Fusion mit französischen Unternehmen geplant – Liquidität gut
Internetbuchhandel: Bei büecher.de lohnt sich ein zweiter Blick

Die erste Anleger-Euphorie bei den Online-Buchhändlern hat sich gelegt. Die hohen Kursverluste bei Amazon deprimieren die Anleger. Buecher.de aber ist ein Hoffnungsträger: Denn das Unternehmen hat seine Kostensituation im Griff und aggiert flexibel auf dem Markt.

DÜSSELDORF/MÜNCHEN. Der Vorstandssprecher von buecher.de, Richard von Rheinbaben, hatte es heute nicht leicht: Auf der Hauptversammlung spürte er den Zorn der Kleinaktionäre. "Wo ist hier noch die Erfolgsstory?", fragte Michael Leipold von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz am Montag in München. Der Kursverlust der Aktie am Neuen Markt sei wesentlich drastischer als bei der Konkurrenz. Seit dem Börsengang im Juli 1999 geht es mit der Aktie stetig bergab. In Juni stürzte der Kurs nochmal von 23 Euro auf 11 Euro, und auf diesem Niveau krebst die Aktie nun seit 3 Monaten herum. Am Montag wurde sie am frühen Nachmittag im Xetra-Handel mit 10,97 Euro gehandelt. Das Unternehmen verweist auf das derzeitig schlechte Image der Business-to-Consumer-Werte. "Wir haben unter den Negativmeldungen der Branche gelitten, sagte Pressesprecherin Julia Hoffman heute zu Handelsblatt.com. Sie gibt dem Branchenmagazin Barron?s die Schuld, das vorhersagte, dass Wettbewerber Amazon schon 2001 das Geld ausgehen werde. Dies hätte dann die ganz Branche heruntergerissen. Als dann noch der Bekleidungshändler boo.com Pleite ging, verloren die Anleger völlig das Vertauen in die Aktie.

Hohe Marketingkosten



Dabei legte der Internetbuchhändler heute positive Geschäftszahlen vor: Der Umsatz übertraf mit 17,1 Mill. DM bereits den Gesamtumsatz von 1999 (16, 4 Mill. DM). Lediglich die Verluste in Höhe von 4,7 Mill. DM waren höher als erwartet, meint der Analyst Martin Sowa von der West LB. Dies führt er auf die hohen Marketingkosten zurück. Dies Kosten seien aber sinnvoll verwendet worden, da die Kundenanzahl im ersten Halbjahr auf 0,6 Millionen gestiegen seien. Für das Gesamtjahr kündigte Vorstandssprecher Richard v. Rheinbaben einen operativen Verlust von unter 20 Mill. DM an. Der Internetbuchhandel wird derzeit hauptsächlich von 4 Unternehmen bestritten. Der Gigant Amazon (Umsatz: 1 639,8 Mill. $/ 17 Mill. Kunden) , buch.de (Umsatz: 4,5 Mill. Euro 1999/ 140 000 Kunden), bol.de (keine Zahlenangabe) und buecher.de. Buecher.de ist derzeit das mutigste Unternehmen: Die Unternehmensleitung kündigte an, im 4. Quartal 2001 schwarze Zahlen schreiben zu wollen. Und das halten die Analysten auch für realistisch. Derzeit wächst der Umsatz schneller als die Fixkosten, so dass eine echte Kostendegression möglich ist. Der Vorteil des Unternehmens liegt in den geringen Lager- und Logistikkosten. Während Gigant Amazon eigene Läger in großem Stil aufbaute, übergab buecher.de diese Aufgabe an den Großhändler libri.de. Dies ist einer der Gründe, warum die Liquditätsituation bei buecher.de beruhigend auf Analysten und Anleger wirkt. Der Cash liegt bei 50 Mill. DM.

Kooperations- und Übernahmpartner gesucht



Diese Mittel braucht das Unternehmen auch für seine Expansionsstrategie nach Frankreich und Italien. Bisher verkauft buecher.de hauptsächlich im deutschsprachigen Raum Deutschland und Schweiz. Spannend dürfte dabei werden, welche Kooperationspartner sich das Unternehmen sucht. Derzeit werde mit der französischen Gesellschaft Chapitre.com gesprochen, verriet Rheinbaben heute und ergänzte "möglicherweise sogar wegen einer Übernahme". Welche dieser Varianten gewählt werde, sei aber noch offen. Eine Entscheidung falle möglicherweise noch im September. Für mögliche Übernahmen oder Beteiligungen könnten nach von Rheinbabens Worten auch bis zu 2,4 Millionen eigene Aktien eingesetzt werden. Zudem befänden sich in der Kriegskasse der Gesellschaft rund 30 Mill. DM für diesen Zweck, sagte der Vorstandssprecher. Auch über einen anderen Übernahmekanditat wird in Analystenkreisen spekuliert: Martin Sowa von der West LB findet libri sehr interessant. Denn der Grossist besitze 20 % an freenet, der Mobilcom Tochter. Und Mobilcom wiederum würde mit France Telecom und Wanadoo Synergien für die Expansion in Frankreich einbringen.

Mediantis - neues Dachmarkenkonzept

Im Vergleich mit seinen Wettbewerbern steht buecher.de gut da. Derzeit liefert es sich ein Kopf an Kopf Rennen mit der Bertelsmann Tochter bol.de, um die Umsatz-Nr. 2 zu werden. In Bezug auf nationale Reichweite schlägt bol buecher.de allerdings um Längen. Buecher.de hat seinen Markennamen etabliert. Umso verwunderlicher, dass die Firma heute in mediantis umfirmierte. Julia Hoffmann erklärt dies mit dem neuen Dachmarkenkonzept. Unter Mediantis werden dann die Marken ZVAB (Das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher), der Buchhändler buch.CH sowie der Musikhändler Alphamusic geführt. Weitere Partner werden gesucht. Sie müssen allerdings schon, so Hoffman, ein starkes Branding mibringen. Die Produktpalette soll sich weiter im Bereich Medien spezialisieren: CDs, Videos, Musik, Software und Zeitschriften. Fahrräder und Lebensmittel über das Internet zu verkaufen wie Amazon werde es bei Bücher.de nicht geben. Analyst Peter Barkow von HSBC Trinkaus hält das für eine gute Strategie. Das Angebot dürfe nicht strukturlos werden.

Wichtiger als Cash-Flow: Zahl der Kunden

Auch Axel Hotze, Analyst bei der Commerzbank hält Autoverkauf über Internet-Buchhändler für nicht effektiv. Im hohen Kundenwachstum sieht er den Beweis für die bisherige Strategie. Die Kundenzahlen stehen im Focus der Analysten. Denn die Kosten zu Neukundengewinnung sind hoch. Hotze rechnete aus, dass buecher.de 58 DM an Marketingmitteln ausgegeben hat, um einen neuen Kunden zu gewinnen. Um die ehrgeizigen Kostenziele zu halten, dürfte das Unternehmen im nächsten Halbjahr nur noch 18-19 DM pro Kunde ausgeben, Hotze hält das für kritisch aber nicht unrealistisch, weil ein Großteil der Werbekosten nach Unternehmensangaben schon im ersten Halbjahr gezahlt worden sei. Aufmerksam beobachten werde er auch die Suche nach einem guten Kooperationspartner in Frankreich. Der Markt si nicht einfach, da es schon viele gut positionierte Buchhändler dort gäbe, z. B. a la page und SNAC. Trotzdem bewertet er die Aktie mit "Akkumulieren"

Mit "Speculativ buy" bewertet Martin Sowa von der West LB die Aktie. Er sieht buecher. de auch selber als Ubernahmekanditat. Für Bol sei das Münchener Unternehmen sicher interessant. Kriegsentscheidend auf dem Online-Buchhandelsmarkt sei auch immer noch die Schnelligkeit. Und hier macht buecher.der klare Pluspunkte: "Der Kunde bei Amazon erhält das Buch durchschnittlich einen Tag später, meint Sowa.

Am Schluß der Hauptversammlung söhnten sich Anleger und Vorstandsprecher Rheinbaben wieder aus. Der Umfirmierung in Mediantis stimmten sie mit überwältigender Mehrheit zu. Die Zukunft mit einer europäische Expansionsstrategie und Dachmarkenkonzept sehen sie positiv .

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