Frühjahrstagung des IWF
Kommentar: Lernprozesse

Die spektakulären Auseinandersetzungen sind bei der diesjährigen Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF) ausgeblieben. Anders als befürchtet, gab es nicht den großen Schlagabtausch über zu hohe Zinsen im Euro-Raum. Die Rolle Europas als Konjunkturlokomotive für die Weltwirtschaft wurde von den Amerikanern vor dem Hintergrund der Wachstumsabschwächung in den USA nicht hochgespielt.

Die Einigung auf ein neues IWF-Paket für die Türkei unmittelbar vor Beginn der Tagung entfernte ein besonders strittiges Thema von der Agenda. Im Vordergrund standen damit die Verantwortung für die Stabilisierung des Wachstums und der Optimismus, eine Weltrezession verhindern zu können. Die Finanzminister und Notenbankchefs der Industriestaaten bemühten sich um Kooperation und gegenseitiges Verstehen. Argumente wurden ausgetauscht, neue Einsichten gewonnen. In Washington spielte sich ein transatlantischer Lernprozess ab.

Dazu gehörte auch das Thema Treffsicherheit von Prognosen. Der IWF musste seine Wachstumsprognose für das laufende Jahr deutlich zurücknehmen - um mehr als einen Prozentpunkt auf 3,2 Prozent für die Weltwirtschaft, um einen Prozentpunkt auf 2,4 Prozent für den Euro-Raum und um sogar 1,7 Prozentpunkte auf 1,5 Prozent für die USA. Auch Bundesfinanzminister Hans Eichel erkannte vor Antritt seiner Reise nach Amerika die Realität an und revidierte seine Schätzung für das deutsche Wachstum auf zwei Prozent. Von niemandem auch nur erahnt, war die auf das Jahr hochgerechnete Wachstumsrate für die USA im ersten Quartal indessen ungewöhnlich positiv: Allen Rezessionsängsten zum Trotz fiel sie mit zwei Prozent doppelt so hoch aus wie im Vorquartal.

Lehrstück für die Amerikaner

Ein Lehrstück für die Amerikaner war zweifellos der überzeugende Auftritt der Europäischen Zentralbank (EZB). Verbindlich, aber bestimmt machte EZB-Präsident Wim Duisenberg deutlich, dass die EZB bei steigenden Inflationsraten im Euro-Raum die Zinsen bisher nicht senken konnte. Seine Erläuterungen seien gut aufgenommen worden, berichtete Duisenberg. Öffentliche Attacken auf die EZB hat es nicht gegeben. Sie hat zu ihrem vorrangigen Mandat gestanden, Preisstabilität zu garantieren. Ähnlich wie früher bei der Bundesbank sind bei ihr alle anders lautenden Forderungen auf taube Ohren gestoßen.

Das ist beruhigend. Es muss noch ein paar Institutionen geben, die sich nicht in den Dienst von Wall Street stellen lassen. Die Amerikaner müssen sich damit vertraut machen, dass die Aufgaben der Notenbanken diesseits und jenseits des Atlantik unterschiedlich sind. Umgekehrt sollte Europa Verständnis für ein System wie das amerikanische aufbringen, das stark von den Finanzmärkten abhängig ist. Wenn, wie in den USA, die Konsumenten zwei Drittel des Bruttoinlandsproduktes generieren, liegt es nahe, dass die Notenbank versucht, Vermögensverluste an den Aktienmärkten möglichst gering zu halten.

Weitreichende deutsche Steuerreform

Die USA haben auch zur Kenntnis nehmen müssen, dass im Euro-Raum in der Steuer- und Strukturpolitik schon viel auf den Weg gebracht wurde. Die deutsche Steuerreform gehe über das hinaus, was der amerikanische Präsident George W. Bush in den Kongress eingebracht habe, stellte Eichel klar. Für Euro-Land insgesamt konnte der Vorsitzende der Euro-Gruppe, Didier Reynders, Steuerreformen in mehreren Ländern, Fortschritte bei der Integration des europäischen Finanzmarktes und eine positive Arbeitsmarktentwicklung in die Waagschale werfen.

Der IWF wird sich künftig überlegen müssen, wie weit er mit seinen Forderungen gegenüber Ländern oder Institutionen geht. IWF-Chef Horst Köhler sah sich gezwungen, sich von seinem Chefvolkswirt Michael Mussa zu distanzieren, nachdem dieser die Europäer vehement zu Zinssenkungen gedrängt und den Euro-Raum als ein Problem für die Weltwirtschaft bezeichnet hatte. Auch von eigenen Äußerungen zur europäischen Zinspolitik distanzierte sich Köhler. Empfehlungen seien als Forderungen missinterpretiert worden.

Vielleicht hat die IWF-Tagung auch das Bewusstsein dafür geschärft, dass sich in einer zunehmend globalisierten Welt die Interdependenzen zwischen den Volkswirtschaften nicht mehr nur auf den Handel beschränken. Die Stimmung an den Finanzmärkten etwa oder auch die weltweiten Investitionsentscheidungen gewinnen, wie Köhler und Eichel unterstreichen, zunehmend an Bedeutung.

Marietta Kurm-Engels
Marietta Kurm-Engels
Handelsblatt / Redakteurin
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