Funktionelle Lebensmittel
Ketchup gegen Falten (2)

Selbstläufer sind die neuartigen Lebensmittel ohnehin nicht zwingendermaßen. Als abschreckendes Beispiel haben die Hersteller die Aviva-Produktelinie des Basler Pharmaunternehmens Novartis vor Augen.

Selbstläufer sind die neuartigen Lebensmittel ohnehin nicht zwingendermaßen. Als abschreckendes Beispiel haben die Hersteller die Aviva-Produktelinie des Basler Pharmaunternehmens Novartis vor Augen. Aviva gab es in Reformhäusern als Getreideriegel, Müsli und Keks, die die Knochenmasse stärken, Durchfälle oder Verstopfungen verhindern sollten. Doch Konsumenten in den Testmärkten Schweiz, Österreich und England wollten sich mit den Nahrungsmitteln zum Medikamentenpreis nicht anfreunden. Viele erinnerte der Geschmack zu sehr an ein Arzneimittel. Die Folge: Novartis musste die Reihe vom Markt nehmen. "Der Verbraucher will keine essbaren Arzneimittel, denn er ist nicht krank. Er will etwas essen, was gut schmeckt und darüber hinaus seiner Gesundheit dient", glaubt Zink.

Auch wenn es Fehlschläge gibt: Eine britische Studie von Leatherhead Food Research beziffert das Marktvolumen für funktionelle Lebensmittel in diesem Jahr für die EU auf rund 15 Milliarden Euro. Im Jahr 2005 sollen es schon 23,5 Milliarden Euro sein. Und die Wachstumsrate könnte noch größer sein, wie ein Blick nach Fernost zeigt. In Japan, dem Mutterland der funktionellen Lebensmittel, haben angeblich bereits 44 Prozent der Milchprodukte einen gesundheitsfördernden Zusatznutzen. In Europa liegt dieser Anteil erst bei 13 Prozent. Die japanischen Hersteller profitieren davon, dass sie mit dem Gesundheitsaspekt werben dürfen. In Europa dagegen dürfen nicht einmal die Ergebnisse von wissenschaftlichen Studien auf den Verpackungen abgedruckt werden. "Nestlé würde eine gesetzliche Regelung ähnlich wie in Japan begrüßen", sagt Zink. In Japan sind Produkte, deren ernährungsphysiologischer Zusatznutzen in einem Zulassungsverfahren nachgewiesen wurde, mit einem eigenen Label "Foods for Specified Health Use" versehen.

Der Ruf nach dem Gesetzgeber entspringt dem Arger über Trittbrettfahrer. Während Nestlé jährlich rund 700 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung ausgibt, "schütten andere Hersteller irgendwelche Zusätze in Lebensmittel und behaupten, sie hätten einen gesundheitlichen Nutzen, den sie wissenschaftlich nicht beweisen können", ärgert sich Andrea Pfeifer.

Die Wissenschaftler rüsten schon für die nächste Generation gesundheitsfördernder Lebensmittel. Bald soll es beispielsweise Joghurtbakterien geben, die im Körper die Umwandlung von Nitrit, das beispielsweise aus gepökeltem Fleisch stammt, in krebsverdächtige Nitrosamine verhindern. "Wenn der Markt es verlangt, ist auch ein Joghurt mit Impfstoffen denkbar", sagt Zink.

Die größten Erwartungen setzen die Nestlé-Forscher in die so genannten sekundären Pflanzenstoffe, von denen es, je nach Schätzung, 10000 bis 100000 gibt. Darunter sind wahre Multitalente wie das Lycopin, das die Tomate rot färbt und sie gleichzeitig vor der schädlichen UV-Strahlung schützt. Beim Mensch soll der Naturstoff aggressive Sauerstoffmoleküle (Radikale) entschärfen, die Körperzellen angreifen. "Lycopin scheint nicht nur vor Prostatakrebs zu schützen, es verlangsamt auch die Zellalterung", weiß Andrea Pfeifer. Welch eine Vorstellung: Wir genießen Pommes frites mit Ketchup und bekämpfen dabei Krebs und Falten.

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