Fußball nach der Kirch-Pleite
Analysten träumen von Europa-Liga

Geschüttelt von Krisen oder doch lukrativ? Welchen Wert der Fußball für das Fernsehen noch hat, wird nach der Kirch-Pleite gerade neu verhandelt. Ein Blick ins Ausland zeigt, dass dort ebenfalls nach rentablen Modellen gesucht wird. Und dass eine Europa-Liga Sender und Spitzenvereine vielleicht sanieren könnte.

shr DÜSSELDORF. Die europäischen Fußballvereine haben sich überhoben: Bei der Finanzierung der Spielergehälter stoßen sie auf immer mehr Probleme. "In Italien stehen viele Vereine vor dem Ruin. Sie können Gehälter in dieser Höhe bald nicht mehr zahlen", meint Ingo Süßmilch, Fußball- und Finanzexperte der WGZ-Bank. Welche Ausmaße der Gehaltspoker zuletzt angenommen hatte, zeigt das Beispiel Zinedine Zidane, der für die Rekordsumme von 69 Mill. Euro zu Real Madrid wechselte.

Dazu kommen jetzt die Krisen der Pay-TV-Sender in ganz Europa. Denn der Fall Kirch ist kein Einzelfall: In Italien wollen die Pay-TV-Sender Telepiu und Stream fusionieren. Zuvor hatten sie sich beim Bieten für Fußball-TV-Rechte stets gegenseitig übertroffen. In Großbritannien steht ITV Digital vor der Pleite. Für die Übertragungsrechte der englischen zweiten bis vierten Liga hatte der Sender 315 Mill. Pfund bezahlt. Von den 72 englischen Profi-Clubs sind 30 ernsthaft vom ITV-Debakel betroffen.

Dezentrale Vermarktung

Doch zumindest für die Spitzenvereine könnte es einen Ausweg geben: mit einem Umstieg auf dezentrale Fernsehvermarktung. Das bedeutet, dass die Sender direkt mit den einzelnen Vereinen über den Wert ihrer Spiele verhandeln. So läuft es zum Beispiel schon in Spanien. Dort profitieren die Großvereine Real Madrid und der FC Barcelona besonders von der dezentralen Vermarktung. Sie erhalten für ihre Heimspiele über 75 Mill. Euro pro Saison.

"Die Top-Vereine sind hier in einer besseren Position. Ihre Namen ziehen richtig gut", erklärt Süßmilch. Doch auch für die Fernseh-Sender würde sich eine dezentrale Vermarktung eher lohnen: "Entsprechend der Beliebtheit einzelner Vereine können sie Preise für einzelne Spiele ansetzen."

Die Kleinen leiden

Aus wirtschaftlicher Sicht wäre die dezentrale Vermarktung für Spitzenclubs und TV also durchaus wünschenswert. Aus sportlicher Sicht birgt sie jedoch Gefahren: "Den Spitzenclubs bringt es nichts, wenn es den anderen Vereinen schlecht geht. Eine Liga verliert jede Spannung, wenn der Leistungsunterschied zu groß wird", sagt Marcus Reck, Analyst bei der Hypo-Vereinsbank. Denn gerade bei den kleineren Vereinen beträgt der Anteil der TV-Rechte am Gesamtumsatz bis zu 60 Prozent.

Doch eine zentrale Vermarktung von Spielen im UEFA-Pokal und UI-Cup durch den DFB hat das Bundeskartellamt bereits untersagt. Mittelfristig rechnen Experten der Hypo-Vereinsbank deshalb damit, dass sie auch bei Liga-Spielen der europäischen Länder bald als wettbewerbswidrig angesehen wird. Schon jetzt prüft die EU-Kommission die bestehende Regelung.

Traum von der Europa-Liga

Dieses Was-Wäre-wenn Szenario spinnt die HypoVereinsbank in einer Studie noch weiter: Demnach könnten hohe Spielergehälter und die dezentrale Vermarktung der Spiele dazu führen, dass die Kluft zwischen Top-Vereinen und dem Rest der Liga noch größer wird, als sie jetzt schon ist. Die Langeweile der Zuschauer dürfte dann zu sinkenden Einschaltquoten und zu geringeren Einnahmen der Fernsehsender führen, die wiederum weniger für die TV-Rechte ausgeben würden ...

Um dies zu verhindern, schlagen die Experten die Gründung einer Europa-Liga vor, in der nur noch die besten Vereine Europas spielen sollten: "Dies könnte die Attraktivität des Fußballs wieder herstellen und den Fernsehanstalten - und somit wiederum den Vereinen - höhere Einnahmen bescheren."

Das Ganze könnte aber durchaus ein Traum der Analysten bleiben: Fußballverbände, UEFA und Öffentlichkeit stemmen sich seit Jahren erfolgreich gegen ein solches Modell.

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