Für junge Unternehmen, die von den Problemen ihrer großen Konkurrenten profitieren wollen, heißt es: Hosen runter
Mitarbeitersuche: Etikette missachten

Startups, die Mitarbeiter suchen, können von der Krise großer Konzerne profitieren - wenn sie sich solide präsentieren und Modebegriffe vermeiden.

DÜSSELDORF. Norbert Schulte Herbrüggen hat die New Economy lange beobachtet. "Aber die anfängliche Goldgräberstimmung war mir suspekt", sagt der Vertriebsexperte, der zwölf Jahre bei Xerox arbeitete und zuletzt den Vertrieb für Norddeutschland leitete. Doch nachdem die Krise auch den Druckerhersteller getroffen hatte, wechselte Schulte Herbrüggen vor drei Monaten als Vertriebsleiter zum Hamburger Startup Mondus, einem 1999 gegründeten Unternehmensmarktplatz für den Bürobedarf.

New Economy profitiert davon, dass es den anderen auch schlecht geht

Sein Beispiel deutet an, dass im Kampf um die Talente zwischen Old und New Economy die nächste Runde eingeläutet ist. Zwischen 1999 und dem Frühjahr 2000 strömten die Bewerber in Scharen in die Großraumbüros junger High-Tech-Unternehmen. Nachdem sie feststellen mussten, dass nicht alles Gold ist was glänzt, kehrten viele in den vermeintlich sicheren Schoß großer Konzerne zurück. Doch seit die Riesen Entlassungen in Tausendern messen, verliert die Old Economy ihr gewichtigstes Argument: Sicherheit.

Nächste Runde im Kampf um Talente eingeläutet

Auch Schulte Herbrüggen freundete sich mit dem Gedanken an einen Wechsel in die New Economy an, als Xerox im Oktober 2000 damit begann, die Hälfte seiner 1 900 Mitarbeiter in Deutschland zu entlassen. "Ich hatte anfangs Angst um meinen Job", sagt der 41-jährige Vater von drei Kindern. Zu Unrecht. Aber hinzu kam: "Es war eine Situation, in der der Job nicht mehr viel Spaß gemacht hat."

Mondus-Personalleiterin Grit Riczisi glaubt: "Ohne die Probleme bei Xerox wäre er erst gar nicht auf uns aufmerksam geworden." Christian Weiss, Mitgründer des im Februar gestarteten Berliner Telekommunikations-Unternehmens Project49, generalisiert: "Die New Economy profitiert davon, dass es den anderen auch schlecht geht."

Karten sind neu gemischt

Hinzu kommt: Nachdem die Presse bis zum Frühjahr alles, was New Economy war, runtergeschrieben habe, habe man heute wieder Zeit für das "aber", meint Weiss. Junge Unternehmen würden nicht mehr alle in einen Topf geworfen. "Ich bin froh, dass wir erst im November begonnen haben, meint Carsten Luther, Vorstand beim Bregenzer Startup Doo4yoo, das seitdem 14 Mitarbeiter eingestellt hat. "Wir haben einen Bonus, weil wir uns über Wasser gehalten haben."

Die Karten sind neu gemischt. Wie sie verteilt werden, ist noch nicht ganz klar. "Es ist heute wesentlich leichter, qualifizierte Mitarbeiter mit realistischen Forderungen zu finden, als im Boom der New Economy", sagt zum Beispiel Roderich Pilars, Finanzvorstand beim Kölner Software-Produzenten Sevenval. "Damals haben sich Leute, die seit anderthalb Jahren eine Datenbank betreut haben, als Entwickler beworben und 8.500 Mark Fixgehalt plus Aktienoptionen verlangt."

Gescheiterte Startups brachten New Economy schlechten Ruf ein

"War es vor zwei Jahren extrem schwierig, Programmierer anzuheuern, so ist es heute sehr leicht", bestätigt Paul Hickey, Chef von Q Comm International, einem amerikanischen Telefonkartenanbieter. Allerdings sehen Pilars und Hickey den Grund weniger in der Krise der Old Economy als in der Pleite vieler Internetunternehmen und den damit verbundenen Entlassungen.

Mitarbeiter sind kritischer geworden

Im Gegensatz zu ihnen glaubt Uwe Weiss, dass es heute für junge Unternehmen gegenüber 1999 "definitiv schwieriger" geworden sei, Mitarbeiter zu finden. Als Grund sieht der Chef der Heidelberger Personalberatung Rarecompany den negativen Ruf, den gescheiterte Startups der New Economy eingehandelt haben.

"Die Mitarbeiter sind kritischer geworden. Wenn parallel zum Job in der New Economy ein Angebot von Großkonzern oder Beratung kommt, sind sie schnell bereit, zuzustimmen." Vor allem bei den begehrten Fachkräften für Informationstechnologien und den Vertrieb bestimmten immer noch die Bewerber die Konditionen.

Faire Bezahlung, professionelle Organisation und eine gewisse Sicherheit

Allerdings spürt auch Weiss, dass der Arbeitsmarkt entspannter ist, und bestätigt damit die Erfahrungen von Angélique Morio, zuständig für Anwerbung und Integration beim Münchener Personalberater HRblue. "Wir haben heute teilweise ein Überangebot an Bewerbern." Sie glaubt, dass die beginnende Entlassungswelle in Konzernen eine Chance für die New Economy darstellen. "Das Potenzial ist da, aber es herrscht keine extreme Euphorie."

Die wechselnden Einbahnstraßenregelungen der vergangenen zwei Jahre sind aufgehoben. "Die Leute wollen idealerweise die Vorteile von Großunternehmen nutzen und mit der Kreativität von kleinen Unternehmen kombinieren", sagt Thorsten Becker, Geschäftsführer der Hamburger Management Angels, einem Vermittler von Interims-Managern. "Sie erwarten eine faire Bezahlung, professionelle Organisation und eine gewisse Sicherheit."

Für die jungen Unternehmen, die von den Problemen ihrer großen Konkurrenten profitieren wollen, heißt das: Hosen runter. "Man sollte mit einem potenziellen Mitarbeiter wie mit einem potenziellen Investor verfahren", beschreibt Personalberater Weiss das Erfolgsrezept für die Mitarbeitersuche.

New Economy wird von Bewerbern mit hohem Risiko assoziiert

"Die Bewerber wollen wissen, wie hoch die Finanzierung ist, welcher Investor hinter dem Unternehmen steht und wie lange das Geld reicht", hat auch Mondus-Personalerin Riczisi erfahren. Nur wenn das Startup auf festen Beinen steht, kann es die Vorteile ausspielen, die man gemeinhin als Kennzeichen der New Economy betrachtet: Flache Hierarchien, gutes Betriebsklima und ein breites Aufgabenspektrum."

"Die Leute haben das Gefühl, dass sie mit dem Unternehmen gemeinsam etwas aufbauen können", begründet Marcel Yon, der Chef des Bochumer Software-Unternehmens ZN Vision Technologies, warum Bewerber auch heute noch in einem jungen Unternehmen anheuern.

Von den früher üblichen Stellenausschreibungen im Stile von "Wir sind ein junges dynamisches Startup aus der New Economy" rät US-Unternehmer Hickey wie seine Kollegen aber dringend ab. New Economy würden die meisten Leute immer noch mit hohem Risiko assoziieren. Und: "Mittlerweile betrachten die meisten Leute ein Startup als einen Ort, an dem man sich dumm und dämlich arbeiten kann, ein kleineres Gehalt bekommt und sechs Monate später seinen Job verliert."

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