Frustbewältigung angesagt
Wella-Kleinaktionäre fühlen sich enteignet

Auch wenn das Thema eigentlich nicht zur Debatte stand - die Übernahme des Darmstädter Traditionskonzerns Wella durch den US-Konsumergüterkonzern Procter & Gamble (P&G) beherrschte auf der Hauptversammlung des Unternehmens eindeutig die Diskussion - sowohl im Saal als auch am Würstchenbüfett.

Reuters FRANKFURT. Für das Ehepaar Baumann aus Baden-Württemberg ist die Übernahme schlicht eine Katastrophe. Sein Ärger gilt dabei vor allem der seiner Ansicht zu geringen Höhe der Zwangsabfindung: "Das ist nichts als eine Enteignung," sagte Reinhold Baumann im Kongresszentrum in Frankfurt. Das Ehepaar hält seit 1987 Vorzugsaktien, und genau dort liegt der Streitpunkt: P&G bietet für die Stammaktien satte 92,25 ? und damit rund ein Drittel mehr, als für die stimmrechtslosen Vorzüge. "Bei einer Bar-Abfindung kommen wir mit plus/minus Null raus", rechnete Baumann mit Blick auf den Erwerbspreis der Aktien vor.

Seit Jahren sei Wella gebeten worden, die Vorzugsaktien abzuschaffen, sagte Baumann. "Doch die sind wie ein nasser Pudel, der einfach das Wasser abschüttelt," ergänzte seine Frau. Kritik werde angehört, aber nicht aufgenommen. "Wir würden ja bleiben, wenn man uns ließe," sagte ein wenig wehmütig eine andere Kleinaktionärin, die sowohl Stämme als auch Vorzüge hält. Doch sie habe lediglich die Wahl, ihre Aktien zu verkaufen, oder darauf zu warten, bis P&G sie zwangsabfinde ("Squeeze Out"). Was denn passieren würde, wenn er nicht verkaufe, fragte ein nach eigenen Worten Neuling im Aktionärsgeschäft, der nach eigener Aussage nur ein paar Aktien hält. "Werde ich dann enteignet?"

65 ? will P&G je Vorzug zahlen - eine rechtlich einwandfreie Offerte, die zudem sogar 14 % über dem gesetzlichen Mindestgebot liegt. Dabei kann dem US-Konzern das Befinden der Privatanleger recht egal sein: Das Unternehmen sicherte sich von den Familienaktionären 78 % der Stammaktien und damit die Macht über den Haarpflegekonzern. So blieb den stimmrechtslosen Vorzugsaktionären am Donnerstag auf der Hauptversammlung nicht mehr als lautstarke Kritik.

Zunächst ergriffen die Aktionärsvertreter das Wort, und sie ließen kein gutes Haar an den Familienaktionären: "Die Familien machen sich die Taschen voll, und die Vorzugsaktionäre bleiben auf der Strecke", sagte Peter Barth von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) mit Blick auf die Summe, die die Eigentümer der Stammaktien je gehaltenes Papier von P&G erhalten. "Firmengründer Franz Ströher wäre enttäuscht von der Familie und hätte dem einen Riegel vorgeschoben." Auf dem Podium saßen einige Nachfahren Ströhers, die dem Aufsichtsrat der 1880 gegründeten Firma angehören.

Nach den Hauptversammlungs-Profis folgten einige frustrierte Kleinaktionäre, die weniger diplomatisch mit der Firmenführung ins Gericht gingen: Unter lautem Beifall rief ein Privatanleger aus, er wolle den Kampf gegen die P&G-Offerte aufnehmen. "Wella wird noch hohe Wellen schlagen", prophezeite er. "Sie stecken sich die Taschen voll und uns stopfen sie mit Würstchen." Wella-Aufsichtsratschef und Ströher-Nachfahre Thomas Olbricht musste den Mann mehrfach zur Ordnung aufrufen. "Zwischen uns gibt es ein Problem, Herr Olbricht. Entweder Sie gehen, oder ich", entgegnete der Aktionär.

Mit nüchterner Rationalität trat indes Wella-Chef Heiner Gürtler Reaktionen der Vorzugsaktionäre entgegen: "Die Firma ist verkauft", stellte er knapp fest. Da mache es keinen Sinn, "Windmühlenkämpfe á la Don Quichote" zu führen. Und so machte sich bei vielen Aktionären auch so etwas wie Resignation breit: "Was sollen wir tun?", fragten sich viele, "wir haben doch überhaupt keine Wahl." Zumindest habe man seinen Unmut kund getan: "Wir Kleinaktionäre sind verpflichtet, hier unseren Mund aufzumachen und unserer Rede- und Störpflicht nachzukommen," sagte der kämpferische Anleger, der sich noch am Nachmittag beinahe wie "Don Quichote" für seine Rechte stark machte.

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