank Bsirske an, die Lohnforderung müsse auf den Ausgleich von Produktivitätszuwachs und Inflationsrate zielen. "Dann bewegen wir uns zwischen drei und vier Prozent." Hinzu komme eventuell eine Umverteilungskomponente, so Bsirske. Darüber diskutiert auch die IG Metall. Ihr Vorstand will am 10. Dezember seine Forderungsempfehlung bekannt geben. Ende Februar läuft der Metall-Tarifvertrag aus.

Neben der Lohnhöhe wird ein zentraler Konflikt die Laufzeit des nächsten Abschlusses für die 3,6 Mill. Beschäftigten der Metallindustrie sein. Zwar nimmt die IG Metall bereits wieder Abstand von der Idee ihres Vorsitzenden Klaus Zwickel, sich wegen der Konjunkturellen Unsicherheit nur für wenige Monate vertraglich zu binden. Viele ihrer Funktionäre plädieren inzwischen für ein Jahr. Doch die Arbeitgeber streben Laufzeiten an, die diesen Zeitraum weit überschreiten.

So gilt Krönckes Kautschuk-Tarifvertrag für 18 Monate. Dabei erhalten die Beschäftigten für die ersten sechs Monate eine Pauschalzahlung von 282 Euro. Vom siebten Monat an werden dann die Tariflöhne um 2,8 % erhöht. Bemerkenswert: Dieses Modell kommt Überlegungen nahe, wie sie die Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) für die Tarifrunde 2002 anstellt. "Noch besser wären 24 Monate Laufzeit", schränkt Kröncke aber ein. Die Gesamtmetall-Vizepräsidenten Jäger und Zwiebelhofer plädieren ebenfalls für langfristige Verträge.

Damit hören die Gemeinsamkeiten freilich auf. Anders als Kröncke wollen zwar beide über eine Revisionsklausel den Beschäftigten einen Nachschlag gewähren, falls sich unterdessen die Konjunktur unerwartet gut entwickelt. Doch während Jäger der IG Metall bei laufendem Tarifvertrag ein Streikrecht einzuräumen gedenkt, damit die Revisionsklausel keine leere Absichtserklärung bleibt, lehnt Zwiebelhofer dies entschieden ab: "Dann kann der Tarifvertrag auch gleich ganz gekündigt werden."

Um in der drohenden Rezession möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten, müsse der Lohnabschluss niedrig sein, fordert der Südwestmetallchef. Zugleich appelliert er an die Arbeitgeber, bei drohendem Stellenabbau die Öffnungsklausel im Tarifvertrag zu nutzen. Sie sieht für Unternehmen in Krisenlagen eine 30-Stunden-Woche bei entsprechenden Gehaltseinbußen vor. Im Gegenzug gibt es eine Beschäftigungsgarantie.

Bundeskanzler Gerhard Schröder dürfte der Appell freuen. Er will die Arbeitszeitpolitik zum Thema des nächsten Bündnisses für Arbeit Mitte Dezember machen.

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