Für Berti Vogts beginnt am Dienstag ein neuer beruflicher Lebensabschnitt
Kleinenbroich auf Schottisch

Nach erfolglosen Stationen in Leverkusen und Kuwait könnte Berti Vogts mit seinem neuem Job die richtige Stelle gefunden haben. Schottland ist wie der Niederrhein, meint er.

Der junge Passant mit dem dunkelblauen Pullunder schlendert den Bürgersteig in der Innenstadt entlang, stutzt, dreht sich um, überlegt kurz, geht dann entschlossen auf den kleinen Mann zu, der gerade aus einem Auto ausgestiegen ist, und gibt ihm einen Klaps auf die Schulter: "Good Luck for the game, Berti" und geht weiter. Wobei Berti aus dem Munde eines Schotten klingt, als ob es mit mindestens drei "r" geschrieben wird.

Morgen ist es so weit, knapp vier Wochen nach Amtsantritt sitzt Hans-Hubert Vogts zum ersten Mal bei einem Länderspiel der schottischen Fußball-Nationalmannschaft auf der Bank. Und dann gleich bei einem Weltklasseteam, dem französischen. "Was soll ich machen, etwa erst im Juni anfangen?", entgegnet Vogts scherzhaft auf die Frage, ob ihm nicht ein leichterer Gegner lieber gewesen wäre. Nein, seine Mannschaft habe nichts zu verlieren, daher sei der Auftritt beim Welt- und Europameister ein "easy game".

Der Ex-Bundestrainer aus dem niederrheinischen Kleinenbroich macht generell einen sehr ausgeglichenen und aufgeräumten Eindruck, weit weg von der ihm in Deutschland oft vorgeworfenen Verkniffenheit. Vogts scheint nach vielen Trainerstationen nun in Schottland endlich dort angekommen, wo er hinpasst und wo es ihm gefällt. Land und Leute, das Festhalten an Traditionen, Klima und Kultur sowie die Art und Weise des Fußballs. Sein Vertrag läuft bis 2006, kann aber um zwei Jahre verlängert werden. Schottland und Irland bewerben sich gemeinsam um die EM 2008. "Aber wir wissen ja wie das läuft im Fußball: Können und Fleiß sind nicht wichtig, nur der Erfolg", schränkt Vogts ein.

Zurück in den realen Fußball

Angeblich soll er eine Million Pfund jährlich kassieren. Viel Geld, aber auch viel weniger als bei seinem Engagement in Kuwait. Die fünf Monate in der Wüste taten aber nicht nur seinem Bankkonto gut. Vogts konnte auch etwas Distanz gewinnen zum europäischen Fußball nach dem abrupten Ende in Leverkusen. Doch nun wollte er "zurück in den realen Fußball".

Drei Angebote aus der englischen Premier League lehnte er nach eigenen Angaben ab, um sich dann für Schottland zu entscheiden. Der "Guardian" höhnte, Vogts sei der John Major des deutschen Fußballs - ein Mann ohne Charisma, der einer überlebensgroßen Person (hier Lady Thatcher, dort Kaiser Franz) im Angesicht der Rezession folgte, sich aber länger an seinen Job klammern konnte als erwartet. Vogts solle lieber Technischer Direktor der Glasgow Rangers werden und das tun, was er gut kann: an regnerischen Nachmittagen Nachwuchsspieler beim Kicken beobachten. Auch seine mangelnden Englisch-Kenntnisse wurden kritisiert. Dieser Befürchtung entgegnet ein Fan jedoch trocken: "Berti spricht kein Englisch, wir sprechen auch keins."

Bei seiner Vorstellung machte Vogts eine überraschend gute Figur. "Ihr dürft mich McVogts nennen", sagte er den Journalisten. Zudem verwies er darauf, als Trainer noch nie gegen England verloren zu haben. Ein Statement, dass in Schottland gut ankommt. Generell, so Vogts, seien die Zeitungen auf der britischen Insel zwar "massiv, aber nicht so nachtragend".

Platzrecht für Vogts Hund

Auch seinen Hobbys kann er in Schottland besser nachgehen als bei seinen letzten Stationen - Golf spielen und Angeln. Der Vorteil Schottlands beim Golfen sei, so Vogts, dass er nun seinen Hund mit auf den Platz mitnehmen dürfe. Mit seinem Handicap sei er zufrieden, es liegt bei 21.

Art und Mentalität des Insel-Fußballs liegen dem gelernten Verteidiger. "Die 90 Minuten sind das Highlight für die Jungs, in Deutschland hat man manchmal das Gefühl, die 90 Minuten stören." Und weiter: "Während die britischen Spieler Spaß auf dem Platz haben, haben die deutschen vor allem Spaß auf dem Konto." Ohnehin sei man "hier mehr Arbeitnehmer".

Es werde respektiert, wenn der Trainer einen Spieler auswechselt, der nicht nachsetzt oder schlecht spielt. Bei den wenigen taktischen Fouls oder versteckten "italienischen" Nickligkeiten pfeifen sogar die eigenen Fans. Bei aller Fairness seien die Schotten "Heißblüter". Der 55-Jährige erklärt: "Bei den Zweikämpfen gilt hier: entweder Sieg oder Blut am Schuh." Derlei mag er, der Terrier Vogts. Sein Nahziel ist die Qualifikation für die EM 2004, die Gruppengegner heißen Deutschland, Island, die Faröer-Inseln und Litauen. Vogts peilt Platz zwei und damit die Relegation an. Platz eins sei nur möglich, "wenn man uns in Deutschland nicht ernst nimmt".

Vogts verordnet "Bravehearts" eine Verjüngungskur

Er will die "total überalterte Truppe" kräftig verjüngen. Das ist auch bitter nötig. Spötter meinten bereits, es sei schwieriger, aus der Mannschaft zu fliegen, als in sie hineinzukommen. Vogts machte jetzt den großen Schnitt und berief für das Spiel in Frankreich sieben Spieler unter 21 Jahre, nur drei sind jenseits der 30. Das sei gut angekommen im Lande, so Vogts. Und wenn die ersten Spiele verloren werden? "Ohne Wenn und Aber ziehe ich das durch, die EM-Qualifikation schaffe ich auch mit dieser jungen Truppe." Dass die Jugendarbeit einen hohen Stellenwert hat, zeigte schon das Erstliga-Spiel der Rangers gegen Kilmarnock. Bis 20 Minuten vor Spielbeginn kickten D-Jugendliche auf dem heiligen Rasen - kaum denkbar in der Bundesliga.

Die Nachwuchsförderung ist sein Lieblingsthema, da redet sich der ehemalige DFB-Jugendtrainer warm. Auf der Insel hätte die Jugend noch Respekt vor den Trainern, auch die Schüler vor den Lehrern. Sein erster Vorschlag sorgte denn auch gleich für Schlagzeilen: Im Liga-Pokal sollten die Vereine nur schottische Spieler einsetzen dürfen. Daher sei der Verband auf der Suche nach einen "typisch schottischen Sponsor" für die nächste Saison. Sein Traum sei, bei der WM 2006 in Mönchengladbach mit seinem Team gegen Holland zu spielen: "Denn wer keine Träume hat, ist tot."

Nach Ostern ziehen seine Frau und sein 14-jähriger Sohn Justin nach Glasgow, dann dürfte er sich wirklich wie zu Hause fühlen. "Die neue Wohngegend ist gediegen, so ein bisschen wie am Niederrhein." Kleinenbroich auf Schottisch, wenn man so will.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%