Funktionelle Lebensmittel
Ketchup gegen Falten

Er sieht aus wie ein zu groß geratener Kühlschrank. Doch in dem Koloss aus Stahl findet sich weder Milch noch Käse oder Wurst. Er ist gewissermaßen das Allerheiligste des Nestlé-Forschungszentrums im schweizerischen Vers-chez-les-Blanc. Darin schlummern bei vier Grad Celsius in 80000 gläsernen Ampullen mehr als 4000 verschiedene Bakterienstämme, die darauf warten, in Lebensmitteln eingesetzt zu werden.
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Aus dieser Kollektion stammt beispielsweise das Milchsäurebakterium Lactobacillus johnsonii 1, das als probiotischer Joghurt LC1 die Abwehrkräfte stärkt und sogar Magengeschwüre verhindert. Das haben Wissenschaftler der Universität Lausanne gerade herausgefunden. In klinischen Studien mit 53 Freiwilligen zeigte sich, dass die Milchsäurebakterien im LC1-Joghurt eine andere Mikrobenart aus dem Verdauungstrakt verdrängen - den berüchtigten Helicobacter pylori, der Magengeschwüre und Krebs verursachen kann.

Offensiv werben kann Nestlé mit dem Krebsvorbeuger allerdings nicht: "Wir dürfen den Verbrauchern das gar nicht alles sagen, weil wir rechtlich in eine Grauzone zwischen Medikament und Lebensmittel geraten", bedauert Andrea Pfeifer, die Leiterin des Forschungszentrums.

Auch wenn Arzte und Ernährungswissenschaftler immer wieder beteuern, mehr frisches Obst und Gemüse und mehr Bewegung tun es in den meisten Fällen auch: Seit der Einführung des heilsamen Joghurts entwickeln sich Lebensmittel mit Zusatznutzen, so genannte funktionelle Lebensmittel (functional food), zum Umsatzrenner. Sie stärken das Immunsystem, senken Blutfettwerte, härten Knochen und schützen vor Krebs und Herzkrankheiten. Nahrungsmittelkonzern Nestlé will hier ganz vorn mitmischen. Derzeit prüfen die Schweizer die Übernahme der Functional Food Sparte von Novartis (Isostar, Ovomaltine).

Das Schweizer 1000-Seelen-Dorf Vers-chez-les-Blanc ist der ideale Ort für Gesundheitsforschung. Von den Hügeln oberhalb von Lausanne schweift der Blick über eine heile Welt: Genfer See und das Panorama der Schweizer Alpen. Die Abgeschiedenheit bewahrt die Wissenschaftler nicht nur vor zu viel Zerstreuung. Das mit einem hohen Zaun umgebene Forschungszentrum lässt sich auch gut gegen neugierige Blicke der Konkurrenten schützen. 640 Wissenschaftler, Assistenten und Techniker aus 40 Nationen arbeiten in diesem Zentrallabor des mit mehr als 8000 Marken und rund 58 Milliarden Euro Umsatz (2001) weltgrößten Lebensmittelherstellers. Sie komponieren neue Inhaltsstoffe und Aromen, verändern Aussehen und Konsistenz von Speisen, damit Joghurt und Eis nicht nur gut schmecken, sondern im Mund zart schmelzen und sich angenehm anfühlen. Testesser kontrollieren gar, ob knusprige Cornflakes im Mund appetitliche Geräusche machen.

Jung, schlank, gesund und aktiv bis ins hohe Alter: Was die Werbung propagiert, wird zum Wunschtraum für viele Menschen. Doch der Alltag sieht häufig anders aus. Meist essen Menschen in den Industrieländern zu viel, zu fett, zu süß und zu salzig. Weil Freizeitstress und Büroalltag immer weniger Zeit zum Essen lassen, steigt auch der Absatz von Fertiggerichten. So groß die Liebe zu Fertiggerichten jedoch ist, so groß ist auch das schlechte Gewissen, das viele Verbraucher bei der unkomplizierten bequemen Ernährung plagt. Da trifft es sich gut, dass immer mehr Produkte in Supermarktregalen liegen, die Genuss ohne Reue versprechen. Dem vermeintlichen Zauber-essen mischen die Hersteller Vitamine, Mineralstoffe oder Bakterienkulturen bei.

Nach einer Studie der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung halten sechs von zehn erwachsenen Deutschen solche Produkte für sinnvoll und nützlich. Vor allem Aufsteiger, Jugendliche und Hausfrauen schätzen Energydrinks für gute Laune, Wellnesssäfte, zuckerfreie Zahnpflegekaugummis, Müsliriegel, Brote und Kekse, die den Cholesterinspiegel senken, Milch, die vor Osteoporose schützt, probiotische Joghurts, die die Immunabwehr stärken.

Dazu gehört auch die Margarine Becel pro-activ des niederländisch-britischen Lebensmittelunternehmens Unilever, die dank so genannter sekundärer Pflanzenstoffe (Phytosterine) im Darm des Menschen die Aufnahme von Cholesterin verhindern soll. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass sich durch den täglichen Verzehr von 20-25 Gramm Margarine das "schlechte" LDL-Cholesterins um 15 Prozent senken lässt. Die Margarine mit Beipackzettel ist das erste Lebensmittel nach der EU-Verordnung für neuartige Lebensmittel, das mit einem medizinischen Nutzen werben darf.

Die Ernährungswissenschaftlerin Hannelore Daniel von der Technischen Universität München ist gar nicht glücklich, wenn sie die Flut der neuen Lebensmittel sieht, die Gesundheit für alle verheißen. Sie warnt davor, etwa die Margarine jedem zu verabreichen: "Schwangere und Kinder brauchen das Cholesterin." Schon liegen der EU-Kommission sechs weitere Produkte zur Genehmigung nach der Verordnung für neuartige Lebensmittel (novel food) vor: Die pflanzlichen Cholesterinsenker sollen in der Wurst, in Milch, Fleischprodukte, Streichfette und Backwaren eingebaut werden. Es droht eine Überdosierung mit gesundheitsschädlichen Nebenwirkungen: Wer beispielsweise mit Medikamenten und Nahrungsmitteln seinen hohen Cholesterinspiegel bekämpft, läuft Gefahr, dass das in bestimmten Maß lebensnotwendige Cholesterin zu stark reduziert wird. Beeinflussung der Darmflora, Wirkungen auf Sexualhormone und Kopfschmerzen zählen zu den Nebenwirkungen. Die EU-Zulassung nach der Novel-Food-Verordnung kann da nur Notbehelf sein: "Keiner weiß genau, was functional food ist. Wir brauchen dringend eine Regelung", fordert Daniel. Die EU-Komission plant diese noch für das Jahr 2002. Funktionelle Lebensmittel sollten danach nur in Reformhäusern, Apotheken oder speziellen Gesundheitsecken in Supermärkten verkauft werden. Das wollen Lebensmittelhersteller wie Nestlé natürlich nicht, weil sie massive Absatzeinbußen befürchten. weiter...

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