Fußball im Radio ist in Frankreich nicht für jedermann zu empfangen
Kultur in kurzen Hosen

Ein findiger Radiomann hat mit der Kirch-Gruppe einen Vertrag abgeschlossen, der Frankreichs Fußballfans in Aufregung versetzt. Der Streit um die Übertragungsrechte von Fußballspielen lässt viele Sender vor Wut schäumen, Politiker drohen und Vereine hoffen.

Dienstagmorgen, 11. Juni 2002, 8.30 Uhr MEZ. Rush-hour in Paris. Im südkoreanischen Incheon spielt Titelverteidiger Frankreich um den Einzug ins Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Dänemark. Zehntausende französische Fans, die mit Auto, Bus oder U-Bahn auf dem Weg zur Arbeit sind, suchen auf ihren Radios die Frequenz des einzigen Senders Frankreichs, auf dem sie das Spiel live verfolgen können. Während der Spielunterbrechungen hören die Fans Werbung.

Diesen Traum eines Radiomachers hat sich Alain Weill, Chef des französischen Senders RMC-Info, erfüllt. Anfang Dezember kaufte Weill von der Kirch-Gruppe für 564 000 Euro die Radiorechte an der WM für den französischen Markt. Weill machte sich eine Gesetzeslücke zu nutze: Nur der Verkauf von Fernsehrechten für Sportveranstaltungen ist in Frankreich gesetzlich geregelt. Seit Weills Streich tobt in Frankreich der Streit über die Kommerzialisierung des Sports und das Recht auf Information.

Unzufriedene gibt es zuhauf. Weills Radiokonkurrenten fühlten sich betrogen. Die Fußballfans fürchten um flächendeckenden WM-Hörgenuss: RMC-Info ist im Norden Frankreichs nicht zu empfangen. Die Fußballliga LNF packte die Gelegenheit beim Schopf und bietet ihrerseits die Radiorechte für den Profifußball feil, die es bisher umsonst gab. Was die übrigen französischen Radiostationen noch weiter auf die Barrikaden treibt.

Zusammen ergibt das genug Zündstoff, damit sich auch die Politik einmischt - zumal in einem Wahljahr. Sportministerin Marie-George Buffet beklagte die "merkantilistische Entgleisung" der LNF und rief die Radiosender auf, die Auktion zu boykottieren. Kulturministerin Catherine Tasca drohte mit einem Gesetz, dass den Verkauf von Radiosenderechten verbietet. Rückendeckung bekamen sie von Premierminister und Fußballfan Lionel Jospin, der als Präsidentschaftskandidat bei der Wahl am 5. Mai Amtsinhaber Jacques Chirac ablösen und nach dem WM-Finale am 30. Juni Frankreichs Titelverteidigung feiern will.

Die politische Schützenhilfe erbeten hatten Frankreichs - zum Teil staatliche - Radiosender. Sie machen RMC-Info dafür verantwortlich, dass sie nun auch für die Rechte an der ersten und zweiten französischen Liga zur Kasse gebeten werden. Um ihre Verhandlungsposition für die WM-Rechte gegenüber Kirch zu stärken, hatten sich alle französischen Radiosender zusammen geschlossen. Nur RMC-Info machte nicht mit - und erhielt zur Belohnung den Zuschlag.

Die Konkurrenten klagten vor Gericht gegen den RMC-Kirch-Vertrag. "Sport ist Kultur", argumentiert Jean-Marie Cavada, Präsident des öffentlich-rechtlichen Radio France und Sprecher der Interessengemeinschaft der Radiostationen. Der Deal behindere, so Cavada, die freie Berichterstattung.

RMC-Info-Chef Weill sieht das anders: "Cavada behauptet, Fernsehen sei Unterhaltung, aber Radio Information. Diese Unterscheidung kann ich nicht nachvollziehen." Außerdem habe Konkurrent RTL mit dem Foulspiel begonnen, stellt Weill fest. RTL Radio schloss vergangenen Oktober einen Exklusivvertrag mit Frankreichs Nationalmannschaft ab, der andere Radiosender aus der Umkleidekabine verbannt. Grund: Die RTL-Gruppe ist Aktionär der Agentur Sportfive (Zusammenschluss aus Ufa Sports sowie Sport+ und Groupe Jean-Claude Darmon), und die wiederum hält die Vermarktungsrechte an den "Blauen", wie die Franzosen ihr Nationalteam um Superstar Zinedine Zidane nennen.

LNF-Chef Gérard Bourgoin nahm Weills Argumente gerne auf, witterte er doch eine neue Einnahmequelle für den klammen französischen Profifußball. Für bis zu drei Millionen Euro will Bourgouin die Radiorechte für die nächsten beiden Spielzeiten der ersten und zweiten Liga verkaufen. Nicht viel: Für die TV-Rechte bis 2004 blätterten die Privatsender Canal+ und TF1 1999 1,2 Millarden Euro hin.

Aber jeder Euro ist der LNF willkommen, denn Liga und Klubs drücken 290 Millionen Euro Schulden. Allein in der Saison 2000/2001 belief sich das Defizit der 42 französischen Profiklubs auf 120 Millionen Euro. Grund: Während die Spielergehälter immer höher ausfallen (2001 plus 22 Prozent), stagniert das Interesse der Fans. Erstliga-Spiele finden in Frankreich nur selten vor mehr als 15 000 Zuschauern statt, der Verkauf von Fanartikeln läuft schleppend und die öffentlichen Subventionen für Frankreichs Profivereine sind in den vergangenen zwei Jahren um die Hälfte gesunken.

Die Fronten im Kulturkampf um den Kurzwellenbereich sind unterdessen fest gefahren. Ein runder Tisch mit allen Beteiligten unter Vorsitz der Sportministerin brachte unlängst keine Einigung. Weill ist das egal. Der Radiomann glaubt an sein Geschäftsmodell. Weil?s beim Fußball bereits so schön geklappt hat, erwarb Weill Mitte Februar auch noch die Exklusivrechte an der Formel 1.

Streit um die Radioübertragungen von Fußballspielen gibt es derweil auch in Deutschland. Vor dem Landgericht Hamburg klagt in einem Musterprozess Radio Hamburg gegen den FC St. Pauli und den Hamburger SV. Auch hier geht um die Klärung der Frage: Gibt es Hörfunkrechte? Die Klage, die Radio Hamburg im Auftrag des Verbandes Privater Rundfunk und Telekommunikation (VPRT) führt, wird aber wohl abgewiesen. Der Trend spreche dafür, dass das Hausrecht dem Recht auf freie Berichterstattung entge genstehe, so der Vorsitzende Richter bei der ersten Anhörung. Eine Entscheidung soll am 26. April fallen.

Stefan Kühler, Pressesprecher des VPRT, räumt ein, dass die Durchsetzung der eigenen Position ein "schwieriges Unterfangen" sei. Die DFL wittere ein Geschäft, mit diesen Lizenzen zusätzlich Geld zu machen. "Wir vergleichen Radiokommentare eher mit einer Zeitung, denn bei beiden trägt die Kreativität des Einzelnen entscheidend dazu bei, dass sich der Verbraucher das Ganze vorstellen kann." Je nach Größe und Reichweite eines Senders kassiert die DFL zwischen 7 700 und 25 600 Euro für 17 Heimspiele eines Erstligisten.

Auch für die Weltmeisterschaft sieht es für die Privatradios nicht gut aus. Nach Angaben des Weltverbandes Fifa dürfen sie nur dann aus den Stadion berichten, wenn sie eine Sublizenz von der ARD erhält oder Rechte der Kirch-Gruppe kauft. "Diese Mitteilung hat uns erstaunt", sagt Kühler. In Kürze werde man das Thema erörtern. Doch ob der VPRT die Reihen geschlossen halten kann, ist fraglich. Schließlich ist auch Kirch Mitglied.

Mitarbeit: Marc Thylmann

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