Führung
Denken mit Händen

Wenn Andreas Goldmann im Flugzeug sitzt, packt er seine Legosteine aus und fängt an zu spielen. Der 44-Jährige holt nicht etwa Versäumtes aus der Kindheit nach. Die Legos dienen dem Unternehmensberater als Köder: Goldmann ist Mitgründer der Consultingfirma Newleaf Partners und als erster Deutscher von dem dänischen Spielzeughersteller dafür lizenziert, Manager unter Anleitung mit Lego-Steinen spielen zu lassen.
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Treibende Kraft dahinter ist Executive Discovery, ein seit Anfang dieses Jahres existierender Ableger des Spielzeugherstellers Lego. Verpackt in weiße Kartons werden Bauelemente von Duplo-Steinen für Kleinkinder bis hin zu Teilen aus Aufbausätzen für Teenager unter dem Namen „Serious Play" zum Business Tool umfunktioniert. Bewaffnet mit einem Set von rund 6500 Steinen halten mittlerweile mehrere speziell trainierte Unternehmensberater weltweit damit zweitägige Workshops in Unternehmen ab - mit wachsendem Zuspruch.

Spielende Manager bei Nokia, Alcatel und Tetra Pak

Zu denjenigen, die dem ernsthaften Spielen bereits verfallen sind, gehören zum Beispiel Unternehmen, wie Nokia, Alcatel oder Orange. Der Batteriehersteller Varta bildet derzeit sogar eigene Lego-Trainer aus, der Schweizer Verpackungshersteller Tetra Pak setzt sogar in der Chefetage auf Legos. Reinhold Krieger, Geschäftsführer beim IT-Systemintegrator Comparex, findet Planungssitzungen mit Lego viel effektiver: „Die Legos zwingen dazu, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren", sagt er. Innerhalb kurzer Zeit verwandelte Krieger das einst produktlastige Unternehmen mithilfe der bunten Klötzchen in einen serviceorientierten Betrieb. Auch in Deutschland laufen bereits Verhandlungen mit künftigen Spielbetrieben, wie Bosch, Dresdner Bank oder Eonn.

Spielend führen, Strategien durchspielen? Was kurios klingt, entpuppt sich in der Praxis als hilfreiches Führungsinstrument, das Chefs wie Mitarbeitern hilft, ihr Unternehmen, das Umfeld oder bestehende Strukturen zu begreifen, daraus Schlüsse zu ziehen und neue, bessere Strukturen oder Strategien zu entwickeln - selbst im Mikrokosmos des eigenen Teams.

Darauf müssen sich viele allerdings erst einlassen. Das Wiedererwecken des Spieltriebs, der für die meisten Seminarteilnehmer 20, 30 oder noch mehr Jahre zurück liegt, verläuft entsprechend behutsam: Schachtel öffnen, Steine aus der Plastiktüte nehmen, bauen. Der Tisch verwandelt sich unter dem Klirren der Bauelemente in ein buntes Meer von Legos. „Würden die Steine einfach auf dem Konferenztisch ausgeschüttet, wäre der Schock zu groß", sagt Robert Rasmussen, Präsident des Lego-Ablegers Executive Discovery. „Beweisen Sie Ambition, bauen Sie einen Turm, so hoch es nur geht", fordert Rasmussen. Es dauert nicht lange bevor die ersten sich aus ihren Stühlen erheben. Mit waghalsigen Konstruktionen versucht jeder den anderen zu übertrumpfen. Obenauf ein Legomännchen. Stopp. Jetzt soll jeder sein Gebilde neigen. Eine Konstruktion nach der andern kracht mit Donnern auf den Tisch.

Den Chef vom Spielzeug-Ross herunterholen

Die Lego-Sprache zu erlernen ist das eigentliche Ziel der ersten Workshopphase. Dabei geht es vor allem darum, den bildlichen Ausdruck mithilfe der Steinevielfalt zu üben. Die Seminarteilnehmer werden vor die Wahl gestellt, den perfekten Mitarbeiter oder einen Albtraum erregenden Chef zu bauen. Einer nimmt das Huhn als Symbol für Angst. Drehgelenke repräsentieren Flexibilität, Fahrzeuge Mobilität. Gläserne Steine stehen für Tranzparenz. Das Lego-Pferd bildet den Untersatz für den Chef, der auf dem hohen Ross sitzt. Die Ideen kommen beim Wühlen. Das ist der Punkt, den Rasmussen braucht, um über die wissenschaftlichen Grundlagen zu referieren.

Die sind durchaus namhaft. In der Broschüre, die er bei sich hat, erstreckt sich das Literaturverzeichnis über vier Seiten, darunter Namen von Psychologen, wie Jean Piaget oder der des MIT-Professors und Buchautors Seymour Papert. Fünf Jahre haben Rasmussen und seine Kollegen geforscht. Rund 80 Prozent der Gehirnzellen seien mit den Händen verbunden, sagt Rasmussen. „Wir können mit den Händen denken", sagt er. Das Wissen ist nicht in den Legos, aber sie bringen es zu Tage. Die Metaphern, beispielsweise ein Lego-Rad auf einer abschüssigen Brücke als Symbol für fallende Gewinnmargen, brennen sich ins Gehirn ein - stärker als jedes Strategiepapier.

Nachdem jeder Seminarteilnehmer die Kernkompetenzen seiner Abteilung im Modell umgesetzt hat, beginnt das Zusammenbringen zu einer Einheit. Auf dem Konferenztisch entsteht nach und nach ein komplexes Unternehmensmodell. Dabei kann es zu ernüchternden Momenten kommen: Zweimal hat Rasmussen erlebt, dass die Mitarbeiter keine Gemeinsamkeiten feststellen konnten. Der Workshop war am ersten Abend plötzlich zu Ende.

Doch das ist nicht die Regel. Berater Goldmann beobachtet bei seinen Workshops regelmäßig ein „enormes Energieniveau im Raum, wie beim Squash". Nach und nach bringen die Workshopleiter dann neue Elemente ein. Neue Verbindungsstücke, von völlig starr bis ganz flexibel, helfen, die einzelnen Modellteile miteinander in Relation zu setzen. Anschließend werden äußere Einflüsse auf das Unternehmen - Vertriebspartner, Börse, technologischer Fortschritt - symbolisch dargestellt und ins Modell integriert. Die Stühle am Tisch sind längst weggeschoben, niemand sitzt mehr.

Das Energieniveau birgt allerdings auch Gefahren. Die Neigung zur Überinterpretation liegt latent in der Luft. Was bedeutet das auf dem Rücken liegende Lego-Männchen? Die Gefahr des Scheiterns? Verwundbarkeit? Die Deutungsversuche schaukeln sich hoch. Dann die Lösung: Das Männchen liegt da aus Unachtsamkeit, Bedeutung null.

Steinchen-Gebilde statt Aktionspapier

Sobald das komplexe Abbild steht, wird es strategisch modifiziert. Verbindungen werden gekappt, Außenbüros, ihre Kernkompetenz am Rande in mehr Detailtreue wie durch ein Vergrößerungsglas aufgebaut. Durch die Legos entsteht so ein soziales Umfeld, in dem Teamarbeit möglich wird. Keiner scheint sich zurückzuhalten, das Spielen baut Kommunikationsbarrieren ab.

Nur ein Problem bleibt: „Manager wollen am Ende einen Aktionsplan mitnehmen, sonst sind sie unzufrieden", weiß Berater Goldmann. Seine Workshops werden deshalb auf Video aufgezeichnet. Manchmal ist sogar ein Schnellzeichner dabei, der die Modelle samt Sprechblasen auf Papier festhält. Wem das nicht ausreicht, dem empfiehlt Lego, gleich ein Lego-Spielzimmer in der Firma einzurichten. Das Modell könne dann parallel zum Unternehmen wachsen und gedeihen.

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