Für den "Befreiungsschlag"
Die Stimme des Herrn

Am Ende bleiben ein Stoß kleinformatiger Blätter mit Stichworten, ein paar Din- A4-Seiten mit der durchgeschriebenen Rede - und es bleibt die große Hoffnung, der Kanzler möge um 9 Uhr alle aufgeschriebenen Fakten und Aperçus mit ruhiger Hand beiseite schieben und ignorieren. Denn nur frei ist Gerhard Schröder ein guter Redner. Ob er frei brilliert oder von Absatz zu Absatz rumpelt, entscheiden weder Berater noch Redenschreiber. Nicht einmal er selber. Da zählt nur die Tagesform.

In fast mythischer Erweckungserwartung harrt die Öffentlichkeit der "Schicksalsrede" des angezählten Kanzlers. Kein Wunder: Nie war das Ansehen eines deutschen Regierungschefs so im Keller. Wie einst Münchhausen sich am eigenen Schopf aus dem Morast zog, so wunderbar soll morgen das geschickt gesetzte Wort, die dramaturgisch exakte Intonation den politischen Schlamassel der letzten Monate übertönen. "Befreiungsschlag" lautet das Kriegerwort. Es kündet vom Abwehrkampf.

Noch nicht für des Kanzlers Berater. "Natürlich wird die Rede der Kulminationspunkt aller bisherigen Vorbereitungen des Kanzlers auf den notwendigen Reformkurs sein", verspricht einer sibyllinisch, der an der Rede mitgedrechselt hat. "Doch weniger mit Arabesken, staatsmännischem Pathos oder aristotelischem Diskurs; vielmehr müssen Inhalte logisch, mit überzeugender Argumentation rüberkommen." Im Kanzleramt heißt es schlicht: "Nüchtern" müsse die Rede sein. "Er muss nur schlüssig sein Reformprogramm darlegen."

Schlüssig heißt: Die Verpackung der zu verabreichenden Abspeck-Pillen fürs Volk muss stimmen. Dafür gibt es Reinhard Hesse, 47 Jahre alt. Der Redenschreiber ist ein "Frog", ein Mitglied der alten Schröder-Clique ("Friends of Gerhard Schröder"), weniger hochtrabend "Pils- und Currywurst-Connection" genannt. Der gelernte Journalist ist fast ein Vertrauter Schröders, einer, der hin und wieder des Kanzlers Ohr findet. Zusammen haben sie zwei Bücher veröffentlicht: "Reifeprüfung. Reformpolitik am Ende des Jahrhunderts" und "Briefe für ein modernes Deutschland". Schröder gab das Coverfoto und Hesse den Sound. Die Berater besorgten den Rest.

Der Hannoveraner startete seine Schreibkarriere bei der "taz", nach der Landtagswahl 1986 lernte er Schröder kennen. Das Mitglied der "undogmatischen Linken" arbeitet seither für ihn, wenngleich er als Journalist bei "Transatlantik" wie der "Woche" reüssierte und als Islam-Spezialist gilt. Vergangenen Sommer hat er ein Buch über die Folgen des 11. Septembers für die islamische Welt veröffentlicht.

Momentan schreibt er mal kein Buch. Da ist er eher gehetzt. Er muss wieder den Sound finden, der aus dem Potpourri von Hiobsbotschaften, Katastrophenmeldungen, Frust und Enttäuschung einen trotzdem noch erträglichen Appell an den Reformwillen der Bürger zaubert. Vor allem muss es trotz aller Tristesse der Fakten nach Zuversicht klingen und das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Kanzlers wieder erwecken.

Bei aller Maßarbeit für Schröder will sich Hesse selber in kein Korsett zwängen lassen. "Der besonders raffinierte, einzig treffende Satz ist nicht mein Ziel. Den suche ich erst gar nicht." Womöglich ist es da gar kein Zufall, dass die berühmten Sätze des Kanzlers von Schröder selber kommen - im Guten wie im Schlechten. Tatsächlich hat Hesse weder die "ruhige Hand" des Kanzlers noch dessen "uneingeschränkte Solidarität" mit den USA beschworen. Da hat er Glück gehabt. Denn im Nachhinein hat Schröder selber die symbolträchtigen Worte aus seiner Reden-Spirale gestrichen. Sie wurden zu geflügelten Worten des Stillstands der Regierung und des Opportunismus des Kanzlers. So wissen Hesse und Schröder: "Nachher klingt eh alles ganz anders." (Hesse)

"Die Leute würden sich wundern, wüssten sie, wie viel der Kanzler formuliert", strickt Hesse am Mythos vom gedankenlastigen Kanzler. Doch diesmal hat Schröder tatsächlich der Ehrgeiz gepackt, eine eigene Handschrift zu finden. Seit Freitag hat er Hesses Rede-Entwurf in Händen und ihn zu Hause kräftig auseinander gerupft, durcheinander gerüttelt und neu zusammengerührt. Am Montag hat er ihn dem Ghostwriter zurückgegeben. Hesse ist baff, während er im Manuskript blättert: "Erstaunlich, wie viel er geschrieben hat!" Doch schon ist der Redenschnitzer des Kanzlers wieder auf dem Sprung. "Ich muss ins Kanzleramt, zur nächsten Runde."

Tatsächlich wird bis kurz vor dem Auftritt nachgebessert, ausgetauscht, gekürzt. Die Leitartikel, Kommentare und Berichte über die gezielt gestreuten Details der Rede werden analysiert und nach der Erwartungshaltung der Öffentlichkeit befragt: Worauf reagieren die Menschen? Was verkündet die Opposition? Wie lauten die Umfragen?

Ganze Heerscharen von Beratern gehen so seit Tagen über den Text. Allen voran Frank-Walter Steinmeier, 47. Diesmal hat der Kanzleramtschef selber zwei bis drei Kapitel beigesteuert. Und bevor Hesse sich ans letzte Rededesign macht, um den Kanzler mit neuem Wortgewand auszustatten, hat Steinmeier längst das Kaleidoskop guter und schlechter Nachrichten aus den Ressorts des Amtes destilliert, das Hesse nun rhetorisch zusammenhalten soll. "Reden Sie bloß nicht von Mastermind! Das ist völliger Quatsch", bettelt Hesse um Bedeutungsschwund.

Denn natürlich soll er "nur" dabei assistieren, den Reformkanzler auferstehen zu lassen - aus den Ruinen seiner Politik: Rekord-Arbeitslosigkeit, Steuerreform, Bankrott im Sozial- und Gesundheitswesen, Pleitewelle. Inhalte sind nicht die Sache Hesses: Einen Beraterrang, wie ihn Klaus Harpprecht bei Willy Brandt genoss, hat er nicht.

Dabei weiß er besser als andere, dass Schröder jetzt allein mit einem kecken verbalen Augenaufschlag die Leute nicht mehr bezirzen kann. Auch mit einer fix in der Retorte des Kanzleramts gezeugten politischen Leitidee, einem schnell zusammengezimmerten ideologischen Überbau wird er nicht davonkommen. Die Wahrheit ist konkret. Kein Wunder also, dass sich vor Wochenfrist die Souffleure des Kanzlers bei solch nüchterner Erwartung konkret allein auf den Titel festlegen wollten: "Mut zum Frieden - Mut zur Veränderung". Das klingt immer gut. Dass diese Rede an die Nation überflüssig wäre, wenn der Kanzler schon Mut bewiesen hätte: anderes Thema.

Der Kanzler, der kaum Bücher anpackt, ist weder ein de Gaulle noch ein Brandt, kein Churchill und auch kein Fischer, Joschka. Selten kann er mitreißen. Hesses Rede-Design ist karg, Opulenz liebt Schröder nur beim Essen. "Der Kanzler neigt nicht zum Pathos. Deshalb verbietet sich die große Geste", weiß Hesse. Brioni-Eleganz strebt er nicht an. Solange niemand schreibt, der Kanzler komme im rhetorischen Kartoffelsack daher, ficht ihn Kritik nicht an. Überhaupt kümmert ihn das Getue um "seine" Rede nicht. Wenig glaubt er noch an die Macht, noch weniger an die Magie des öffentlichen Worts im Zeitalter der elektronischen Medien und der ständigen Reproduktion der Inhalte.

"Das Ansehen Schröders ist im Keller. Wenn er nicht seine Partei geschlossen hinter sich bringt, kann er sich Sorgen um die Kanzlerschaft machen. Schröders Rede muss mehr als gut werden", sagt - nicht Hesse. So orakelten 1999 die Zeitungen vor dem SPD-Parteitag in Berlin. Die Rede war nicht gut. Und doch heißt der Kanzler auch morgen wieder: Gerhard Schröder.

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