Für ältere Menschen ist die Bedienung eines Handys nicht einfach
T-Mobil setzt Handy-Lehrer ein

Der Mobilfunkmarkt wächst nur noch langsam. Die Konzerne investieren deshalb in Weiterbildung. Handyseminare sollen ihre Kunden zu Vieltelefonierern machen.

HB Oh Gott, die Nummer. Die 24 Kölner, die zum "Handyseminar" der Telekom-Tochter T-Mobil gekommen sind, wollen lernen, was sie mit ihrem Mobiltelefon alles machen können. Aber jetzt sollen sie ihre Handynummer auf das Namensschildchen schreiben, damit haben sie nicht gerechnet. "Warum haben Sie uns das denn nicht früher gesagt?" schimpft eine ältere Frau. "Wenn ich das gewusst hätte", klagt ihr Nachbar. Hilflos auch der Herr gegenüber: "Die Nummer hab? ich gar nicht mitgenommen. Wo soll ich die denn jetzt hernehmen?"

Was haben die vier Mobilfunknetzbetreiber sich nicht alles einfallen lassen, um den Deutschen das Handy nahe zu bringen. Sie verkaufen die Telefone bis zu 400 DM unter Einkaufspreis, haben den Formel-1-Fahrer Mika Häkkinnen Deutsch lernen lassen und Top-Model Claudia Schiffer mit Fußball-Legende Franz Beckenbauer zusammen gebracht. Ohne Mobiltelefon, so die Botschaft, sei der moderne Zeitgenosse nur noch ein halber Mensch. Die Kampagne hat gewirkt. Den knapp 82 Millionen Deutschen haben die Konzerne inzwischen mehr als 55 Millionen Handys verkauft.

Langsam aber nähert sich der Markt der Sättigungsgrenze. Der Ansturm neuer Kunden auf die Handy-Shops ist Vergangenheit. Umso mehr gilt es für die Anbieter, den Umsatz der alten Kunden zu steigern - zum Beispiel, wie T-Mobil, mit Weiterbildung.

Zielgruppe sind ältere Menschen

Die Zielgruppe sind Leute wie Hans-Peter Berkenhoff. Mit zittrigen Fingern tippt der Rentner an diesem Abend die erste Kurznachricht seines Lebens ins Mobiltelefon. Der Kegelklub hat ihn zu seinem 75. Geburtstag mit dem Handy beglückt. Jetzt soll er seinem Banknachbarn "Hallo" schreiben. Aber das scheitert schon daran, dass statt dem "H" immer nur das "G" in der Anzeige erscheint. "Sie müssen zweimal auf die Taste mit dem H drücken", sagt die Handy-Lehrerin und macht es zum dritten Mal vor. Am Tageslichtprojektor erklärt sie nochmal Schritt für Schritt, wie eine SMS entsteht: "Sie gehen auf die Taste Menü, dann gehen Sie auf Mitteilung, Mitteilung verfassen." Der Rest geht unter im allgemeinen Radau. "Geht nicht", ruft ein grauhaariger Handybesitzer. "Den Knopf gibt es bei mir nicht", empört sich ein anderer und fuchtelt aufgeregt mit dem Handy herum. Derweil forscht seine Frau still und vergeblich im Menüpunkt T-D1-Special. "Banking", "News" und "E-Mail" stehen dort zur Wahl, nicht aber "Mitteilung".

Wunder versprechen sich die Teilnehmer von dem Seminar nicht: "Es reicht mir völlig, wenn ich eine SMS schreiben und vielleicht noch eine andere Handy-Melodie einstellen kann, die jetzige ist furchtbar", sagt eine 67-jährige Handy-Studentin, die ihren Namen lieber für sich behält.

Sie will ihre "Kinder mit einer SMS überraschen", und die T-Mobil-Lehrerin soll ihr sagen, wie?s funktioniert. In einem Pilotprojekt bietet die Telekom-Tochter neuerdings in fünf deutschen Großstädten Handyseminare an. Für die Teilnehmer gibt es sogar eine Art Antrittsprämie: Zwar müssen die Handy-Lehrlinge 20 Mark zahlen, bekommen aber im Gegenzug 25 DM für ihre Handyabrechnung gutgeschrieben.

Viele Funktionen des Handys sind noch unbekannt

"Viele Funktionen des Mobiltelefons, teilweise auch die grundlegenden, sind oftmals unbekannt", sagt Ulrich Spilker, Leiter der Abteilung Vertriebstraining. "Es herrscht bei vielen Kunden zusätzlicher Wissenbedarf." Die sollen schließlich nicht nur telefonieren, sondern auch die vielen hippen Datendienste nutzen. Damit die Mobilfunker ihre Milliarden-Investitionen für UMTS wieder herein holen, soll jeder Deutsche demnächst mindestens 25 Euro pro Monat für die schöne neue Mobilfunk-Welt ausgeben.

Auch die T-Mobil-Konkurrenz hat schon vereinzelt Handy-Kurse organisiert. Die Seminare richten sich vor allem an ältere Menschen. Etwa jedes dritte Handy gehe inzwischen an Kunden jenseits der 50, berichten Händler. Viele Senioren bekommen auch das abgelegte Mobiltelefon ihrer Enkel. Die Unternehmensberater von A.T. Kearney fanden heraus, dass die 55- bis 65-Jährigen beim Verschicken von SMS-Botschaften bereits aufholen.

Aber sie nutzen das Handy noch längst nicht so häufig wie die Jüngeren. "Ich will nicht irgendwas tun, was mich teuer zu stehen kommt", erläutert Annemarie Hölscher, warum sie nicht einfach mal die eine oder andere Taste ihres Mobiltelefons ausprobiert. "Man liest doch häufig genug von überhöhten Handy-Rechnungen in der Zeitung." Hölscher schaltet das Handy immer nur ein, wenn es gar nicht anders geht. Zum Beispiel "wenn keine Telefonzelle in der Nähe ist, um meinen Mann anzurufen, dass er mich vom Markt oder vom Arzt abholen kann." Ihr Zeitzähler für alle Anrufe gibt gerade mal 23 Minuten an. Dabei hat sie das Handy seit Weihnachten 1999.

Handy sind für ältere Menschen schwer zu handhaben

"Handys sind für Senioren denkbar ungeeignet im Handling", erklärt Jörg Eberling solche Zahlen. "Miniatur-Display, Tasten, die immer kleiner werden, und jede Menge Schnickschnack - das ist einfach völlig unpraktisch." Eberling arbeitet für Mobile&More, einen kommerziellen Anbieter von Handykursen. Sein Vorschlag an die Hersteller: "Man müsste extra ein Seniorenhandy entwickeln."

Bis dahin gibt es Nachhilfe, zum Beispiel beim Einrichten des mobilen Anrufbeantworters. Ganz Schlauen bringen die Trainer sogar bei, was sie mit einem Taschencomputer plus Handy alles anstellen können. So weit geht das T-Mobil-Seminar für Annemarie Hölscher nicht. Trotzdem hat sie ihre ganz persönlichen Erfolgserlebnisse: Ihr Mobiltelefon hat zum ersten Mal geklingelt. Und sie hat entdeckt, dass ihr SMS-Verzeichnis überquillt mit ungelesenen Nachrichten ihrer Enkel. Jetzt kann sich auch antworten.

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