Führt die Anthrax-Spur nach Kasachstan?
Weltgrößte Brutstätte für Milzbrandbakterien

Von St. Petersburg bis in die kasachische Steppe, von Moskau bis zum Ural - die frühere Sowjetunion produzierte in einer Reihe von biologischen Labors hunderte Tonnen von Anthrax-Erregern. In US-Kreisen wird vermutet, dass einige der Wissenschaftler nach dem Ende der Sowjetunion anderen Staaten bei der Entwicklung biologischer Waffen behilflich waren.

ap MOSKAU. Bei seiner Auflösung im Jahr 1992 waren im Biowaffenprogramm Moskaus noch bis zu 70 000 Mitarbeiter beschäftigt. Ihre "größte Leistung": Die Entwicklung von Anthrax-Erregern, die resistent gegen Antibiotika sind.

Zwar trat die Sowjetunion 1972 der Biowaffenkonvention bei, später räumten Verantwortliche jedoch ein, dass man den Vertrag 20 Jahre lang gebrochen habe. 1992 unterzeichnete der damalige russische Präsident Boris Jelzin ein Dekret, dass zur Einhaltung der Biowaffenkonvention verpflichtete. Ein Teil der Forschung sei jedoch unter dem Deckmantel militärischer Verteidigungsprogramme heimlich weitergeführt worden, berichtet Ken Alibek. Alibek war bis zu seiner Übersiedlung in die USA im Jahr 1992 stellvertretender Chef der Firma Biopreparat, die mit der Herstellung biologischer Waffen in Verbindung gebracht wurde.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion existierten zahlreiche Labors: in Sergijew Posad und Obolensk in der Nähe von Moskau, in Swerdlowsk im Ural, in Aralsk und Stepnogorsk in Kasachstan. Zudem wurde im Institut für Biologische Grundlagenforschung im damaligen Leningrad experimentiert, ein berüchtigtes Testgelände existierte auf einer Insel im Aralsee, die den Namen Wosroschdenije (Auferstehung) trägt.

Anthrax-Sporen in Kasachstan entdeckt

Die derzeitige Aufmerksamkeit richtet sich auf Kasachstan, wo amerikanische Teams an der Abrüstung einer früheren Biowaffenfabrik in Stepnogorsk beteiligt sind. Vergangene Woche fanden die Experten Anthrax-Sporen in einer Röhre, wie das US-Außenministerium mitteilte. Der Bau dieser Fabrik begann 1982, sie sollte eine B-Waffen-Fabrik in Swerdlowsk (heute Jekaterinburg) ersetzen, in der sich 1979 ein folgenschwerer Unfall ereignete. Durch die unbeabsichtigte Freisetzung von Milzbranderregern starben damals mehr als 70 Menschen.

Kasachstan wies am Montag ärgerlich jeden Zusammenhang zwischen der Milzbranderkrankung von Amerikanern und der Möglichkeit zurück, dass in Kasachstan gezüchtete Anthrax-Baktrien in die Hände von Terroristen gelangt sein könnten. Man halte die Verpflichtungen strikt ein, mit denen die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen verhindert werden soll, hieß es.

Doch die "New York Times" kam zu anderen Schlüssen. Laut einem Bericht aus dem Jahr 1999 fanden US-Wissenschaftler lebende Anthrax-Sporen auf Wosroschdenije, das auch als größte Brutstätte der Welt für Milzbrandbakterien gilt. Die Insel ist zwischen Kasachstan und Usbekistan geteilt. Durch die fortschreitende Austrocknung des Aralsees rückt die Gefahr durch die gelagerten Biowaffen näher.

Tausende tödliche Krankheitserreger

Ein US-Geheimdienstbericht aus dem Jahre 1994 weist auf die Möglichkeit hin, dass Russland Technologie zur Herstellung biologischer Waffen an Nordkorea und Irak geliefert hat. Medienberichten zufolge steht Russland mit Irak in Verhandlungen über die Lieferung eines riesigen Gärbehälters, der zur Herstellung tödlicher Substanzen verwendet werden könnte. Offiziell weist Moskau dies zurück und verweist darauf, dass der Großteil des irakischen Massenvernichtungspotenzials aus Westeuropa stamme.

Anderen Berichten zufolge rekrutierte Iran Wissenschaftler, die nach dem Zusammenbruch des Sozialismus arbeitslos wurden. Von derartigen Informationen beunruhigt, stellten die Vereinigten Staaten seit 1994 insgesamt 20 Millionen Dollar zur Verfügung, um Experten in diesem Bereich weiter zu beschäftigen. Gemeinsam mit der Europäischen Union und Japan stellten die USA im vergangenen Jahr 1,6 Millionen Dollar in Aussicht, um die Sicherheits- und Lagerungsstandards im führenden Anthrax-Forschungslabor zu erhöhen, dem Staatlichen Russischen Forschungszentrum für Angewandte Mikrobiologie in Obolensk, 80 Kilometer südwestlich von Moskau. Augenzeugenberichten zufolge lagern dort hunderte oder gar tausende tödlicher Krankheitserreger.

In Obolensk wurde vor vier Jahren auch ein genetisch veränderter Anthrax-Erreger entwickelt, der sich mit bisherigen Behandlungsmöglichkeiten wahrscheinlich nicht bekämpfen lässt. Moskau setzt bei der Behandlung von Milzbrand auf eigene Wege. Der Wissenschaftler Weniamin Tscherkasski bot den USA am Montag an, diese Erkenntnisse zu teilen, "wenn es notwendig wird."

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