Fußball-EM
Analyse: Analogien und Fehlpässe

Sind wir nicht alle ein bisschen Nowotny? Irgendwie nicht ganz fit, ideenarm und träge, vor allem aber (die Demographen warnen uns seit langem) in die Jahre gekommen? Fast scheint es so.

Sind wir nicht alle ein bisschen Nowotny? Irgendwie nicht ganz fit, ideenarm und träge, vor allem aber (die Demographen warnen uns seit langem) in die Jahre gekommen? Fast scheint es so: "1:2 - das ist Deutschland", titelte die "Rheinische Post" am tag nach dem EM-Aus auf Seite eins und ist sich sicher, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft genauso tickt wie das ganze Land: die Politik ratlos, die Wirtschaft ohne Schwung, die Menschen frustriert - von Hamburg bis München. Das frühe Ausscheiden der Fußballer als unausweichliche Folge einer deprimierten Volksseele. Prompt kürte auch das Stammtisch-Organ "Bild" gut 80 Millionen Deutsche samt elf Rumpelfüßlern an der Spitze zu den "Deppen Europas".

Daraus sollen wir ableiten, was uns ohnehin seit Monaten medial vorgesetzt wird: Die großen Zeiten sind vorbei; die Zukunft gehört den Frischen, den Gesunden - also den anderen: dem Osten allgemein und den Tschechen insbesondere, weil sie Fußball-Deutschland neuerdings selbst mit der Ersatzmannschaft besiegen, während die eigentlichen Stars ihre Knochen für die wirklich wichtigen Spiele gegen große Gegner schonen.

Es ist schon erstaunlich, dass etwaige Analogien zwischen Fußball, Politik und Wirtschaft immer dann hervorgezaubert werden, sobald die deutschen Kicker ein großes Turnier versemmelt haben. Und es darf gemutmaßt werden, dass noch weitere Verfechter dieser Sichtweise nach der Schmach von Portugal aus ihren Löchern kriechen. Sie werden wieder vortragen, dass bereits Konrad Adenauer einen Zusammenhang zwischen Leibesübung und politischer Befindlichkeit erkannte: "Sport ist der Arzt am Krankenbett der deutschen Nation", befand der Alte aus Rhöndorf.

Für ihre Theorien stoßen die Analogie-Fans auch in der jüngeren Fußballhistorie immer mal wieder auf Indizien. Etwa 1990: Kaum sind die beiden deutschen Staaten wieder vereint, wird die DFB-Elf Weltmeister. Oder 1998: Dem blamablen Abschneiden von "Bertis Buben" bei der WM in Frankreich folgte prompt der Absturz der Kohl-Regierung.

Nachdem Teamchef Rudi Völler seinen Rücktritt eingereicht hat, müsste folgerichtig auch Kanzler Gerhard Schröder dicht vor dem Aus stehen. Haben wir derlei Spekulationen nicht gerade erst vernommen - während der Europameisterschaft? "Wer mitbekommt, was sich im Fußball wann und wie verschiebt, ist über andere Gesellschaftsbereiche osmotisch informiert", schreibt der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit in seinem Buch "Tor zur Welt".

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