Führungswechsel zwischen Dax und Dow möglich
An den Börsen naht die Stunde Europas

Ende 1989 gab es eigentlich nur eine Region, wo man investieren musste: Japan. Die fernöstliche Wirtschaft wuchs scheinbar unaufhaltsam, die Aktienkurse eilten dem Boom voraus, und der Yen war stark. Doch dann folgte ein brutaler Crash, von dem sich die Tokioter Börse bis heute nicht erholt hat.

FRANKFURT/M. Heute gelten die USA als Traumland für Investoren. Die Unternehmen sind schlanker und wettbewerbsfähiger, die Konjunktur kommt schneller in Fahrt, und der New Yorker Dow-Jones-Index hat den deutschen Dax langfristig geschlagen.

Trotzdem rät Richard Davidson, Chefstratege der US-Investmentbank Morgan Stanley, Anleger sollen mehr in Europa und weniger in den USA investieren. "Die Pro-Amerika-Argumente sind nicht verkehrt", sagt er, "aber sie wirken sehr einseitig". Er fühlt sich an die Verherrlichung der einstigen Wirtschaftssupermacht Japan erinnert.

Gute Voraussetzungen für Europas Börsen

Die Bedingungen seien gut, dass Europas Börsen die US-Märkte künftig übertreffen, sagt Davidson. Er steht mit seiner Meinung nicht allein. Rolf Elgeti, Stratege der Commerzbank, sieht die 30 deutschen Standardwerte im Dax als Favoriten gegenüber den 30 US-Titeln im Dow-Jones-Index. Auch Edwina Neal von der Investmentbank Lehman Brothers sieht die Stunde Europas nahen. Der Chefstratege der Dresdner-Bank-Tochter Kleinwort Wasserstein, Albert Edwards, prophezeit den US-Börsen sogar herbe Kursrückschläge in den nächsten Monaten.

Seit dem Terrortief am 21. September hat der Dax seinen großen Bruder, den Dow, überholt. Doch wenn die Kurse fallen, rutscht das deutsche Kursbarometer meist tiefer als sein US- Gegenpart. "Der deutsche Aktienmarkt hat stärkere Ausschläge, nach oben wie nach unten", sagt Lehman-Strategin Neal. Der Dow ist stabiler, hat sogar Platzen der Hightech-Spekulationsblase überraschend gut weggesteckt.

Warum sollen dann Investoren plötzlich deutsche Aktien bevorzugen? "Der Bewertungsunterschied zwischen Nordamerika und Europa ist so hoch, dass er kaum noch weiter steigen kann", sagt Morgan-Stanley-Experte Davidson. So liegt das Kurs-Gewinn- Verhältnis von US-Aktien im Schnitt fast ein Drittel höher als bei europäischen Titeln. Das heißt, für den Gewinn eines US-Konzerns zahlen Aktionäre derzeit dreißig Prozent mehr als für den gleich hohen Gewinn eines europäischen Unternehmens. So groß war der Abschlag seit 30 Jahren nicht.

"Gleichzeitig sind strukturelle Probleme, die Investoren beschäftigen, in den USA stärker ausgeprägt als in Europa", sagt Davidson. Das gelte für die Sorgen um künstlich aufgepumpte Firmengewinne und versteckte Schulden wie beim bankrotten US-Energiekonzern Enron. In Europa wurde bislang kein ähnlicher Fall bekannt.

Hohe Verschuldung der US-Verbraucher

Auch für die hohe Verschuldung der US-Verbraucher gibt es hier zu Lande keine Entsprechung. In den Vereinigten Staaten sind viele Haushalte bis zur Halskrause verschuldet. Sie wenden im Schnitt 14 % ihres Einkommens für Kreditzinsen und Tilgung auf. Insgesamt habe die Hightech-Euphorie der späten 90er Jahre in den USA mehr Altlasten hinterlassen als in Europa, ergänzt Lehman-Expertin Neal. So erweiterten die US-Konzerne in einem wahren Investitionsrausch ihre Kapazitäten so stark, dass diese jetzt vielfach leer stehen.

Lehman, Morgan Stanley, Commerzbank und Dresdner raten allesamt, Kontinentaleuropa im Aktiendepot eher überzugewichten. Als Favoriten nennt Davidson den italienischen Energiekonzern Eni und die britische Bankgruppe HSBC. Auch der Ludwigshafener Chemieriese BASF und der Flughafenbetreiber Fraport liegen im Musterdepot der Investmentbank.

Risikolos ist die Europa-Wette jedoch nicht. Zwei Szenarien könnten einen Rückfall des Dax gegenüber dem Dow auslösen, warnt Strategin Neal. Falls die jüngste Konjunkturerholung in Amerika als Strohfeuer endet, wäre der Dax womöglich überstark betroffen. Denn die deutschen Technologie- und Industriewerte reagieren eben stärker auf Konjunkturschwankungen als die altmodischen Dow-Jones-Titel. Doch auch der umgekehrte Fall wäre negativ: Sollte der US-Aufschwung so stark ausfallen, dass Europa den Anschluss verliert, dann dürften deutsche Aktien ebenfalls leiden. "Aber wir erwarten, dass die Wirtschaft sich weltweit erholt, und dann werden Europas Börsen von ihrer günstigen Bewertung gegen über den USA profitieren", sagt Neal.

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