Für viele Unternehmen wird die Börsenflaute zur Bedrohung
Am Tropf des Neuen Markts

Vom Neuen Markt lebten viele Unternehmen. Jetzt wird die Börsenflaute zur Bedrohung. Wenn die Stimmung anhält, werden viele ihre Jobs verlieren. Betroffen sind Banken und Wagniskapital-Geber, aber auch PR-Agenturen und Gründer – die New Economy in ihrer Midlife-Crisis.

FRANKFURT. Elisabeth Weisenhorn ist der Spaß vergangen. Ernst sitzt die Fondsmanagerin an einem langen Tisch im Konferenzraum ihrer Firma Weisenhorn & Partner. Der Teppich ist blau, die Schnittblumen sind frisch. Weisenhorn würde das Gespräch am liebsten nach wenigen Sätzen abbrechen. Es dreht sich zu sehr um ihre Firma. Die zierliche Frau mit der karierten Bluse will keine negative Presse. Unruhe gibt es genug. In der vorigen Woche erst hat die Fondsgesellschaft DWS bekannt gegeben, dass Weisenhorn nicht mehr ihren Neue-Markt-Fonds berät.

Obwohl die Kündigung schon im Dezember perfekt war, könnte sie zu keinem schlechteren Zeitpunkt an die Öffentlichkeit geraten. Die New Economy steckt in einer Midlife-Crisis. Das Stimmungsbarometer der Generation Golf, der Neue Markt, liegt am Boden. Nur zaghaft deuten sich Kursanstiege an. Jeder zweite Risikokapital-Geber könnte Ende dieses Jahres pleite sein oder übernommen werden, schätzen Kenner der Szene.

Dienstleister lechzen nach Aufträgen

Schon beschäftigen sich Experten in Diskussionsrunden mit der Frage, ob Wachstumsmärkte generell berechtigt sind. Unternehmen, die auf den Neuen Markt gesetzt haben, stehen vor Problemen. "Wenn das so weitergeht, sehen wir bald einen massiven Stellenabbau", sagt Elmar Thöne, Leiter des mittelständischen Konsortialgeschäfts der DG Bank. Mitarbeiter der Emissionsbanken müssen die Hände schon länger in den Schoß legen, weil nichts läuft. Doch das ist nicht alles: Die zahllosen Fotografen, PR-Agenturen und Catering-Services lechzen nach Aufträgen. Sie alle hängen am Tropf der Börse.

106 000 Jobs lebten Mitte des vergangenen Jahres vom Neuen Markt, hat die Unternehmensberatung Roland Berger ausgerechnet. Und 70 000 weitere sollten vor allem durch Börsengängen dieses Jahr hinzukommen, prognostizierten die Autoren der Berger-Studie. Doch davon ist längst keine Rede mehr.

Auf die Rally warteten alle vergebens

Wirklich gut geht es niemandem. Beispiel Elisabeth Weisenhorn: Seit dem Start in die Selbstständigkeit im vergangenen September verwaltet die Ex-DWS-Managerin Weisenhorn "etliche 100 Millionen Euro". Anfangs hat sie sich still und leise über den scheinbar günstigen Einstiegszeitpunkt gefreut. Der Index des Neuen Markts, der Nemax 50, war um ein Drittel gesunken. Jeder rechnete mit der üblichen Herbstrally. Niemand konnte ahnen, dass der Markt um mehr als drei Viertel wegbrechen würde. Weisenhorns Fonds bewegen sich zwar im Gleichschritt mit den Indizes. Aber wen interessiert das, wenn es nur nach unten geht? Sie schüttelt den Kopf. "Es macht keinen Spaß, die Gelder der Kunden zu verringern."

Auf einem schmalen Streifen an der Wand lagern Erinnerungen an bessere Zeiten. Ein Kompass als Preis eines Magazins für die beste Fondsmanagerin des Jahres, das Buch "Frauen sind die besseren Anleger". Vor kurzem war Weisenhorn ein Star. Die Deutsche Bank 24 - wie die DWS eine Tochter der Deutschen Bank - bebilderte das Titelblatt eines Kundenmagazins mit ihrem Konterfei und dem Slogan: "Diese Frau macht sie zum Millionär." Die heute 44-Jährige ist darauf zurechtgemacht wie ein Top-Model, mit akkurat frisierten, kurzen braunen Haaren und knallroten, leicht geöffneten Lippen.

Die schlimmsten Erwartungen wurden übertroffen

Star-Appeal Börse - das war einmal. Und selbst die (halb)wissenschaftliche Begleitmusik klingt gedämpft. "Wir haben den Zusammenbruch der Wachstumsbörsen in dieser Dimension nicht vorausgesehen", sagt Stefan Schaible, Mitglied der Geschäftsleitung von Roland Berger und einer der Verfasser. Im schlimmsten Fall waren sie von einer nur halb so großen Emissionstätigkeit wie im Jahr 2000 ausgegangen - und hatten nach jetzigem Stand viel zu hoch angesetzt.

Nichts geht mehr, Beispiel Steinberg Media: Die Firma wollte im 1. Halbjahr an den Neuen Markt. Intern war der April avisiert. Der Börsengang wurde verschoben - wie so viele andere. Die Absage traf auch Birgit Sadlowski. Die 49-Jährige ist Geschäftsführerin der Lux-AV-Technik und sollte die Beschallung der Pressekonferenz organisieren. Scheibchenweise brach ihr der Auftrag weg. Anfangs wollte der Anbieter von Musiksoftware im Hilton präsentieren und live ins Internet übertragen. Erst verlegte Steinberg die Präsentation ins Haus der Emissionsbank. Wenig später war vom Internet keine Rede mehr. Schließlich wurde alles abgeblasen. Zu dem Zeitpunkt waren Lux-Mitarbeiter schon fünfmal vor Ort gewesen. Nicht nur dass der Auftrag im Wert von 20 000 Mark gestorben ist - Sadlowski sitzt nun auch auf Kosten von 2 000 Mark.

Das Ende der Dotcom-Manie schockt die neue Generation von Gründern

Einmal ist so etwas kein Problem. Doch seit Anfang des Jahres platzen die Aufträge gleich reihenweise - ohne dass die Geschäftsführerin etwas dafür könnte. Im vergangenen Jahr war Lux noch mit 30 IPOs beschäftigt. In diesem Jahr steht kein einziges auf der Habenseite. Stefan Schaible von Roland Berger glaubt zwar, dass es wieder aufwärts geht und der Anstieg von High-Tech-Werten getrieben werden wird: "Durch die Krise gibt es nur eine zeitliche Verschiebung der von uns prognostizierten Effekte."

Aber viele haben auf schnelles Geld gesetzt. Beispiel Startup-Campus: In einer Villa im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen sollten Gründer-WGs aus dem Bilderbuch entstehen. Doch die Personalberatung Talent Networks lag mit der vor einem Jahr initiierten Ideenschmiede rund um das Internet zeitlich ziemlich daneben. Von den elf angetretenen Teams im Haus haben drei aufgegeben. Acht haben zumindest die erste Finanzierungsrunde überstanden. Die Marktreife liegt aber in weiter Ferne. Das Ende der Dotcom-Manie schockte offenbar die neue Generation von Gründern.

Die meisten Matratzen im Haus sind nicht bezogen, im Bad liegt ein einsamer Rasierapparat. In der Küche bietet der Edelkühlschrank von Liebherr nur eine Notration von Butter, Käse und Wurst. "Der Hype ist abgeklungen", sagt Sven Peter Dehmel von Talent Networks. Vor einem Jahr nahmen sie Teams auf, die ein Firmenlogo bastelten, noch bevor sie eine Idee hatten. Vorbei. Legendär auch die Geschichte eines Vierer-Teams. Zwei wollten Mitfahrgelegenheiten im Internet organisieren. Die anderen beiden fanden die Idee so gut, dass sie das Projekt alleine aufzogen.

Kapitalgeber sind vorsichtig

Holger Wiesinger und Ulrich von Prittwitz wissen, dass es so leicht nicht gehen wird. Ihr Arbeitszimmer im Startup-Campus sieht aus, wie man sich eine Gründerstube vorstellt: An den Wänden Blätter mit Grafiken, an der Tafel kryptische Zahlenkolonnen und im Suppenteller auf Wiesingers Schreibtisch ein Rest Tomatensauce. Doch damit erschöpft sich die Gründerromantik. Die beiden, die an einem Projekt für den Einzelhandel arbeiten, stecken mitten in den Mühen der Ebene. 250 000 Mark brauchen sie fürs Erste, 10 Millionen Mark wollen sie insgesamt sammeln. Aber die Kapitalgeber sind vorsichtig, und wer die Gründer fragt, wie sie denn zu ihrem Geld kommen wollen, bekommt von Wiesinger eine fast trotzige Antwort. Es wird schon klappen, denn: "Unternehmer müssen wir werden." "Es ist schwierig geworden, an Venture-Capital zu kommen", weiß man bei Talent Networks.

Weisenhorn, Lux und das Startup-Campus - drei Beispiele, dreimal Hoffen auf bessere Zeiten wie die ganze Umgebung des Neuen Markts. Das Sterben beginnt, die Kandidaten werden noch sortiert.

Nach dem Gespräch verabschiedet sich Elisabeth Weisenhorn mit einem Augenzwinkern: "Schreiben Sie nichts Schlechtes. Der Markt braucht gute Nachrichten."

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