Für risikobereite Investoren mit langfristigen Strategien gibt es weiterhin gute Einstiegsmöglichkeiten an den Börsen in Südamerika
Brasilianische Aktien finden wieder Gefallen

Für risikobereite Investoren mit langfristigen Strategien gibt es weiterhin gute Einstiegsmöglichkeiten an den Börsen in Südamerika.

SÃO PAULO. In Lateinamerika findet derzeit ein Stimmungswandel statt. Immer mehr Experten bescheinigen dem Kontinent gute Voraussetzungen für eine anhaltende Börsenhausse. "Sinkende Zinsen, schwindende Inflation und schrumpfende Defizite in den Haushalten der großen Ökonomien der Region werden sich positiv auf die Aktien auswirken", prognostiziert die Deutsche Bank. Solche Einschätzungen überraschen, denn noch vor wenigen Wochen sah die Lage düster aus. Als Argentinien Mitte Oktober kurz davor war, seine Auslandsschulden nicht mehr zu bedienen, schienen die Hoffnungen der Anleger auf eine Erholung an den südamerikanischen Börsen endgültig zerschlagen.

Doch seit den nervösen Tagen im November hat sich die Lage wieder beruhigt - und plötzlich haben die Optimisten wieder die Oberhand. Hilfreich für die bessere Stimmung ist dabei die Kredithilfe des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Argentinien mit 40 Milliarden Dollar unter die Arme greift. Ein potenzieller Krisenherd ist damit für die nächsten Monate ruhig gestellt.

Das Beispiel zeigt: Trotz der allgemein guten Aussichten müssen Anleger differenzieren zwischen den einzelnen Ländern des Kontinents. Am schlechtesten geht es derzeit den nördlichen Andenländern von Peru bis Venezuela. Dort sorgt politisches Chaos für Zurückhaltung bei Investitionen. Venezuela und Kolumbien leiden unter einer Kapitalflucht, wie sie sie seit den achtziger Jahren nicht mehr kennen. Qualifizierte Arbeitskräfte sind kaum zu finden, weil jede Arbeitskraft auswandert, wenn sie kann. In Peru wird es im besten Falle noch bis Mitte nächsten Jahres dauern, ehe erkennbar ist, wer politisch die Führung nach dem Rücktritt Fujimoris übernehmen wird. Viele Auslandsinvestoren haben deshalb ihre Gelder abgezogen.

Auch Argentinien haben die meisten Investmentfonds untergewichtet, weil die IWF-Hilfe die Probleme des Landes nicht dauerhaft löst. Die überbewertete Währung, eine schwache Regierung und eine verunsicherte Bevölkerung verhindern, dass die Wirtschaft wächst. Wenn bis zum kommenden Frühjahr die Konjunktur nicht anzieht, dürfte das Pampaland wieder Probleme bekommen.

Gut sieht es dagegen beim Nachbarn Brasilien aus. Inflation, Wachstum, Haushaltsdefizit entwickeln sich nach Meinung von Beobachtern positiv. Beleg für die wachsende Zuversicht ausländischer Investoren ist, dass die Kurse der brasilianischen Brady-Bonds in den letzten Monaten stetig nach oben zogen. Die Deutsche Bank hat inzwischen ihre Priorität in Lateinamerika von Mexiko auf Brasilien umgestellt. Im Amazonasland werden die Investitionen und das industrielle Wachstum stärker zulegen als in Mexiko - so die Prognosen der Deutschbanker. Außerdem sind Aktien in der größten Wirtschaft Südamerikas vergleichsweise billig. Für Brasilien zählt weiterhin, dass der brasilianische Real weniger unter Abwertungsdruck steht als der mexikanische Peso.

Ähnlich positiv sehen Beobachter derzeit Chile. Die Andenökonomie wird 2001 das Wachstumstempo in Südamerika anführen und von den sinkenden Ölpreisen und steigenden Kupfernotierungen profitieren. Vor allem die Aktien von Stromkonzernen und Banken werden stark zulegen, erwartet die Deutsche Bank. Dennoch halten deren Analysten ihr Engagement in Chile neutral. Der Grund: Die Aktien sind rund 40 Prozent teurer als der regionale Durchschnitt. Stratege Renato Grandmont empfiehlt eine defensive Strategie in Südamerika. Wegen des Wechselkursrisikos hält er vor allem Aktien von Unternehmen interessant, die nicht im Ausland verschuldet seien, jedoch in Devisen verdienen: Exportunternehmen aus den Branchen Bergbau, Öl und Gas, sowie Zellulose.

Quer durch die Regionen schneiden bei allen Prognosen weiterhin die Banken gut ab - vor allem in Brasilien und Mexiko. Sinkende Zinsen und das Konjunkturtempo lassen die Geldhäuser auch künftig gut verdienen. Die brasilianische Bradesco, die größte Privatbank Lateinamerikas, steht bei den meisten Analysten auf "Kauf". Auch der brasilianische Unibanco sowie die chilenische Bank Edwards werden derzeit von vielen Analysten favorisiert.

Konsumaktien profitieren von der sinkenden Arbeitslosigkeit und den niedrigen Zinsen. Zu den führenden lateinamerikanischen Aktien in dieser Sparte zählt Ambev, die viertgrößte Brauerei der Welt, aus Brasilien. Die Deutsche Bank erwartet, dass die Gewinne des Konzerns die nächsten drei Jahre zulegen werden. Die Synergien nach der diesjährigen Fusion aus den zwei führenden brasilianischen Brauereien seien noch nicht zu spüren. Außerdem würden die Gewinnmöglichkeiten aus dem Softdrink-Bereich noch unterschätzt.

Bei Aktien der Branchen Telekom und Strom könnten wegen der knapper werdenden Projektfinanzierungen aus dem Ausland und den zähen Ausschreibungsprozessen bei Konzessionen oder Privatisierungen etwas die Luft ausgehen. Dennoch ist in Brasilien die Tele-Norte-Leste - kurz Telemar genannt - attraktiv. Sie wächst am schnellsten unter den lateinamerikanischen Festnetzunternehmen.

Bergbauaktien haben nach schwachen Jahren wieder eine rosige Zukunft - wenn man den Analysten glaubt. Wegen des weltweit knapper werdenden Angebots an Metallen könnten vor allem die Förderer von Eisenerz, Kupfer und Aluminium einen Wertanstieg erleben. Der weltgrößte Eisenerzhersteller, die brasilianische Companhia Vale do Rio Doce (CVRD), ist der größte Eisenerzproduzent der Welt und hat seit der Privatisierung vor zwei Jahren stetig seine Kosten gesenkt. Seine Überkreuzbeteiligungen im Bereich Papier und Zellulose will der Konzern im nächsten Jahr verkaufen. Analysten sehen ein Kurspotenzial von fast 60 Prozent.

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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