Funktionen sind zu kompliziert
Mobilfunk: Hadern am Handy

Bei den neuen Multimediatelefonen und Onlinediensten wie i-mode kämpfen die ersten Kunden mit den Tücken der Technik.

DÜSSELDORF. Im Businessdress steht er da, der untersetzte Mittvierziger am späten Vormittag im Mobilfunkshop an der Kölner Hohe Straße. Ihm sei "das alles irgendwie ziemlich peinlich", beginnt der Mann zögernd und wiegt das mitgebrachte Nobelhandy in den Händen: "Ich hab das Telefon seit drei Wochen und komme einfach nicht klar damit," beichtet er schließlich dem Verkäufer.

"Dat," sagt Martin Stockmann mit breitem kölschen Akzent, "kenn isch, dat hab isch oft", lehnt sich über die Auslage und beginnt seinem Gegenüber das Mobilfon zu erklären. Geduldig spricht Stockmann von "adaptiver Menüsteuerung", und von "dynamischen Funktionstasten, die unterschiedliche Anwendungen aufrufen können". Er erläutert "die integrierte E-Mail-Abfrage", die Vorteile der "Synchronisation von Handynummernspeicher und Outlook-Adressbuch in Büro-PCs - und gibt nach einer guten Viertelstunde auf: "Wissen'se wat," bescheidet Verkäufer Stockmann den Kunden, der noch immer ratlos vor ihm steht. "Isch projrammier Ihnen jetzt dä Anrufbeantworter und die Taste zur Abfrage. Und den Rest verjessen'se!"

Stockmanns Pragmatismus mag dem Kunden helfen. Doch für die Chefs der krisengeschüttelten Mobilfunkbranche - von Kai-Uwe Ricke, Vorstandschef beim deutschen Mobilfunkmarktführer T-Mobile bis Jorma Ollila, Spitzenmann beim finnischen Handyprimus Nokia - ist die kölsche Lösung der Horror. Spätestens seit im vergangenen Jahr der vermeintlich unaufhaltsame Umsatzanstieg abrupt stockte, sucht die gesamte Industrie nach neuen Wachstumsimpulsen.

Vorbei die Zeiten, da allein das stetig wachsende Gesprächsvolumen einer ebenso rasant steigenden Zahl neuer Kunden, die Branche boomen ließ. Mit inzwischen mehr als 56 Millionen Mobilfunkanschlüssen in Deutschland ist das Kundenwachstum weit gehend ausgereizt. Lag die Marktdurchdringung vor drei Jahren bei gerade mal 28,6 Prozent, haben heute annähernd 70 Prozent Bundesbürger ein Handy. Kleinkinder herausgerechnet, ist der Markt - de facto - gesättigt.

Mit neuen Funktionen gegen die Krise

Um die Flaute zu überwinden, versucht die Industrie nun, die vorhandenen Handykunden mit ganz neuen Telefonfunktionen und Mobilfunkdiensten zu ködern: Egal ob Fotoversand vom Handy oder Abruf von Pophits aus dem Internet aufs Handy mit Walkmanfunktion, sollen alle möglichen Daten in Zukunft wieder für regen Verkehr in den Funknetzen sorgen und die Nachfrage nach einer ganz neuen Generation von Multimediahandys wecken.

Die Konzepte der Anbieter reichen von der interaktiven Landkarte, die je nach Standort des Mobilfunkkunden auf dem Display beispielsweise den Weg zur nächsten Apotheke oder Tankstelle anzeigt, bis zum drahtlosen Kung-Fu-Game für den kleinen virtuellen Fight auf dem Bildschirm mit - via Handyverbindung erreichbaren - Freunden; vom digitalen Kalorienzähler zum Onlineabgleich von Handykalender und dem Terminplaner im Büro-PC. Technisch machbar ist alles, "aber wir laufen Gefahr, zu viele Anwendungen ins Handy zu packen und den Nutzer nur zu verwirren," sagt Nokia-Produktmanager Michael Heidemann. Mobilfunkverkäufer wie Martin Stockmann dürften das kaum anders sehen.

Trotzdem arbeiten alle Gerätehersteller fieberhaft an neuen Modellen, die mehr können als nur telefonieren oder SMS-Nachrichten. Multifunktionsgeräte, die - wie etwa der Treo von Handspring - Telefon und Organizer verschmelzen, sind bereits auf dem Markt. Ebenso SonyEricssons T68i, das sich mithilfe eines ansteckbaren Objektivs sogar zum funkenden Fotoapparat hochrüsten lässt. Dank eingebauter E-Mail-Funktion lassen sich die Bilder, kaum geschossen, an Freunde und Kollegen verschicken.

Kunden können Handys nicht bedienen

So manchem Durchschnittskunden, steht indes zu befürchten, wird das nicht gelingen. Schon heute verzweifeln viele Handynutzer an weitaus einfacheren Funktionen ihrer Mobilfone. "Denn auch rund zehn Jahre nach dem Start der ersten digitalen Mobilfunknetze in Deutschland haben die Hersteller es nicht geschafft, ihre Geräte selbst erklärend zu konstruieren", kritisiert Heinz Sänger, der in seinem Privatmuseum die Entwicklung der Mobiltelefonie in Deutschland dokumentiert. "Zudem," ärgert sich der 59-jährige Dortmunder Telekom-Pensionär, "werden mit den Geräten auch die Tasten immer winziger und das Risiko von Fehlbedienungen steigt."

Vorausgesetzt, der Telefonist weiß überhaupt, welche Funktionsvielfalt in seinem Plauderkästchen steckt. Denn oft trägt auch bei wissbegierigen Kunden der Blick in die Bedienungsanleitung eher zur Verwirrung, denn zu Erkenntnisgewinn bei.

So geschehen bei Ursula Heckhausen. Die Sozialarbeiterin aus Bad Münstereifel legte sich im vergangenen Herbst - "für Notfälle" - ein Handy des japanischen Herstellers Trium zu. Aber statt einer verständlichen Anleitung fand sich in der Verpackung "lediglich ein, wenige Seiten umfassendes, Heftchen mit Anleitungen zu ein paar Telefongrundfunktionen".Weitere Erläuterungen, stand da alle paar Absätze, "fände ich im Internet", erzählt Heckhausen. Doch auch der Versuch, die Zusatzinfos online zu recherchieren, schlug fehl:"Die im Heft genannte Web-Seite existiert schon gar nicht mehr", zürnt die Mobilfunkkundin noch heute. "Wenn Leute wie ich dann nicht mehr als ein paar Euro im Monat vertelefonieren, darf sich kein Anbieter wundern."

Doch selbst Vieltelefonierer wie Claudia Fischer werden dank neuer Handyfunktionen und-dienste nicht automatisch zum Umsatzdynamo. Dabei zählt die 33-jährige Unternehmensberaterin durchaus zu den Mobilfunkprofis im Kreis der deutschen Telefonkunden. Immerhin summiertiert sich die Rechnung der selbstständigen Geschäftsfrau aus Münster Monat für Monat auf 100 Euro und mehr. Trotzdem nutzt Fischer - neben der Telefonfunktion - nur eine weitere Anwendung ihres Mobilfons wirklich intensiv. "Mit meinen Kunden und meinen Kindern tausche ich haufenweise SMS-Kurznachrichten aus", sagt die Beraterin.

Display zu klein, Handy zu langsam

SMS-Exzess: Die, nach eigenen Worten, "exzessive Simserin" beurteilt denn auch das in viele neuen Handys integrierte Wörterbuch, das die Texteingabe bei den Handytelegrammen durch automatische Wortergänzung erleichtert, "als größten Fortschritt bei den Handys". Andere Komfortfunktionen ihres High-End-Geräts wie etwa den eingebauten Web-Browser für Internetzugriffe nutzt die Geschäftsfrau fast nie. "Für Surftrips ist das Display zu klein und das Handy zu langsam. Und während der Autofahrt Staumeldungen aufs Telefondisplay zu holen, macht auch keinen Sinn - die kommen im Verkehrsfunk schon von selber", sagt sie.

Da kann sie sich schon eher für den Nachfolger der SMS-Kurznachrichten begeistern. Die hier zu Lande Ende April erstmals von Vodafone eingeführte Technologie heißt Multimedia Messaging Service - kurz MMS - und macht's möglich, dröge Textnachrichten mit Bildern und Tönen aufzupeppen. Der Rest der Branche wird folgen, lassen sich doch die lauten und bunten Handypostkarten den SMS-Fans deutlich teurer verkaufen, als die nackten Textnachrichten. Eine aktuelle Studie der US-Unternehmensberatung Frost & Sullivan spiegelt die Hoffnung wider, mit der die Branche auf MMS setzt: Danach sollen sich die Umsätze in Europa von heute 68 Millionen Dollar auf knapp 27 Milliarden Dollar im Jahr 2006 vervielfachen.

Angesichts solcher Prognosen erstaunt, dass zurzeit fast alle Mobilfunkriesen Millionenbeträge investieren, um ihre etablierten Firmennamen durch neue Marken zu ersetzen, statt engagiert für ihre umsatzträchtigen Dienste zu werben. Fast gleichzeitig wird aus D2 Vodafone, aus D1 wird T-Mobile, und Viag Interkom heißt seit Anfang Mai O2. Mancher Kunde mag da an die Kampagne zum Knusperriegel Raider - "der heißt jetzt Twix, sonst ändert sich nix" - denken. Ob er deshalb mit dem Handy vermehrt E-Mails abfragt und verschickt oder Börsencharts abruft, ist eher unwahrscheinlich.

Nur E-Plus haut in die Vollen

Wirklich offensiv agiert derzeit nur der Branchendritte E-Plus, der im März mit "i-mode" ins Rennen gegangen ist. Über das mobile Onlineportal können sich die Nutzer bunt und schnell Web-Infos aufs Handydisplay holen.

Das Konzept ist nicht neu. Schon vor zwei Jahren versprachen alle Netzbetreiber ihren Kunden, "das Internet mit WAP mobil" zu machen. Doch die WAP-Angebote - das Kürzel steht für die Programmiersprache der Web-Dienste, das "wireless application protocol" - entpuppten sich, vor allem als technologische Sensation verkauft, schnell als Flopp. Denn der Kundschaft erschloss sich der Wert der, zudem technisch unausgereiften, Angebote nicht. Stattdessen deuteten die Nutzer das Kürzel kurzerhand zu "wait and pay" (warte und zahle) um. Trotz der WAP-Pleite aller Anbieter hofft E-Plus-Chef Uwe Bergheim, "dem müden Markt wichtige Wachstumsimpulse geben zu können". Und wagt mit i-mode einen zweiten Anlauf, via Datendienst mehr Verkehr in sein Funknetz zu ziehen.

Dieses Mal setzt der Netzbetreiber - statt auf Technologie - bei der Vermarktung von i-mode auf Lifestyle und andere Angebote. Die Produktmanager haben sich kräftig ins Zeug gelegt, um für das mobile Onlineportal zugkräftige Infodienste zusammenzustellen. Ob ADAC Stauprognose oder Reuters-Ticker, ebay-Auktion oder HRS-Hotelreservation; insgesamt 70 Partner ermöglichen dem Mobilfunker auf Wunsch - und gegen Gebühr - jederzeit sekundenschnellen Zugriff auf Informationen.

i-mode kommt an

Bei Trendorientierten Handyfans wie Peter Sachs kommt das Angebot an. Der Bonner Designer gehört zu den ersten Kunden, die eines der neuen i-mode-Telefone des japanischen Herstellers NEC in die Finger bekommen haben. "Das Außere besticht nicht gerade", findet der 26-Jährige, der beruflich Web-Seiten gestaltet, "aber dafür klappt's mit der Bedienung". Ein Daumendruck auf den Knopf, der rechts oben auf der Handytastatur im Gelb der knalligen i-mode-Werbung ins Auge sticht, startet das Mobilfunkportal. Dann navigiert Sachs mit dem zentralen Steuerknopf durch das Infomenü auf dem großen Farbdisplay des trendigen Silberlings herum. "Bahnauskunft, Börsenticker, die Infos kann ich brauchen" kommentiert der Bonner das Angebot nach dem Test für die WirtschaftsWoche.

Auch der Link ins Internet findet sich nach ein paar Klicks. Doch der individuelle Surf im Datennetz zählt nicht zu den Stärken von i-mode. "Die Eingabe längerer Web-Adressen über die kleinen Zifferntasten ist doch recht aufwendig," kritisiert Sachs. "Komfortabler surft, wer sich innerhalb des voreingestellten Menüs bewegt." Zumindest theoretisch. Denn im WirtschaftsWoche-Test haperte es gelegentlich noch mit der Verfügbarkeit der Angebote.

Immerhin gibt's i-mode derzeit noch im Sonderangebot. Wer bis Ende Mai für drei Euro Grundgebühr im Monat den neuen Service abonniert, zahlt für Abruf oder Versand von einem Megabyte Daten - vergleichbar etwa zehn Abrufen der WirtschaftsWoche-Homepage am PC - einen Monat lang nur ein Euro. Danach, so hofft E-Plus-SpitzenmannBergheim, sind Kunden wie Peter Sachs vom bunten Infodienst so fasziniert, dass sie sich auch von einer Verzehnfachung der Übertragungspreise nicht mehr schrecken lassen;ganz abgesehen davon, dass dann auch noch bis zu zwei Euro für jeden weiteren, auf Wunsch zusätzlich abonnierbaren Infodienst hinzukommen.

Mit diesem Preisniveau befindet sich E-Plus in bester Gesellschaft. Auch die anderen Netzbetreiber kassieren für mobile Datenübertragungen beziehungsweise Infoabfragen - vom Klingelton bis zur Wettervorhersage - via SMS oder WAP Gebühren in ähnlicher Größenordnung. Während die Gesprächspreise seit dem Marktstart der digitalen Mobilfunknetze Anfang der Neunzigerjahre von umgerechnet mehr als einem Euro pro Minute inzwischen um bis zu 90 Prozent gefallen sind, ist Datenfunk noch relativ teuer. Wer mit dem seit 2001 in allen Netzen eingeführten Übertragungsverfahren GPRS, das auch dem i-mode zu Grunde liegt, ein Megabyte Daten empfangen oder versenden will, zahlt dafür - je nach Tarif - bis zu 35 Euro.

Mobilfunkbetreiber hoffen auf i-mode

Angesichts dieser Summen ist klar, dass die Mobilfunkvorstände nicht nur bei E-Plus große Erwartungen auf den Markterfolg von i-mode setzen. Gilt doch das neue Angebot branchenweit als Testlauf für die dritte Generation der so genannten UMTS-Mobilfunknetze, in deren Aufbau die sechs deutschen Lizenznehmer in den kommenden acht Jahren rund 20 Milliarden Euro investieren werden - zusätzlich zu den rund 50 Milliarden, die allein der Erwerb der Lizenzen im Sommer 2000 gekostet hatte. "Die ganze Branche kann nur hoffen, dass i-mode funktioniert," sagt Jürgen von Kuczkowski, Chef von Vodafone D2.

Ob sich diese Summen über Mehrwertdienste refinanzieren lassen, ist - trotz i-mode und MMS-Nachrichten - noch völlig offen. "Bisher jedenfalls ist die Servicerevolution ausgeblieben", sagt Nokia-Chef Ollila. Der Blick in eine aktuelle Studie des BAT-Freizeitforschungsinstituts belegt, warum:"Noch immer genügt es drei Viertel aller Deutschen völlig, mit ihrem Handy zu telefonieren."

Und den Anrufbeantworter erklärt zur Not - wie Martin Stockmann - der freundliche Verkäufer im Handyshop.

Quelle: WirtschaftsWoche

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