Für die Rente vorsorgen
Wie Aktionäre vom Altern profitieren

Die zunehmende Überalterung der Bevölkerung wird einigen Titeln zugute kommen. Dazu zählen Pharma- und Medizintechnik-Firmen sowie Reisedienstleister.

"Die Leute warten nicht mehr ab, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist, sondern versuchen, Krankheiten vorzubeugen." Delbrück-Analyst Thomas Schießle ist nicht der einzige, der festgestellt hat: Im Gesundheitswesen geht der Trend hin zu mehr Vorsorge. Mit steigenden Durchschnittsalter der Bevölkerung dürften also immer mehr Menschen im mittleren Alter cholesterinarme und vitaminhaltige Kost nachfragen. Das bedeutet: Hersteller von "functional food" (Nahrungsmittel, die auch medizinische Zwecke erfüllen) wie etwa Nestlé haben gute Gewinnaussichten. Auch die Diagnostik ist deswegen ein Wachstumsmarkt, meint Schießle mit Blick auf den Schweizer Konzern Roche. Denn die Konsumenten der funktionalen Nahrung müssen mit Hilfe von Messgeräten zum Beispiel ihren Cholesterinpegel überwachen oder ihren Vitaminbedarf feststellen.

Doch auch gesunde Ernährung kann Krankheiten - insbesondere bei älteren Menschen - oft nicht verhindern. Folglich dürften Pharmafirmen, Bio- und Medizintechnikunternehmen, Krankenhausbetreiber sowie auf Senioren spezialisierte Dienstleister von der zunehmenden Überalterung der Weltbevölkerung profitieren; auch wenn diese Unternehmen lange Zeit dem Gesamtmarkt eher hinterherhinkten.

So steigt mit dem Alter auch die Anfälligkeit für die Zuckerkrankheit (Diabetes), wie Klaus Przybilla, Analyst bei Dresdner Kleinwort Wasserstein, erklärt. Diabetes führe oft zu Nierenschäden - vor allem dann, wenn sie nicht richtig behandelt werde; dann sei eine Blutwäsche (Dialyse) erforderlich. Gewinnzuwächse erwarten Analysten daher zum Beispiel bei dem Pharmaunternehmen Pfizer, das das Medikament Glucotrol XL gegen Altersdiabetes anbietet (siehe Kasten). Dasselbe gelte für Dialysespezialisten wie Fresenius Medical Care - und dessen Hauptanteilseigner, die Mutter Fresenius AG - sowie für die schwedische Gambro, meint Andreas Schmidt von Merrill Lynch. Zumal FMC und die Schweden zusätzlich Kliniken betreiben, in denen sie Blutwäsche durchführen. "Allerdings hatte Gambro in jüngster Zeit einige Schwierigkeiten, die zugekauften Firmen zu integrieren", kritisiert Schmidt. Doch das Management bekomme diese Probleme langsam in den Griff. Er empfiehlt den mittelfristig noch auf "Neutral" gestuften Wert daher langfristig zum Kauf.

Von einer zunehmenden Anzahl der Dialysepatienten - Experten erwarten in den nächsten fünf Jahren einen jährlichen Zuwachs von acht Prozent - werde auch der Medizintechnik-Riese Baxter profitieren, meinen Schmidt und Schießle. Der breit diversifizierte US-Konzern habe auch in anderer Hinsicht gute Karten. Denn er biete Produkte an, mit denen die altersbedingt zunehmende Weißfleckenkrankheit bekämpft werden kann. Das boomende Dialysegeschäft werde außerdem Bayer mit seinen Diagnosegeräten für Blutzucker Ergebniszuwächse eintragen, ist Schießle überzeugt.

Schmidt verweist allerdings auf einen wichtigen Unterschied zwischen Pharmatiteln und Medizintechnikherstellern: "Technische Geräte können Mitbewerber leichter nachahmen als Medikamente." So betrage denn auch die Gewinnmarge der Pharmaunternehmen - das Verhältnis des operativen Gewinns zum Umsatz - meist 20 bis 30 Prozent. Bei Medizintechnikproduzenten liege diese Spanne mit 10 bis 15 Prozent deutlich niedriger. Schmidts Methode, um das Potenzial eines Unternehmens aus dem Bereich Health Care beurteilen zu können: Er nimmt die Produkte unter die Lupe, die die Firma in der Pipeline hat. Das führt zu dem zunächst überraschenden Schluss, dass Schering - bekannt als Hersteller von Verhütungsmitteln - auch von dem Alterungstrend profitieren werde. Denn neben den reinen Anti-Baby-Pillen produziere Schering auch solche mit Hormonersatz für Frauen in und nach den Wechseljahren; damit soll Osteoporose (Knochenschwund) und Krebs vorgebeugt werden. Ein Wachstumsmarkt wären auch Hormonpillen für ältere Männer, vermutet Schmidt; doch bislang hat Schering noch kein solches Produkt im Angebot.

Zu den Unternehmen, die von der Überalterung der Bevölkerung profitieren dürften, zählt Schießle auch den US-Konzern Medtronic, der Hardware für Röntgengeräte und Herzschrittmacher herstellt. Denn der Hospitalmarkt werde Auftrieb erhalten; allerdings sei dieses Geschäft vor allem in den USA "preissensibel". Przybilla hält jedoch RhönKlinikum für ein viel versprechendes Investment. Das Unternehmen kaufe öffentliche Krankenhäuser auf und betreibe sie privat effizienter.

Schießle ist der Meinung, dass auf dem Hospitalmarkt tätige Firmen vor allem mittelfristig Zuwächse versprechen. Langfristig orientierte Anleger, die auf den Trend zur stärkeren Vorsorge oder auf neue Produkte im Gesundheitssektor setzen wollten, sollten sich an Werte wie Bayer, Roche oder an Biotechnologiefirmen halten. Experten verweisen auf das Biotechnologieunternehmen Genentech, das Herz- und Krebsprodukte produziert. Schießle hält zudem die schweizerische Sulzer Medica, einen Hersteller von Implantaten, auf dem aktuellen Kursniveau für attraktiv.

Neben Pharma- und Biotechnikfirmen dürften auch Dienstleitungsunternehmen zu den Profiteuren einer zunehmenden Überalterung der Gesellschaft gehören. Besonders der Touristik-Branche werden gute Chancen eingeräumt. "Ältere Menschen haben eher die Zeit und das Geld, sich Urlaubswünsche zu erfüllen", sagt Berndt Fernow, Anlagestratege der Landesbank Baden-Württemberg. Bereits jetzt sind nach Angaben der Preussag-Tochter TUI 41 Prozent der erwachsenen Urlauber älter als 50 Jahre. Eine Entwicklung, über die man bei Tui keinesfalls unglücklich ist. "Senioren verfügen in der Regel über eine höhere Kaufkraft", sagt Sprecher Bernd Rimele. Nach Einschätzung von Analysten könnte die zum Touristikkonzern umgemodelte TUI-Mutter Preussag von diesem Trend profitieren. Vom Buchungsvorgang über den Flug bis zur Reisebetreuung bietet der Konzern über seine Tochtergesellschaften ein komplettes Dienstleistungsangebot für Reisende.

Bei TUI sind Langzeit-Aufenthalte über die Winterzeit in der Mittelmeerregion oder auf den kanarischen Inseln schon jetzt im Kommen. Speziell auf ältere Menschen zugeschnittene Urlaubsangebote sind bei ihr hingegen nicht geplant. 80 Prozent der Senioren wollen nach TUI-Angaben nicht in ein Senioren-Hotel. Das Etikett Senioren wirkt anscheinend abschreckend - nach dem Motto: Alt werden will jeder, alt sein aber keiner.

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