Fundamentalistenführer noch vor kurzem in Berghöhlen gesichtet
Das Phantom von Tora Bora

Seit Tagen liegen die waldigen Berghügel von Tora Bora unter Dauerbeschuss. Die Gebirgskette im Osten Afghanistans hallt von dumpfen Panzerschüssen und den dröhnenden Motoren von US-Kampfbombern wider. Mit schwerem Kriegsgerät und vereinten Kräften versuchen die US-Armee und afghanische Stammeskämpfer, das Phantom von Tora Bora aus seinem Versteck zu treiben: In dem äußerst schwer zugänglichen Gebiet südlich der Stadt Dschalalabad nahe der Grenze zu Pakistan soll sich Osama bin Laden aufhalten.

afp DSCHALALABAD. Über den Aufenthaltsort von Bin Laden kursieren wilde Gerüchte. Mal hat sich der Fundamentalistenführer längst ins Ausland abgesetzt, vor kurzem wurde er noch in der Region der Taliban-Hochburg Kanadhar vermutet, jetzt mehren sich die Hinweise darauf, dass der mysteriöse bärtige Mann mit dem eingefleischten Hass auf die USA in den Höhlen von Tora Bora steckt. In dieser Gegend in der Provinz Nangarhar hat seine Organisation El Kaida ein unterirdisches Labyrinth angelegt, dem auch die meisten US-Flieger aus der Luft wenig anhaben können. Mehrere hundert Meter tief unter der Erde liegen die rund 40 Höhlen, die durch ein weitläufiges System von Tunneln miteinander verbunden sind - ein ideales Versteck für den islamistischen Extremisten und seine Gefolgsleute.

Einige hundert El-Kaida-Anhänger arabischer Herkunft sollen sich bei Tora Bora verschanzt haben, möglicherweise, um ihren Anführer zu schützen. Die Militärchefs von Nangarhar sind überzeugt, dass Bin Laden in das unterirdische System geflohen ist. "Ja, er ist da", versicherte Kommandeur Hadschi Mohammed Saman vor einigen Tagen einer Schar Journalisten in der Provinzhauptstadt Dschalalabad. Wenig später bestätigte Polizeichef Hasrat Ali, erst kürzlich sei Bin Laden in Tora Bora gesehen worden. Der brisanten Information wusste Ali allerdings keine näheren Details hinzuzufügen.

Doch auch die US-Militärs gehen offensichtlich davon aus, dass sich der von ihnen fieberhaft gejagte Bin Laden in dem geheimnisvollen unterirdischen System aufhält. Am Mittwoch begannen US-Kampfflugzeuge mit einer neuen Offensive. Zeitgleich kreisten die aus der Sowjetzeit stammenden Panzer der Anti-Taliban-Kämpfer das Gebiet ein. Bei ihrem Angriff auf Stellungen der El Kaida eroberten die örtlichen Kommandeure nach eigenen Angaben rund die Hälfte der Gegend um Tora Bora.

Demnach erlitt Bin Ladens Netzwerk bei den jüngsten Gefechten bereits einige empfindliche Verluste: Laut Polizeichef Ali wurden bei einem US-Bombardement am Montag zehn führende El-Kaida-Mitglieder getötet. Nach Angaben von Saman waren es sogar 18 Tote, darunter Bin Ladens Finanzexperte Ali Machmud. Über die Nummer Zwei der Organisation, den Ägypter Aiman el Sawahiri, gibt es widersprüchliche Angaben. Laut Saman wurde er bei demselben Angriff verletzt, nach einem ägyptischen Zeitungsbericht blieb er dagegen unversehrt.

Bleibt nur noch der Kopf der islamistischen Organisation. Bislang konnte sich Bin Laden dem Zugriff der US-Armee und der afghanischen Kämpfer erfolgreich entziehen. Doch sollte mit der Stadt Kandahar nun auch die letzte wichtige Hochburg seiner Schutzherren, der Taliban, fallen, wird es für Bin Laden eng. Dann dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis ihn seine Gegner aus dem Schlupfloch getrieben haben.

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