Fußball-Magazin leidet unter Misserfolgen der Nationalmannschaft.
Rudis Buben machen „Kicker“ das Leben schwer

Im Besprechungszimmer der Olympia-Verlag GmbH scheint die Zeit stehen geblieben. Wände, Tische, Stühle - alles sieht aus, als sei es aus den siebzier Jahren. Die guten alten Zeiten, das waren für den Nürnberger Verlag der Fußballzeitschrift "Kicker" die Jahre vor 1995, vor dem Bosmann-Urteil.

NÜRNBERG. Seit der Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs sind die Ablösesummen der Profifußballer in astronomische Höhen gestiegen und haben dazu beigetragen, dass immer mehr Leute den Sport links liegen lassen. Das ist noch nicht alles: Die blamablen Leistungen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft unter Berti Vogts und Rudi Völler sowie die Diskussion um die TV-Sendung "ran" hätten dem Fußball enorm geschadet. Deshalb greifen heute wesentlich weniger Leute zum Kicker als früher, ist Chefredakteur Rainer Holzschuh überzeugt.

In der Tat: Die Auflagenkurve des vor mehr als 80 Jahren gegründeten Titels zeigt seit Jahren nach unten. Dass es den Wettbewerbern von "Sportbild" und "Bravo Sport" nicht besser geht, ist für Geschäftsführer Dietrich Puschmann kein Trost. Zuletzt verkaufte der Kicker am Hauptverkaufstag Montag noch rund 276 000 Exemplare. 1998 griffen 311 000 Leute zu den Heften.

Anzeigenrückgang von 25%

Im Vergleich zu 2000 muss Puschmann in diesem Jahr zudem einen Anzeigenrückgang von 25 % verkraften. Letztes Jahr sorgte wenigstens die Fußball-Europameisterschaft für viele Anzeigenseiten. Das Unternehmen, das zur Gruppe der Nürnberger Regionalzeitungen gehört, setzte rund 85 Mill. DM um.

Trotz der Einbrüche setzen Chefredaktion und Verlagsleitung auf Kontinuität. Auch wenn sich inhaltlich einiges geändert hat, sieht das Blatt heute noch so aus wie vor 20 Jahren. Die Montagausgabe besteht aus einem bunten Mantel und einem schwarz-weißen Innenteil mit den aktuellen Spielberichten. Die Donnerstagausgabe kommt ganz ohne Farbe aus.

Der Fußball steht im Mittelpunkt

"Wir wollen kein Museum werden", betont Puschmann, weicht von der Maxime allerdings nicht ab, dass im Kicker im Gegensatz zu vielen anderen Medien der Fußball im Mittelpunkt steht: "Das Private interessiert uns nicht." Damit sei, so Rainer Holzschuh, der "Kicker seit Jahrzehnten kult". Wenn sich Stefan Effenberg den Fuß im Rolls Royce einklemmen würde, fragen die Reporter nicht, warum "Effe" mit einer Luxus-Karosse durch die Lande fährt. Die Experten würden analysieren, was der Verlust für die Taktik des FC Bayern München bedeutet.

Um die Auflage wieder anzukurbeln hofft Holzschuh, dass die deutsche Nationalmannschaft bald wieder das Tor trifft: "Wir brauchen Erfolge, die begeistern, den Fans fehlen die Identifikationsfiguren." Spätestens 2006, so die Erwartung, werde der Deutsche Fußball Bund zur WM im eigenen Land ein schlagkräftiges Team aufgebaut haben.

Kampf gegen Offensive der Sonntagsblätter

Bis dahin muss der Kicker noch einige Angriffe abwehren. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" kommt demnächst mit ihrer Sonntagsausgabe bundesweit auf den Markt, und auch der "Tagesspiegel" will seine siebte Ausgabe verstärken. "Jedes neue Objekt erschwert uns das Geschäft", weiß Puschmann, der dennoch keine Angst vor der Offensive der Sonntagsblätter hat. Denn aus der Perspektive vom Montag würden die Bundesliga-Partien vom Wochenende so gut und genau analysiert wie nirgendwo anders. An dieser peniblen Betrachtung hat sich ebenfalls seit den 70er Jahren nichts geändert.

Joachim Hofer
Joachim Hofer
Handelsblatt / Korrespondent München
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%