Führungskrise nach Reporterskandal
Schwarze Stunde für „New York Times“

Der Skandal um den gefallenen Starreporter Jayson Blair zieht die renommierte US-Tageszeitung "New York Times" in die größte Krise in ihrer 152-jährigen Geschichte.

HB/tor NEW YORK. Der heute 27 Jahre alte, schwarze Reporter hat über Monate hinweg zahlreiche Fakten in seinen Artikeln gefälscht oder von anderen Medien abgeschrieben. Die Times selbst enthüllte den Skandal mit einem vierseitigen investigativen Bericht am vorigen Sonntag.

In den meisten anderen Ländern mag man achselzuckend über einen derartigen Vorfall hinweggehen. In der US-Presse und besonders für die über alle Zweifel erhabene "New York Times" ist das der größte anzunehmende Unfall, der einer Zeitung passieren kann. Entsprechend groß ist die Bestürzung im eigenen Haus und die Schadenfreude der Konkurrenz. Inzwischen interessiert sich sogar die Staatsanwaltschaft für den Fall. Bislang ist jedoch nicht zu erkennen, dass Blair außer gegen die journalistische Ehre auch noch gegen Gesetze verstoßen hat.

Ein Problem wird der Fall nun zunehmend für Chefredakteur Howell Raines: Er hat Blair trotz Warnungen leitender Redakteure und trotz zahlreicher Korrekturen in dessen Berichten gefördert. So durfte der Jungstar über die Heckenschützen in Washington schreiben und während des Irak-Krieges die Heimatfront beschreiben.

Offensichtlich spielte die schwarze Hautfarbe Blairs eine wichtige Rolle bei der Vorliebe des Chefredakteurs. Als Weißer aus Alabama habe er Blair wohl eine Chance zuviel gegeben, sagte Raines der Times zufolge. Die Zeitung gilt als führende Streiterin für die so genannte "affirmative action", also die bewusste Bevorzugung ethnischer Minderheiten.

Das Vertrauen der Redaktion scheint der Chefredakteur verloren zu haben. Er selbst räumte ein, dass er von vielen als "unnahbar und arrogant" wahrgenommen werde. Bei einem Treffen der Redaktion in einem Kino nahe dem "New York Times"-Gebäude in der 43. Straße in Manhattan trat der Konflikt offen zu Tage: Was als Ventil für den Ärger in der Redaktion über den Fälschungsskandal um Blair gedacht war, geriet zu einer schonungslosen Abrechnung mit Chefredakteur Raines. Ein Reporter brachte sogar den Rücktritt seines Chefs ins Spiel.

Haines lehnte jedoch ab und erhielt umgehend Rückendeckung von Herausgeber Arthur Sulzberger Jr. Er werde einen Rücktritt nicht akzeptieren.

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