Fußball-Euphorie in Japan steigt
Boygroup schreibt Geschichte

Die japanische Nationalelf hat nach dem 1:0 über Russland gute Chancen auf den Achtelfinaleinzug. Anders als vor vier Jahren besteht das Team heute aus lauter Individualisten, die von den Fans vergöttert werden.

YOKOHAMA. Als Junichi Inamoto sieben Minuten nach der Pause und vor den Augen von Regierungschef Junichiro Koizumi zum 1:0 für Japan traf, brandete im Stadion von Yokohama Jubel auf, der durchaus an die Hexenkessel-Atmosphäre in der "Arena auf Schalke" erinnerte. Nach dem historischen Sieg gegen Russland - dem ersten in Japans WM-Geschichte - fehlt den Gastgebern in der Gruppe H nur noch ein Punkt, um bei ihrer zweiten Endrunden-Teilnahme erstmals die Runde der letzten 16 zu erreichen. Und in ihrem letzten Gruppenspiel treffen die Japaner auf Tunesien, den vermeintlich schwächsten Gegner ihrer Gruppe.

Mit der Weltmeisterschaft ist die Fußball-Begeisterung endgültig auf die Insel herübergeschwappt, deren Bewohner dem Spiel mit dem runden Leder zuvor nur wenig abgewinnen konnten. Nach den ersten beiden Gruppenspielen war die Partie gegen Russland über Nacht zum Schlagerspiel der Gruppe H geworden. Mehrere Tausend Tickets, die vor der Begegnung kurzfristig über Internet und Telefon vertrieben wurden, waren nach einer Viertelstunde weg. Insgesamt sollen mehr als eine Million Anfragen eingegangen sein.

Vor dem Endspiel-Stadion in Yokohama, eine knappe Stunde von Tokio entfernt, sah man Hunderte von verzweifelten Fans mit "Need Tickets"-Schildern. Ein Engländer hatte noch "60 000 Yen" als Gebot dazugeschrieben. Knapp 600 Euro für ein Vorrundenspiel zweier Außenseiter - ein stolzer Preis.

Im Stadion zeigten dann die gut 66 000 Zuschauer, dass sie in den vergangenen zehn Tagen viel Begeisterungsfähigkeit gelernt haben. Die La-Ola-Welle klappte, beim Vorlesen der russischen Mannschaftsaufstellung buhten die japanischen Fans kräftig, bei der eigenen Nationalhymne hielten sie eifrig Flaggen vors Gesicht und der Schlachtruf "Nippon" war ebenso gut zu verstehen wie der Triumphmarsch aus Aida. Hier profitierten die Fans vom Nationalhobby Karaoke.

Japans Spieler wollen bei dieser WM ein Zeichen setzen. In den vergangenen Jahren galt stets das alte japanische Sprichwort "Der Nagel, der raus steht, wird eingeschlagen". Mit anderen Worten: Auffallen tut weh. Oder in der Sprache des Fußballs: Der Star ist die Mannschaft. Vor vier Jahren bei der WM in Frankreich fuhr das japanische Team mit diesem Konzept ein enttäuschendes Ergebnis ein: Kein Punkt in drei Vorrundenspielen und nur ein Tor - bei der 1:2-Niederlage gegen Jamaica.

Heute tragen die Nationalspieler Frisuren in allen Farben von weißblond über knallrot bis schwarz. "Wir wollen unsere Individualität zeigen", betont Stürmer Takayuki Suzuki. Und wenn sich der Haarschnitt der Kicker durchsetzt, dürfte die neue Mode den Friseuren des Landes künftig reichlich Umsatz bescheren. Fußball ist ein junger Sport, und ein Sport für die Jugend, weshalb die Auswahlspieler wie eine Boygroup daherkommen.

In diesem Jahr haben die Japaner dank einiger herausragender Spieler eine gute Mannschaft. Das spürten schon die Belgier beim für sie wenig schmeichelhaften 2:2 gegen die Gastgeber - und gestern auch die Russen. Vor allem die in Europa spielenden Profis sind beliebt, allen voran Shinji Ono, Hidetoshi Nakata und Junichi Inamoto, die bei Feyenoord Rotterdam, AC Parma und Arsenal London ihr Geld verdienen. Ihre Namen zieren Zehntausende von Fan-Trikots, die auf der Insel in diesen Tagen fast als neue Schuluniform durchgehen könnten. Japans Ausrüster Adidas wird es freuen.

Bisher hat der Gastgeber immer die Vorrunde einer WM überstanden, und die Japaner wollen auf keinen Fall die ersten sein, die hier patzen. Zumal Co-Gastgeber und Rivale Südkorea nach seinem Auftaktsieg gute Chancen auf das Achtelfinale hat. Und die gerade erst aufgekommene WM-Begeisterung wäre mit einem Aus in den Gruppenspielen wohl auch schlagartig zu Ende. Das Schicksal von Japans französischem Trainer Philippe Troussier, der den Job 1998 nach Engagements an der Elfenbeinküste, in Nigeria, Burkina Faso und Südafrika übernommen hatte, hängt dagen nicht am Achtelfinaleinzug: Er will nach der WM auf jeden Fall aufhören.

Mit ihrer Kampfkraft, Schnelligkeit und Fanunterstützung haben die Japaner aber durchaus Chancen, sogar das Viertelfinale zu erreichen. Wenn da nur nicht ihre Kopfballschwäche wäre. Nicht ohne Grund informiert das japanische Fernsehen die Zuschauer vor jeder Übertragung über die Durchschnittsgröße der aufeinander treffenden Spieler - und hier ziehen die Japaner meist den Kürzeren.

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