Für viele ist Josef Ackermann die Idealbesetzung für den Chefsessel der Deutschen Bank
Porträt: Josef Ackermann

Fleckenlos scheint das Image von Josef "Joe" Ackermann, 54, dem neuen Chef der Deutschen Bank. Es wirkt geradezu einschüchternd.
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DÜSSELDORF. Ackermann, dessen schulische Leistungen in Mathematik seine Lehrer von Höherem träumen ließen als "bloß" einem Ökonomiestudium, geht methodisch vor: Erst kommt die Analyse eines Ist-Zustandes, dann spielt er Szenarien durch, erarbeitet eine Strategie und zieht sie durch. So hat er bei der damaligen Schweizerische Kreditanstalt (SKA), der heutigen Credit Suisse Group, Karriere gemacht. Sein Meisterstück war die Eingliederung der Schweizerischen Volksbank in die SKA. Die Integration von Bankers Trust (BT) in die Deutsche Bank Ende der Neunzigerjahre gelang ihm genauso gut. Und beide Male trat er nicht auf wie ein Sanierungsrambo.

Sein Freund und Berater Jörg Neef - sie hatten sich am Ende der Siebzigerjahre in New York kennen gelernt, als Neef bei einem Think Tank arbeitete und Ackermann die Karriereleiter bei der SKA hochkletterte - findet bei Ackermann am wichtigsten: "Er hat gerne Spitzenleute um sich herum, und er denkt gar nicht daran, sich mit Mittelmäßigen zu umgeben, um heller strahlen zu können." Edson Mitchell war so ein Strahlemann. Er war von Merrill Lynch abgeworben worden, um das Investmentbanking der Deutschen Bank konkurrenzfähig zu machen und stand schon - frustriert - vor dem Wechsel zu UBS Warburg Dillon Read. Ackermann überzeugte ihn, dass er besser bliebe. Und nach Mitchells Unfalltod 2000 konnte er dessen Team zusammenhalten.

Das Talent, mit Investmentbankern aus New York auszukommen, ist Ackermann nicht in die Wiege gelegt worden. Wie lernt das einer, der aus einem gediegenen bürgerlichen Elternhaus - dem Vater, einem Landarzt im St. Galler Oberland, half er im Winter beim Verarzten von Skifahrerknochenbrüchen - in der Provinz stammt?

Ackermanns Karriere in der SKA verlief schnell, aber konventionell. Dazu passt, dass er gleichzeitig mit Studium und Promotion Karriere in der Schweizer Milizarmee machte. Nach Rekrutenschule und vielen Aspirantenkursen - Wehrübungen - hat er es als Kommandeur des 11. Artillerieregiments zum Oberst gebracht, dem höchsten Rang, den einer erreichen kann, der nicht Berufssoldat ist. Früher war militärischer Ehrgeiz Bedingung für die Karriere bei einer Schweizer Bank. Das hat sich gelockert, aber Ackermann denkt gar nicht daran, das Militärische zu verstecken: Er lobt die Zielorientiertheit und die Problemlösungsfähigkeiten der Armee und macht sich über Business Schools lustig. Schweizer sind eben anders.

Nur manchmal, da sind sie normal und fehlbar. Ackermann saß wie viele Schweizer Topmanager im Verwaltungsrat der Swissair und verhinderte den Crashkurs des Schweizer Paradeunternehmens nicht. Im Aufsichtsrat von Mannesmann nickte er die heftig umstrittenen Riesenabfindungen für den scheidenden Chef Klaus Esser ab.

Konflikte, die ihm notwendig scheinen, steht er kalt lächelnd durch. Die Fusion der Deutschen mit der Dresdner Bank ließ er mit seinen mächtigen Investmentbankern im Rücken noch auf der Zielgeraden platzen, als ihm die Probleme unüberwindbar erschienen. Dennoch gab es auch während solch turbulenter Tage keine Heckenschützen aus dem eigenen Haus. Denn an seiner Integrität wird nicht gezweifelt.

Schon 1993 scheiterte in der Schweiz ein Versuch, ihn anzuschwärzen. Eine von der SKA übernommene Bank saß auf Krediten, die sie auf Vermittlung eines Joseph Ackermann einer Pleitefirma gewährt hatte. Der Betreffende entpuppte sich als ein missratener Cousin, mit dem unser Josef Ackermann jahrelang kein Wort gewechselt hatte.

Ansonsten ist das Schlimmste, was man ihm vorwirft, dass er gegenüber denen, die er hinter sich lässt oder bei einer Umstrukturierung abserviert, hochnäsig ist. Andere stört, dass er wie die meisten Deutschschweizer viele Sätze mit einem drangehängten "oder?" zu einer Frage macht und so einen Dialog nervtötend gestaltet. Im Smalltalk, er spricht perfekt Englisch mit einem vornehmen Ostküstenakzent, hat die Marotte keinen Platz.

Unser "Mr. Perfect" ist uneitel, wie der Schnitt seiner Anzüge sofort verrät. Er ist ehrgeizig, aber nicht verbissen, spricht mit leiser Stimme, wird nicht ausfallend. Er trifft ohne Mühe harte Entscheidungen, aber kämpft in den Worten des heutigen Chefs der Schweizer Börse Reto Francioni, der ihn aus gemeinsamen SKA-Zeiten kennt, "nicht aus dem Hinterhalt." Natürlich hatte er auch Glück: Ronaldo Schmitz hatte im Vorstand der Deutschen Bank die Eingliederung der Londoner Investment-Boutique Morgan Grenfell verpatzt und anschließend im Aufsichtsrat der Metallgesellschaft seinen Ruf endgültig ruiniert. Damit war ein wichtiger Konkurrent aus dem Weg.

Frauen fliegen auf ihn und beschreiben ihn als "Charmeur" mit "perfekten Tischmanieren". Kein Grund zur Hoffnung für die, die endlich einen Kratzer auf dem Bild des untadeligen Erfolgsmannes finden wollen: Wie viele Frauen auch immer ihn lieben mögen, er liebt nur seine finnische Frau Pirkko Anneli, eine temperamentvolle Porschefahrerin, die er auf der Hochschule in St. Gallen traf. Geheiratet haben die beiden 1977, und danach haben sie einige Jahre das Leben in der Kunst- und Galerienszene von Manhattan genossen.

Denn zu allem Überfluss ist Ackermann auch noch ein musisch begabter Mensch. In seiner Wohnung auf dem Zürichberg steht ein Steinway-Flügel. In geselliger Runde greift Joe, der Entertainer, gekonnt in die Tasten, klassischen Gesangsunterricht hat der Tenor Ackermann in New York genommen. Verdi und Donizetti liegen ihm mehr als Wagner, aber auch in Bayreuth wurde er schon gesichtet. Pirkko Ackermann gab nach der Geburt von Tochter Catherine 1984 die eigene Karriere auf. Wenn es ihm nicht gelingt, am Wochenende in Zürich zu sein, reisen die beiden ihm nach. Oft muss das nicht sein: Neef bescheinigt seinem Freund Joe "ein perfektes Zeitmanagement. Und er kann abschalten."

Das alles ist unspektakulär. Ackermann führt das Leben eines fast altmodisch wirkenden Bildungsbürgers. Rennpferde, Yachten und Affären: für ihn uninteressant. Es hätte ja ganz anders kommen können: Hans Christoph Binswanger, sein Doktorvater in St. Gallen, sah in Ackermann früh einen künftigen "Superprofessor".

Aber sein damaliger Assistent wäre mit einer Rolle als feingeistiger Intellektueller nicht ausgefüllt gewesen. Zur Begründung könnte er aus Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" zitieren: "Der Mensch ist kein lehrendes, er ist ein lebendes, handelndes und wirkendes Wesen."

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