Führungskrise schwelt weiter – Helmut Sihler übernimmt Chefposten für sechs Monate
Ron Sommer ist zurückgetreten

Im Kampf um seinen Job ist Ron Sommer nochmals zur Hochform aufgelaufen. Am Ende musste er dem Druck seines Großaktionärs weichen. Aufsichtsrat Helmut Sihler wird überraschend Übergangschef.

gof/slo/sm/tag/rtr DÜSSELDORF/BONN. Ron Sommer hat den Kampf um seinen Job an der Spitze der Deutschen Telekom aufgegeben und ist am Dienstag zurückgetreten. "Wenn ein Vorstandsvorsitzender nicht über das volle Vertrauen des Aufsichtsrats verfügt, ist der Rücktritt der einzige Schritt", begründete Sommer seinen Verzicht. Mit dem Rücktritt wolle er weiteren Schaden vom Unternehmen abwenden, sagte Sommer, während der Aufsichtsrat am Konzernsitz in Bonn noch über einen Nachfolger beriet. Nach der Rücktrittserklärung stieg der Kurs der T-Aktie kurzfristig deutlich an.

Neuer Chef der Telekom wird für eine Übergangszeit von sechs Monaten der Ex-Aufsichtsratsvorsitzende Helmut Sihler (72). Das teilte Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus am Dienstag in Bonn mit. Sihler hatte vor zwei Jahren den Aufsichtsratsvorsitz an Winkhaus abgegeben. Technik-Vorstand Gerd Tenzer, der ebenfalls als Nachfolger Sommers gehandelt worden war, wird Sihlers Stellvertreter.

Der Rücktritt Sommers ist der Höhepunkt einer seit etwa einer Woche öffentlich geführten Debatte über die Zukunft der Telekom - losgetreten von dem CDU-Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber. Er hatte Kanzler Gerhard Schröder angesichts des fallendes Telekom-Aktienkurses und der gestiegenen Managergehälter zum Handeln aufgefordert. Die Bundesregierung hoffte, durch die Abberufung Sommers den Aktienkurs beflügeln und im Wahlkampf bei den knapp 3 Millionen T-Aktionären punkten zu können.

In einer Sondersitzung hatte der Telekom-Aufsichtsrat gestern Nachmittag über das Schicksal des Konzernchefs beraten. Bis zuletzt war das in der Frage der Sommer-Ablösung gespalten. Vor allem das Arbeitnehmerlager sah keinen Grund, Sommer abzuberufen.

Mit dem Rücktritt Sommers hat Bundeskanzler Gerhard Schröder sein Ziel nicht ganz erreicht. Denn er hatte sich einen Nachfolger gewünscht, der von außen kommen sollte. Doch Kandidaten wie Tui-Chef Michael Frenzel und Daimler-Chrysler-Vorstandsmitglied Klaus Mangold hatten abgewunken.

Die Art und Weise, wie Schröders Sommers Ablösung betrieben hatte, hat scharfe Kritik ausgelöst. Der Kanzler sei stümperhaft vorgegangen, sagten Oppositionspolitiker. US-Politiker beklagten die Einmischung der Politik in Unternehmensbelange.

CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer sagte nach Sommers Rücktritt: "Das ist eine Katastrophengeschichte für die deutsche Wirtschaft." Er warf dem Aufsichtsrat vor, er habe sich von der Bundesregierung in die Debatte um Sommer treiben lassen.

Sihler will Sparkurs vorantreiben

Unmittelbar nach dem Rücktritt des umstrittenen Vorstandsvorsitzenden hat das hochverschuldete Unternehmen einen harten Sparkurs angekündigt. Helmut Sihler sagte, er werde einen radikalen Konsolidierungskurs kraftvoll vorantreiben. Der 72-Jährige sagte, er werde sich in seiner längstens sechs Monate dauernden Zeit an der Spitze des größten europäischen Telekommunikationsunternehmens um eine endgültige Lösung für die Struktur des Vorstands bemühen. Sihler, der früher Aufsichtsratschef der Telekom und zuvor Chef des Chemiekonzerns Henkel war, sagte, zu seinen zentralen Aufgaben gehöre zudem, den Konsolidierungskurs der Telekom kraftvoll zu unterstützen. Er kündigte an, die Alternativen für das Engagement des Konzerns in den USA sorgfältig zu prüfen. Damit bezog er sich auf die US-Tochter VoiceStream, die als kleinster der sechs landesweiten Anbieter noch deutliche Verluste erwirtschaftet. Die Telekom wolle VoiceStream jedoch weiter und schneller in die Gewinnzone führen. Sihler schloss nicht aus, dass sein Stellvertreter Tenzer nach Ablauf der Interimslösung Vorstandsvorsitzender des Konzerns werden könnte. Auch Aufsichtsratschef Hans-Dietrich Winkhaus kündigte an, die Telekom werde "in den nächsten Monaten einen sehr radikalen Konsolidierungskurs einschlagen". Zugleich bestritt er, dass politischer Druck zum Führungswechsel geführt habe. "Es hat keinen Druck der politischen Parteien, des Bundesfinanzministeriums oder der Bundesregierung gegeben." Die Entscheidung für Sihler und Tenzer sei einstimmig gefallen.

Kleinaktionäre erstatteten Anzeige gegen Sihler

In Zusammenhang mit der angeblichen Fehlbewertung des Immobilienbesitzes der Telekom bei der erstmaligen Bilanzierung wurde nach Reuters vorliegenden Dokumenten gegen Sihler und die übrigen Aufsichtsratsmitglieder mindestens eine Strafanzeige erstattet. Danach erstattete eine Rechtsanwaltskanzlei im März 2001 bei der Staatsanwaltschaft Bonn Strafanzeige gegen den damaligen Vorstand und die 20 Aufsichtsräte. Die Rechtsanwälte warfen den Managern vor, dass sie spätestens seit September 1998 von einer angeblichen Überbewertung des Immobilienbesitzes in der Eröffnungsbilanz der Telekom 1995 und den Folgebilanzen unterrichtet gewesen seien.

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