Fußball-EM 2004
Feldherr Scolari sieht sich als Motivator

Felipe Scolari steht mit der portugiesischen Fußball-Nationalmannschaft bei der EM vor einem historischen Erfolg. Die militärische Einstellung des brasilianischen Weltmeistertrainers ist guter Laune gewichen.

Von Dorothea Jantschke, Lissabon

HB Lissabon. Immer dann, wenn Felipe Scolari seinen Worten Ausdruck verleihen will, kneift er die Augen zusammen. Er starrt sein Gegenüber an, legt die Stirn in Falten und beugt den Oberkörper nach vorn. «Diese hervorragende Mannschaft hat den Titel verdient», sagt der Brasilianer vor dem Europameisterschafts-Endspiel der von ihm betreuten Portugiesen gegen Griechenland am Sonntag (20.45 Uhr) in Lissabon.

Als Scolari vor anderthalb Jahren das Engagement beim portugiesischen Fußball-Verband annahm, war die Forderung des Volkes einfach. Nachdem der 55-Jährige 2002 mit Brasilien Weltmeister geworden war, sollte er nun die portugiesische Selecao zum Titel führen. Vor der Euro hielt Scolari das Erreichen des Halbfinales für realistisch. Nun kann es kein anderes Ziel geben als den ersten EM-Titel für den Gastgeber.

In seiner brasilianischen Heimat wurde Scolari «Feldwebel» genannt. Militärische Ausdrücke fließen in seinen Sprachgebrauch gleich reihenweise ein. Vor dem dritten Gruppenspiel gegen Spanien schockte er nicht nur die Einwohner der iberischen Halbinsel mit der Forderung: «Das ist Krieg. Und im Krieg muss ich töten, um nicht zu sterben».

Als er sich der Brisanz seiner Aussage bewusst wurde, fügte Scolari entschuldigend hinzu, dass es bei ihm zu Hause sprachlich etwas derber zugehe. Das sehe man schon am brasilianischen Namen für das K.o.-Spielsystem. Es heißt mata-mata, auf deutsch töte-töte.

«Er hat überhaupt nichts mit dem Image gemein, das ihm vorausgeeilt ist», verteidigt Verteidiger Ricardo Carvalho vom Champions-League-Sieger FC Porto seinen Coach. Er sei erstaunt gewesen. «Scolari scherzt gerne mit den Spielern und nimmt dabei seine Arbeit sehr ernst.» Stürmer Nuno Gomes findet: «Er bringt uns Motivation und Freude».

Scolari will fröhliche Spieler sehen. Der Brasilianer, der mit Ehefrau und zwei Söhnen im Lissabonner Vorort Cascais wohnt, hält große Stücke auf familiären Zusammenhalt und Glauben. Gut zwei Stunden vor dem Viertelfinalspiel gegen England zeigte sich Scolari mit den Söhnen auf dem Rasen des Alvalade-Stadions. Die Fernsehkameras fingen ihn ein, als er beide herzte und küsste. Tausende Portugiesen verfolgten das Schauspiel live am Bildschirm. Nachdem seine Mannschaft die Engländer aus dem Turnier befördert hatte, versicherte sich Scolari deren Zuneigung mit der Aussage: «Ich bin Brasilianer, aber ich fühle genauso wie ihr.»

Die Portugiesen mit ihrem Weltstar Luis Figo zu einer Familie zusammen zu führen, war Scolaris größte Herausforderung. Weil ihm die Spieler zu traurig erschienen, ließ er die Psychologin einfliegen, die ihm schon bei der WM 2002 geholfen hatte. «Mir gefällt es, wenn meine Spieler glücklich sind», begründete Scolari die Maßnahme. Der einzige, der sich nicht von der Ärztin durchleuchten ließ, war Figo.

Auf Starallüren nimmt Familienmensch Scolari keine Rücksicht und auch nicht auf Schwäche. Gegen England wurde Figo gut eine halbe Stunde vor dem regulären Ende ausgetauscht. Die Demütigung steckte der Mittelfeldmann von Real Madrid nur schwer weg, nach dem Abpfiff blieb er einfach in der Kabine hocken. Die Presse kreidete Figo diese Eitelkeit an, aber Scolari gab seinem Star Rückendeckung. Auch im Halbfinale gegen die Niederlande hatte Figo nur Kraft für gut 60 Minuten, doch der Trainer ließ den Kämpfer bis zum Schluss im Spiel.

Diese Geste rechnete die portugiesische Öffentlichkeit ihrem Trainer hoch an. Ohnehin ist die Kritik an Scolaris Arbeit - in seiner kurzen Amtszeit tauschte er ohne Rücksicht auf große Namen gut ein Drittel aller Spieler aus - kompromissloser Loyalität gewichen. Aber nicht nur die EM-Gastgeber haben Scolari ins Herz geschlossen. Auch zu Hause in Brasilien wächst die Bewunderung für den Abtrünnigen. Das «Jornal do Brasil» kündigte vor dem Endspiel gegen Griechenland im Lissabonner Estadio da Luz an: «Zehn Millionen Portugiesen werden Scolari die Daumen drücken und 174 Millionen Brasilianer.»

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