Für viele Menschen war sie auch privat ein Vorbild
Biografie der "Mutter Courage des Ostens"

Sie gab der Ost-SPD Gesicht und Stimme: "Mutter Courage" des Ostens wurde Regine Hildebrandt genannt - und wegen ihrer rasanten Rede zuweilen auch "Maschinengewehr Gottes". Auch bundesweit setzte die in der Nacht zu Dienstag an Krebs gestorbene Politikerin Maßstäbe: Als erste Frau brachte es die Sozialdemokratin 1994 im ZDF-Politbarometer an die Spitze der Beliebtheitsskala der Politiker.

ddp. POTSDAM. Unpolitisch war die Mutter dreier erwachsener Kinder nie gewesen. Für die gebürtige Berlinerin stand aber zunächst das Berufsleben im Vordergrund. Von 1959 bis 1964 studierte sie Biologie an der Humboldt-Universität in Berlin und promovierte vier Jahre später. Im VEB Berlin-Chemie arbeitete sie von 1964 bis 1978 als stellvertretende Leiterin der Pharmakologischen Abteilung, danach bis zur Wende als Bereichsleiterin in der Zentralstelle für Diabetes und Stoffwechselkrankheiten in Berlin.

Vor 1989 engagierte sich Hildebrandt bereits der Bürgerbewegung "Demokratie Jetzt". Im Oktober des Wendejahres trat sie mit ihrem Mann in den frischgegründeten SPD-Vorläufer Ost, die Sozialdemokratische Partei (SDP), ein. Bei der letzten Volkskammerwahl im März 1990 gewann die mittlerweile in SPD umbenannte ostdeutsche Sozialdemokratie 22 Prozent der Stimmen und ging in die Regierung von Lothar de Maiziere (CDU). Hildebrandt übernahm das Ministerium für Arbeit und Soziales. Bereits hier machte sie sich mit engagierten und streitbaren Auftritten einen Namen - unter anderem, als sie grundlos aufgebrachte Demonstranten vor der DDR-Volkskammer einen Vogel zeigte. Nach dem Bruch der Koalition im August 1990 schied die SPD-Politikerin aus der Regierung aus.

Nach der brandenburgischen Landtagswahl im Oktober 1990 wurde Hildebrandt unter Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) in der Ampelkoalition Arbeits-, Sozial-, Gesundheits- und Frauenministerin. Absoluten Schwerpunkt legte sie von Anfang an auf die Arbeitsmarktpolitik. 1992 brachten die Ministerpräsidenten den ostdeutschen Länder ein so genanntes Strukturhilfeprogramm zur Schaffung von 500.000 Arbeitsplätzen ein, das vor allem auf Initiative Brandenburgs hin entstand. Immer wieder brachte Hildebrandt auch die Probleme berufstätiger Frauen zur Sprache. Sie war es auch, die den Erhalt von Kindertagesstätten durchsetzte.

Im Sommer 1994 kämpfte die mittlerweile nicht mehr nur im Osten anerkannte SPD-Frau gegen eine "Verteufelung" der PDS durch westdeutsche Politiker und Medien. Eine punktuelle Zusammenarbeit mit der PDS schloss sie schon damals nicht aus, bei der brandenburgischen Landtagswahl 1999 machte sie sich sogar für ein rot-rotes Bündnis stark. Auch nach dem Zusammengehen von märkischer SPD und CDU verteidigte sie ihr Eintreten für eine Kooperation mit der PDS: "Das war die einzig mögliche Reaktion."

1995 geriet Hildebrandt politisch wegen ihres Staatssekretärs Detlef Affeld unter Druck. Ihm wurde vorgeworfen, öffentliche Gelder auf Schwarzkonten geparkt zu haben. 1998/99 folgte ein staatsanwaltschaftliches Ermittlungsverfahren wegen Verdachts der Untreue gegen Hildebrandt, das aber im Sande verlief. Ein Streit um den künftigen Koalitionspartner nach der Landtagswahl im Herbst 1999 beendete die politische Karriere der Symbolfigur für soziale Gerechtigkeit. Auch von ihrem wieder direkt errungenen Landtagsmandat trennte sich die Hobby-Astrologin, die - wie sie einmal verriet - gern Neil Armstrong gewesen wäre, um als erster Mensch den Mond zu betreten.

Bundesverdienstkreuz in diesem Jahr erhalten

Seit 1990 gehörte Hildebrandt dem erweiterten SPD-Parteivorstand an und erhielt 2001 das Bundesverdienstkreuz. 1996 war bei der streitbaren Politikerin erstmals Brustkrebs diagnostiziert worden. Chemotherapien folgten. Dreieinhalb Jahre später kämpfte sie erneut gegen den Krebs. In vergangener Zeit sorgte sie mit Äußerungen zur aktiven Sterbehilfe für Aufsehen. Doch selbst in schweren Zeiten ihrer Krebserkrankung zog sie sich nicht zurück. Erst vergangene Woche nahm sie am viertägigen SPD-Bundesparteitag in Nürnberg teil, wo sie mit überwältigender Mehrheit erneut in den Vorstand der Partei gewählt wurde.

Für viele Menschen war Hildebrandt ein Vorbild, weil sie politisch und - trotz Schmerzen - auch privat nicht müde wurde zu sagen: "Ich kann nicht klagen!"

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