Fußballweltmeisterschaft 2002
Anpfiff am Arbeitsplatz

Kaum ein Unternehmen erlaubt seinen Mitarbeitern, während der Arbeitszeit die Fußball-WM zu gucken. Zu dumm, sagen Motivationsexperten: Mit wenig Aufwand ließe sich das Betriebsklima immens verbessern.

DÜSSELDORF. "Nein", lautet die knappe Antwort des Pressesprechers des Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmens KPMG in Berlin. "Und kein weiterer Kommentar". Die Frage: "Erlauben Sie Mitarbeitern die wichtigsten Fußballspiele der Weltmeisterschaft während der Arbeitszeit zu gucken?", sorgt fast schon für Entrüstung. Fernsehen während der Arbeitszeit? Igitt! Wie sieht das aus? So jedenfalls gehen die meisten Manager in Deutschland mit dem Thema um. "Unsere Mitarbeiter sind zum Arbeiten hier", lautet der Kommentar auf Nachfrage von Handelsblatt Karriere bei deutschen Unternehmen. Oder: "Das war bei uns bisher noch überhaupt kein Thema."

Könnte es aber werden. Denn die Fußball-WM rückt immer näher, Ende Mai geht es los. Da das Turnier dieses Jahr in Japan und Korea stattfindet können viele Fans in Europa die Spiele nur während der Arbeitszeit verfolgen. "Man muss ja nicht alle Spiele gucken", sagt Torsten Siebler, Mitarbeiter bei der Ford Bank in Köln: "Aber zumindest die deutschen und die Höhepunkte gegen Ende des Turniers." Doch auch bei seinem Arbeitgeber bleiben die Mattscheiben schwarz.

Willkomene Abwechslung im Arbeitsalltag?

Nicht besonders schlau: "Die Fußball-WM ist für die Unternehmen eine ideale Chance, um gegenüber ihren Mitarbeitern positiv aufzufallen", sagt Manuel Sancha, Geschäftsführender Gesellschafter der Conteam Human Event GmbH. Das Unternehmen aus Groß-Gerau organisiert unter anderem interne Motivationsveranstaltungen für Unternehmen.

Die meisten Arbeitgeber haben vergangenes Jahr an Extras wie Betriebsfeiern oder Ausflügen gespart, berichten etliche Veranstaltungsagenturen. Die Fußball-WM bietet da eine willkommene Gelegenheit, ohne Aufwand ein bisschen Abwechslung in den Arbeitsalltag zu bringen. Relativ kostengünstig wäre das obendrein: Anderthalb Stunden Freizeit für die Mitarbeiter, "manchmal nur eine verlängerte Mittagspause" und ein Raum mit Fernseher oder Videoleinwand genügten.

Emotionen pur

Nicht nur die Arbeitnehmer, auch die Unternehmen profitieren im Endeffekt von der außerplanmäßigen Veranstaltung: "Emotionen sind nun mal der entscheidende Klebstoff, der ein Unternehmen zusammenhält. Und dramatische Spiele zusammen zu gucken - das ist Emotion pur. So was verbindet", sagt Jörg Löhr, einer der bekanntesten Motivationstrainer Deutschlands.

"Zu sehr aufblasen würde ich das Ganze aber nicht", schränkt Conteam-Mann Sancha ein. "Große Feiern haben noch nie in schlechte Zeiten gepasst." Niemand würde verstehen, warum ein Unternehmen auf der einen Seite Mitarbeiter entlässt und auf der anderen Seite Partys feiere - der Freistoß könnte nach hinten losgehen. Sein Rat: Lieber zurückhaltend bleiben, die Räume und technischen Voraussetzungen zur Verfügung stellen. Den Rest solle sich die Belegschaft selber organisieren.

Doch selbst eine Veranstaltung, die nicht an die große Glocke gehängt wird, passt vielen Unternehmen nicht ins Konzept. Sie befürchten einen Image-Schaden, wenn am Arbeitsplatz in die Röhre geguckt werden darf. Löhr hält das für falsch: "Damit beweist der Arbeitgeber doch gerade jene Flexibilität, die moderne Unternehmen auszeichnet und die sie häufig auch von ihren eigenen Mitarbeitern erwartet." Gerade die Vorstellung, dass die Mitarbeiter nur zum Arbeiten in die Firma kommen, sei altbacken.

Interesse an Fußball nimmt zu

Die Resonanz in der Belegschaft hängt natürlich davon ab, wie viele gerne Fußball gucken, erklärt Sancha. Das könnten jedoch mehr sein, als manch einer erwartet, denn das Fußballfieber ist hochgradig ansteckend: Bei der WM 1998 verfolgten während der besten Fernsehzeiten zwischen 21 und 23 Uhr bis zu 32 Millionen Zuschauer in Deutschland die Spiele in den öffentlich-rechtlichen Programmen - rund acht Millionen mehr Fernsehzuschauer als normalerweise zu diesen Zeiten.

"Das Interesse an großen Sportereignissen hat in den letzten zehn Jahren konstant zugenommen", sagt Martin Berthoud, Leiter der Programmplanung beim Zweiten Deutschen Fernsehen. Er rechnet mit 12 bis 15 Millionen Zuschauer beim Spiel Deutschland gegen Irland am 5. Juni um 13.30 Uhr. Normal nutzen um diese Zeit acht Millionen Zuschauer das Fernsehen.

Siemens: Abteilungsleiter bestimmen, ob geguckt wird

In produzierenden Unternehmen finden die Fernsehsender ihre zusätzlichen Zuschauer jedoch nicht. Kaum ein Fließband wird wegen Fußball stillstehen - Motivation hin oder her. Die Kölner Ford-Werke lösen das Problem pragmatisch: Wer von den rund 16 000 Mitarbeitern ein bestimmtes Spiel gucken will, kann nach Absprache seine Schicht tauschen. Generell regeln große Unternehmen, wenn überhaupt, die Fußball-Frage lieber auf kleinerem Niveau. Bei Siemens bestimmen die Abteilungsleiter, ob geguckt wird.

Glücklich ist da, wer einen sportbegeisterten Chef hat. Eine Garantie für die Spiele ist das freilich nicht: Obwohl im Vorstand des Energiekonzerns Eon gleich zwei begeisterte Fußballfans sitzen, hat sich das Unternehmen zwei Wochen vor der WM immer noch nicht entschieden, ob und, wenn ja, wie die Fußballspiele geguckt werden dürfen.

Auch Unternehmen mit flexibleren Arbeitszeiten erwärmen sich nicht zwangsläufig für die Idee der organisierten Fußball-Freude. Bei der Mobilfunkgesellschaft Vodafone etwa wird während der WM normal gearbeitet.

Coca-Cola mietet Videoleinwand

Einzig und allein Mitarbeiter von WM-Hauptsponsoren können ziemlich sicher mit Fußball rechnen. Coca-Cola in Essen lädt seine rund 300 Mitarbeiter in einen Saal mit Videoleinwand ein.

Torsten Siebler von der Ford-Bank dagegen hat sich bereits abgefunden, die WM dieses Jahr nicht live verfolgen zu können. Ein Funke Hoffnung bleibt ihm jedoch. Einige Firmen scheinen entgegen ihrer offiziellen Linie dem Druck ihrer Mitarbeiter nachzugeben. Verleihfirmen berichten von einer wachsenden Nachfrage nach Videoleinwänden und-projektoren. Zu den Kunden soll auch Siemens gehören - und Vodafone. Und selbst bei KPMG soll in einigen Filialen die WM auf Leinwänden laufen - in der stillen Hoffnung im schlimmsten Fall mit einer gelben Karte davonzukommen.

Quelle: Handelsblatt

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