Furcht vor der „Entsolidarisierung“
Analyse: Die ökonomische Vernunft der Piloten

Selten haben Gewerkschaften so sehr für lohnpolitisches Augenmaß geworben wie in diesen Tagen. Eigentlich ist die neue Großorganisation Verdi angetreten, um die mächtige IG Metall an Kampfkraft zu übertreffen. Doch angesichts der Abgebrühtheit, mit der nun eine kleine Pilotengewerkschaft bei der Lufthansa für ihre 35-Prozent-Tarifforderung kämpft, pocht auch Verdi auf die höhere ökonomische Vernunft.

Das ist schon deshalb verständlich, weil die Rechnung der nicht gerade sozial schwachen Piloten letztlich an das von Verdi vertretene Boden- und Kabinenpersonal weiter gereicht werden wird. Doch die ungewohnten Mahnungen haben noch einen tieferen Grund: Der eigensinnige Arbeitskampf der Vereinigung Cockpit gefährdet die Existenzgrundlage der neuen "Supergewerkschaft".

Diese Grundlage ist die Bereitschaft der Mitglieder aus insgesamt 1 000 verschiedenen Berufen, im Dienst der Gesamtorganisation untereinander Solidarität zu üben. Oder genauer: Das Konzept der Großgewerkschaft funktioniert nur, wenn die Mitglieder in Boomfirmen und-berufen Abstriche vom theoretisch durchsetzbaren Maximal- Tarifgehalt akzeptieren.

Als die Vereinigung Cockpit vor zwei Jahren ihre Bindung an die Verdi-Fusionspartner DAG und ÖTV kappte, hatte dies damit zu tun, dass sich die Piloten bei deren auf Sozialausgleich bedachter Tarifstrategie als Verlierer sahen. Führt nun die neue Maximalstrategie der Piloten zum Erfolg, dann muss dies für alle Verteidiger der vertrauten deutschen Tariflandschaft ein schrilles Warnsignal sein. Denn das Beispiel könnte Schule machen. Gerade die Verdi-Gründer sind angetreten, um mit ihrer großen Gewerkschaftsfusion Konkurrenz unter den Einzelorganisationen abzubauen - doch dann wäre der Spaltpilz auf einmal mittendrin.

Warum dem Konzerntarifvertrag unterwerfen?

Warum, so könnten als Nächstes die Spezialisten der Lufthansa Technik AG fragen, sollen sie sich weiter dem Konzerntarifvertrag unterwerfen? Denn auch sie hätten gute Chancen, einen Gehaltsaufschlag klar oberhalb des Fünf-Prozent-Abschlusses für das übrige Personal zu erkämpfen. In den USA haben die Techniker von Northwest Airlines gerade ein Plus von 24 Prozent durchgesetzt.

Und damit nicht genug. Bisher ist die "Entsolidarisierung" vor allem für die Lufthansa und die noch fragile Verdi-Organisation brisant. Doch womöglich ist dies nur der Vorgeschmack auf eine Entwicklung, die bald andere Branchen und statt Konzern- auch Flächentarifverträge erfasst. Warum, so könnten bald EDV-Spezialisten aus Metall-, Chemie- und Dienstleistungsfirmen fragen, sollen sie sich von der Tarifpolitik für ihre jeweilige Branche abhängig machen? In einer berufsständischen Vertretung könnten sie die gesamte Republik ebenso lahm legen wie die Piloten die Lufthansa-Flüge und dann tarifvertraglich auf Dauer fixieren, was ihnen heute allenfalls als übertarifliche Zulage zugestanden wird.

Gewiss, noch gehört derlei ins Reich der Phantasie. Kurzfristig können die alten Gewerkschaften solche Szenarien sogar als Beweis dafür deuten, wie viel befriedende Kraft sie für weite Bereiche der Wirtschaft noch immer haben. Und ihre Kritiker mag die Aussicht nachdenklich stimmen, dass auch jenseits des alten Flächentarifs nicht zwingend für jeden Betrieb ein tarifpolitischer Maßanzug geschneidert wird.

Wer indes langfristig das Problem starken Fachkräftemangels bei gleichzeitig hoher Arbeitslosigkeit lösen will, der sollte dem Beispiel der Piloten ruhig mit etwas Sympathie begegnen. Denn egal in welcher Branche: Ein Zuviel an Einkommenssolidarität verzerrt stets die Signale, die der Berufsnachwuchs für seine Aubildungsentscheidungen braucht.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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