Für Vorstandschef Gunter Thielen ist noch viel zu tun
Eine glückliche Familie

Gesellschafter Albert Frère gibt Bertelsmann mehr Zeit für einen Börsengang.

BERLIN. Bei Bertelsmann geht Liebe durch den Magen. 500 Gäste labten sich bei der Eröffnung der Berliner Repräsentanz Unter den Linden 1 an Schwertfisch-Carpaccio in der Random-House-Buchschatulle und Fish & Chips aus einer lachsfarbenen Financial Times Deutschland-Papiertüte. Häppchen-Unternehmer Attila Dogudan gab augenzwinkernd einen kulinarischen Überblick über die Produkte des größten Medienkonzerns in Europa. Nicht nur Liz Mohn, Ehefrau des Firmenpatriarchen Reinhard Mohn, und Vorstandschef Gunter Thielen schmeckte es. Der gesamte Bertelsmann-Vorstand genoss es, mit Promis aus Politik, Wirtschaft und Showbiz bis in die frühen Morgenstunden ausgelassen zu feiern. Das reine Familienglück.

Wenige Stunden vor der Party gab Bertelsmann noch voller Stolz die Fusion seiner Musiksparte BMG mit Sony bekannt. Für die Notgemeinschaft mit den Japanern konnte Thielen und sein Musikvorstand Rolf Schmidt-Holtz viel Schulterklopfen entgegen nehmen. Auch Partygast Gerhard Schröder sparte nicht mit Lob. Der Kanzler prognostizierte: "Dass es so schnell passiert ist, ist ein gutes Zeichen für die kartellrechtliche Prüfung". So etwas hört man gerne angesichts des riskanten Hürdenlaufs bei den Wettbewerbshütern in Brüssel und Washington. In zwei Monaten hatte Schmidt-Holtz mit Sony-Musikchef Andrew Lack die Fusion durchverhandelt. Thielen selbst war nach New York geflogen, um den Deal mit Sony-Boss Nobuyuki Idei einzutüten. Nun soll aus der guten Absicht schnell ein dickes Vertragswerk werden. "Ob das alles so schnell gehen kann? Schließlich ist ja noch nicht einmal eine Due Diligence gemacht", zweifelt ein Bertelsmann-Manager.

Bewertungen von Musik- oder Filmrechten sind langwierig und kompliziert. Das hat der Streit um Leo Kirchs legendäre Filmbibliothek bereits bewiesen. Doch in diesen fröhlichen Tagen haben Skeptiker keine Konjunktur. Nach dem Schock über das Ausscheiden des Vorstandschefs Thomas Middelhoff im Juli 2002, findet der Mediengigant langsam zu altem Selbstbewusstsein zurück: Die Schulden sinken, unrentable Firmen sind verkauft und das Musikgeschäft ist wieder aufs Gleis gesetzt. Der nüchterne Thielen genießt seine Rolle als Sanierer. Hinter vorgehaltener Hand wird im Konzern längst über eine Vertragsverlängerung für den 61-jährigen Manager diskutiert. Doch noch ist Zeit. Erst Ende 2004 will der Vertraute von Liz Mohn entscheiden, ob er seinen 2005 auslaufenden Vertrag verlängern wird.

Der unbequeme Mitgesellschafter Albert Frère ist mit Thielens Arbeit offenbar zufrieden. Denn der Milliardär, der 25,1 % der Anteile hält, peilt nicht mehr unbedingt einen Börsengang 2005 an. Damit hat Bertelsmann mehr Zeit für die Sanierung. Erst wenn die Zahlen stimmen, will Frère seinen Anteil Ende 2005 oder Anfang 2006 an die Börse bringen. Das haben Vertraute dem "Wall Street Journal" erzählt. Für Thielen gibt es bis dahin viel zu tun. Denn nicht nur das Musikgeschäft, sondern auch die chronisch defizitären Buchclubs hängen durch. Zuletzt enttäuschte auch noch Random House mit herben Umsatzeinbrüchen. Frère übt sich hingegen gönnerhaft in Geduld. Kein Wunder, das clevere Familienmitglied aus Brüssel erhält schließlich bis 2005 eine garantierte Dividende von jährlich 120 Mill. Euro. Bei solch sicheren Einkünften herrscht Partylaune - jeden Tag.

Hans-Peter Siebenhaar ist Handelsblatt-Korrespondent in Wien und ist Autor der Kolumne „Medienkommissar“.
Hans-Peter Siebenhaar
Handelsblatt / Korrespondent für Österreich und Südosteuropa
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