Für den Vorstandsvorsitzenden zählt Konsens statt Hahnenkampf
Bernhard Schreier: Der ruhende Pol bei Heidelberger Druck

In allen börsennotierten Unternehmen gilt, dass ein Vorstand medientauglich sein muss, souverän wie ein Nachrichtenmoderator vom Teleprompter abliest, in englisch ebenso gewandt wie in deutsch formuliert, mitreißen kann und ein leidenschaftlicher Selbstdarsteller sein muss, wenn er Erfolg haben will. In allen börsennotierten Unternehmen? Nein. An der Spitze der Heidelberger Druckmaschinen steht mit Bernhard Schreier ein Mann, dem all das ziemlich egal ist.

HEIDELBERG. Ganze fünf Nennungen in den Medien konnte der Medien Tenor für das zweite Halbjahr 2000 ausmachen. Damit würde Schreier ungefähr auf Rang 350 bis 380 der am häufigsten in den Medien genannten Manager landen, während sein Vorgänger Hartmut Mehdorn - heute Chef des zugegebenermaßen publicityträchtigeren Unternehmens Deutsche Bahn - mit 790 Erwähnungen im vergangenen Jahr auf Platz eins landete.

Für Bernhard Schreier zählen Konsens statt Hahnenkampf, Fakten statt Macht, Aufrichtigkeit statt Angeberei. "Selbstbewusst, aber nicht arrogant, eher zurückhaltend, aber interessiert", so hat ihn Florian Peters, Gründer des Trendbüros Cscout, bei einer Debatte über die Zukunft der Printmedien in New York erlebt. "Sein Selbstbewusstsein beruhte nicht auf imposantem Auftreten, sein Charisma lebt eher von Fachkenntnis. Er konnte zum Beispiel sämtliche Baureihen und Spezifikationen der Druckmaschinen in die Diskussion einbringen."

Kein Wunder: Bernhard Schreier ist mit den Heidelberger Druckmaschinen groß geworden, schon sein Vater und sein Großvater verdienten hier ihre Brötchen. Es passt alles zusammen: das Interesse an Technik und das Basteln an Motoren, das Maschinenbaustudium an der Berufsakademie Mannheim in Verbindung mit der Heidelberger Druckmaschinen AG - obwohl dort damals gerade Kurzarbeit herrschte.

Eine lupenreine Konzernkarriere

"Das war schon immer ein großer Arbeitgeber in Wiesloch, die Sicherheit des Arbeitsplatzes hat man nie in Frage gestellt, man wusste, das ist stabil und wird es immer sein", erinnert sich der 47-jährige Schreier. Und als er im vergangenen Jahr zum Treffen der 25-jährigen Jubilare ging, da zählte er nicht nur selbst dazu, da kannte er auch die große Mehrheit der Eingeladenen.

1978 begann der Diplomingenieur als Assistent der Montageleitung, 1980 wurde er Abteilungsleiter Montage Mitteloffset, 1982 Betriebsleiter Speedmaster und S-Offset. 1985 bekam er die Verantwortung für den Neubau der Zentralmontage, ein 250-Millionen-Mark-Projekt. Die Zentralmontage leitete er bis 1990.

Dann wurde er gefragt, ob er nicht die Verantwortung für Montage und Fertigung im Werk von Heidelberg Harris in Montataire, 40 Kilometer nördlich von Paris, übernehmen wolle. Schreier zögerte nicht lange, "obwohl Sprachen nie meine Leidenschaft waren", und zog mit Frau und den fünf, acht und zehn Jahre alten Kindern nach Frankreich. Ein Jahr später wurde Schreier Mitglied der Geschäftsleitung der Sparte Heidelberg Harris. "Damit war ich der einzige Techniker mit Auslandserfahrung", erklärt er bescheiden, wieso er 1995 als stellvertretendes Vorstandsmitglied der Druckmaschinen berufen wurde, zuständig für den Bereich Produktionstechnik.

Das Wort "aggressiv" gehört nicht zu Schreiers Lieblingsausdrücken

1996 wurde Hartmut Mehdorn Vorstandsvorsitzender und krempelte die Organisation gründlich um. Es gab keine funktionalen Vorstände mehr, sondern Spartenverantwortliche. Das Wort "aggressiv" gehört nicht zu Schreiers Lieblingsausdrücken. Er verwendet es nur einmal: als er beschreibt, welches Wachstumsprogramm Mehdorn den Heidelberger Druckmaschinen verordnete. Die AG kaufte die Druckvorstufe zu und erwarb unter anderem die defizitäre Linotype.

Schreier holte die Kohlen aus dem Feuer. Er verlagerte die Linotype-Produktion komplett nach Kiel und schloss das Werk in Eschborn. "Als ich die schlechte Nachricht verkündet hatte, war es zwei Minuten ganz still, dann gab es die ersten Schluchzer. Das will man nicht zwei Mal oder drei Mal erleben", erinnert er sich.

Zweifel an der Richtigkeit hatte Schreier dennoch nicht. "Ich bin ein wenig politischer Mensch. Ich kann die Faktenlage nicht beschönigen. Man muss hinter seiner Entscheidung stehen, und man muss sie auch später noch nachvollziehen können. Und wenn sich die Bedingungen wieder verändern, muss man auch den Mut haben, Entscheidungen wieder zu revidieren." So hatte er zum Beispiel die Montage in Wiesloch auf Flexibilität getrimmt. Als sich herausstellte, dass mehr Standardisierung gefragt war, machte er das wieder rückgängig.

Viel Freiheit für die Mitarbeiter

"Allein um der Macht willen würde ich keine Entscheidung treffen", sagt Schreier. "Ich muss mich eher dagegen wehren, dass ich zuviel zurückdelegiert bekomme, was ich entscheiden soll."

Für seine Mitarbeiter bedeutet das viel Freiheit. Peter Caspar Hamel, früherer Gruner+Jahr-Pressesprecher und seit Sommer 2000 für Kommunikation und Marketing verantwortlich, staunt noch immer über seinen großen Spielraum: "Ich bekomme überhaupt keine Vorgaben, wie zum Beispiel die Pressearbeit in Singapur zu machen ist, Schreier erwartet im Gegenteil von mir Konzepte."

Ab März 1999 kümmerte sich Schreier um die Integration von Heidelberg Digital in Rochester. Eigentlich sollte er dort länger bleiben, doch dann warb die Bahn seinen Chef ab. Dietmar Kuhnt, Chef des Mehrheitsaktionäres RWE, beförderte ganz schnell Schreier auf den Chefsessel. Furcht, dass ihm seine Aufgabe zu groß sein könnte, hatte er nicht, obwohl die Fußstapfen groß sind, in die er da getreten ist: unter Mehdorn war der Umsatz von 3,7 auf 7,7 Milliarden Mark gestiegen, der Jahresüberschuss verdoppelte sich. Aber auf die Frage nach Stress heißt die Antwort: "Stress hat man doch nur, wenn das Bild, das man sich gemacht hat, nicht mit der Wirklichkeit übereinstimmt."

Drang zur Selbstdarstellung ist Schreier fremd

Der Pfälzer ist kein Mann der heftigen Ausschläge nach rechts und links. Mittags fährt er weder nach Hause noch lässt er sich ein großartiges Essen servieren - ein paar Scheiben Brot mit Käse und Obst tun?s auch. Seine Mitarbeiter sollen die Welt nicht verändern wollen, aber auch nicht zu schüchtern sein.

Schreier ist ein Vorstandsvorsitzender, der sich nicht aus der Ruhe bringen lässt, der den Konsens sucht, seine Branche aus dem Effeff kennt und dem man offenbar nur eines vorwerfen kann: die mangelnde Lust an der Selbstdarstellung. Kein gemeines Wort ist ihm zu entlocken: nicht über die Studentenausbildung an der PH Heidelberg, die dem Pragmatiker Schreier, der sich dort im Hochschulrat engagiert, etwas weltfremd vorzukommen scheint, nicht über die Baustellen, die ihm Mehdorn hinterließ.

Nur einmal antwortet er ganz spontan, auf die Frage, welches andere Unternehmen er denn gern leiten würde: "Die Deutsche Bahn ganz bestimmt nicht." Aber eigentlich möchte Bernhard Schreier überhaupt kein anderes Unternehmen leiten, eigentlich möchte er auch in zehn Jahren noch auf seinem Vorstandssessel bei den Heidelberger Druckmaschinen sitzen.

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