Für ÖTV-Chef Frank Bsirske beginnt an der Spitze der neuen Großgewerkschaft ein Eiertanz
Kommentar: Verdi steht vor vielen Widersprüchen

Bei allen Zweifeln an Sinn, Zweck und Perspektiven der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi - eins ist festzuhalten: Taktisch und organisationspolitisch haben die Vorsitzenden von ÖTV, DAG, HBV, Postgewerkschaft und IG Medien eine Meisterleistung hingelegt. Fünf selbstbewusste Organisationen in einem demokratischen Prozess zur weltgrößten Einzelgewerkschaft zu fusionieren, war ein Kraft- und Willensakt, der - zumindest bis zu diesem Stadium - auch in der Unternehmenslandschaft ohne Beispiel ist.

Nach turbulentem Vorspiel haben die rund 2 000 Delegierten auf den fünf Kongressen die Vier-Fünftel-Quoren hinter sich gelassen und den Schritt in die gemeinsame Zukunft riskiert. Dieser Mut verdient Anerkennung. Immerhin haben sie so das Bild vom selbstgenügsamen Traditionsverein Gewerkschaft gründlich widerlegt.

Nun ist es also da, das große "Signal der Reformfähigkeit", das die Verdi-Gründer stets beschworen haben. Nur leider, sie mögen es in ihrer Euphorie fürs Erste noch verdrängen, weist das Signal geradewegs auf einen Widerspruch. Denn die beiden wesentlichen Eigenschaften der 1 000-Berufe-Gewerkschaft Verdi, ihre Größe und ihre Heterogenität, stehen einer reformbereiten Politik genau im Weg.

Für bedenklich große Teile der neuen Organisation verkörpert Verdi vor allem die Erwartung, nun könne man mit neuer Stärke schon verlorene Verteilungskämpfe weiterführen. Sie übersehen, dass starres Festhalten an überholten Gegensätzen wesentlich zum Attraktivitätsverlust der Gewerkschaften beigetragen hat - auch wenn sich eine schrumpfende Mitgliedschaft damit kurzfristig mobilisieren lässt.

Noch wahrscheinlicher für Verdi ist jedoch, dass es in der ersten Konsolidierungsphase zu einer Blockade zwischen "Traditionalisten" und "Reformern" kommt. Letztere erkennen, dass die Gewerkschaften bei der sozial- und wirtschaftspolitischen Agenda wie bei der Tarifarbeit aus der Defensive kommen müssen. Arbeitsumverteilung, strikter Widerstand gegen mehr individuelle Verantwortung im Sozialstaat - solche Konzepte mögen bei Konflikten um die praktische Zusammenarbeit der Funktionäre in der neuen Großgewerkschaft vielleicht integrierend wirken. Mit Reformfähigkeit haben sie nicht viel zu tun.

Natürlich haben die Mitgliederverluste der Gewerkschaften auch damit zu tun, dass durch den Strukturwandel der Wirtschaft Branchengrenzen immer öfter quer zu den Gewerkschaftsgrenzen verlaufen; dem trägt die Fusion nun Rechnung, indem sie die Grenzen zwischen den fünf Partnern tilgt. Doch der Vorteil größerer Nähe zu den Beschäftigten der jungen Branchen zählt kaum, wenn sie neben einem neuen Logo nicht auch ein neues Leitbild bieten können.

Der designierte Verdi-Chef Frank Bsirske steht hier vor einer Aufgabe, die noch ungleich schwieriger sein wird als alles, was er seit November für das Zustandekommen der Fusion geleistet hat. Großen Rückhalt hat ihm eingetragen, dass er sich im Bündnis für Arbeit ebenso wie außerhalb um enge Abstimmung mit der IG Metall bemüht. Doch es ist ein gefährliches Spiel. Viele Verdianer träumen davon, der pragmatischen IG Bergbau, Chemie, Energie und dem ungeliebten Deutschen Gewerkschaftsbund zu zeigen, wo der Hammer hängt.

Womöglich ist Verdi erst der Auftakt für ein erbittertes Gerangel im Gewerkschaftslager. Soll man darauf hoffen, weil die Bundesregierung so mehr Spielraum bei der Lösung der vielen offenen Reformaufgaben erhalten könnte? Bsirske hat die ÖTV geeint, der große Eiertanz beginnt für ihn erst jetzt. Ein Reformsignal in Richtung Arbeitsmarkt ist das noch nicht.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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