G8-Gipfel
Kommentar: Wenn schon ein Tag für Afrika, dann richtig

Die acht wohl mächtigsten Weltpolitiker müssen sich im kanadischen Kananaskis durch eine volle Tagesordnung arbeiten. Nicht nur die weltweiten Krisenherde rufen nach diplomatischen Lösungen. US-Präsident Bush hielt seine Nahost-Rede gerade rechtzeitig. Und auch die jüngsten Terrordrohungen zeigen, dass das neue Phänomen noch nicht hinreichend ausgelotet ist.

Und dann werfen die aktuellen Ereignisse an den Finanzmärkten den G8-Gipfel in Kanada noch auf seine ursprüngliche Aufgabe zurück: Weltwirtschaftskrisen zu verhindern. Der Skandal um den US-Telefonkonzern Worldcom ist ein Alarmsignal. Die Konjunkturaussichten können sich weltweit sehr schnell wieder eintrüben.

Da droht das Thema Afrika in Vergessenheit zu geraten. Eigentlich wollten die acht Führer der großen Industrienationen heute einen ganzen Tag ausschließlich über den Krisenkontinent reden. Bundeskanzler Gerhard Schröder stellte gestern noch einmal klar, dass die Hilfe für den Kontinent die wichtigste Aufgabe des Gipfels sei. Und Gastgeber Jean Chrétien hängt so an dem Thema, dass er eigentlich gar kein anderen zulassen will.

So stellen am Donnerstag denn auch gleich fünf afrikanische Staatschefs dem G8-Gipfel in den kanadischen Rocky-Mountains ihre neue Afrika-Vision vor. Ihr Initiator, Südafrikas Präsident Thabo Mbeki, wird mit seiner "Afrikanischen Renaissance" dabei sicher viel Beifall ernten. Der Kern: Afrikas Regierungen wollen selbst dafür sorgen, dass sie demokratische Verhältnisse schaffen und ihre Konflikte friedlich lösen. Zudem wollen sie ihre Wirtschaftssysteme so entwickeln, dass ausländische Hilfe und Investitionen auf fruchtbaren Boden fallen. Auch ein Kürzel hat die Vision: Nepad, Neue Partnerschaft für Afrikas Entwicklung. Und natürlich sollen die Industriestaaten auch etwas zahlen, indem sie sich an einer Art Marshallplan für den Kontinent beteiligen.

Gerettet werden soll damit ein Kontinent im freien Fall. Die großmundig angekündigte Demokratisierung der 90er Jahre hat sich als Wunschdenken erwiesen, es herrschen weiter klientelistische Einparteiensysteme vor. Bürgerkriege und Aids raffen zudem zahlreiche der knappen Lehrer, Ärzte und gut ausgebildeten Arbeitskräfte dahin. Beim Anti-Terror-Einsatz in Somalia wird klar, wie zerrissen die Strukturen sind. Und die afrikanischen Eliten kümmern sich offenbar nur darum, ihre Privilegien zu sichern. Dafür, wie der Reichtum produziert wird, interessieren sich bisher nur ausländische Technokraten. In der Weltwirtschaft ist Afrika fast abgeschrieben. Afrikanische Erfolgsbeispiele sind rar. In Kanada können da nur wieder die kleinen Touristenparadiese Botswana und Mauritius zitiert werden. Mit Diamanten oder Textilien haben die beiden Länder im südlichen Afrika tatsächlich eindrucksvolle Wachstumsdaten vorgelegt.

Aber als Modell für den Kontinent taugen sie nicht. Dass die afrikanischen Regierungen heute in Kanada von hausgemachten Ursachen der Misere reden, ist da ein Fortschritt. Die alte Opferhaltung, die alles dem Kolonialismus angelastet hat, brachte Afrika nicht weiter.

Das neue Modewort der Entwicklungspolitik, die "gute Regierungsführung" macht dagegen durchaus Sinn. Die Nepad-Initiatoren wollen sogar weiter gehen und sich dabei gegenseitig kontrollieren. Sanktionen sind aber nicht vorgesehen. Damit Nepad ernst genommen wird, wäre dies aber nötig. Denn der pflegliche Umgang der afrikanischen Herrscher mit Robert Mugabe stimmt skeptisch. Sie segneten seinen zweifelhaften Wahlsieg ab und lassen ihn ungestört mit seiner Enteignungswillkür Simbabwe in die Hungerkrise steuern.

Zumindest bei der Entwicklungshilfe können die Industrieländer Afrikas Führer beim Wort nehmen. Sie brauchen die wenige Hilfe nicht mehr mit der Gießkanne über den Kontinent auszuschütten, sondern nur den Regierungen zu zahlen, die es mit der neuen Vision ernst meinen. Das wäre ein Ergebnis des Gipfels. Aber da blieben nicht mehr viele Hilfeadressaten übrig. Nur zwei von den fünf Nepad-Initiatoren - Südafrika und Senegal - lassen sich demokratische Absichten bescheinigen. Die übrigen der bisher 15 Regierungen im Nepad-Club, bekennen sich zumindest zu demokratischen Grundregeln.

Wenn Afrika in der Weltwirtschaft Anschluss bekommen will, muss das Unternehmertum endlich eine Chance bekommen. Sicherlich stehen hier Traditionen im Weg. Das afrikanische Ideal der Gleichheit lähmt bisher vieles.

Aber auch die Regierungen haben bisher alles getan, um ein freies Unternehmertum im Keim zu ersticken. Eine wuchernde Bürokratie und die allgegenwärtige Korruption kommt hinzu. Wenn die G8-Politiker den Afrikanern helfen wollen, müssen sie das ihren afrikanischen Amtskollegen in aller Deutlichkeit auch vorhalten.

Für gute Worte fehlen in Kanada jedoch die richtigen Ansprechpartner. Denn motiviert werden müssen heute vor allem die zahlreichen afrikanischen Privatinitiativen, die sich allenthalben rühren. Dazu hat US-Präsident George Bush eine Chance, wenn er demnächst den schwarzen Kontinent bereist. Das kann auch für die Krisenpräventionen wichtig werden. Dann würde die neue Afrika-Initiative auch wirklich Sinn machen. Wenn sie aber, wie nach einem ähnlichen Versuch in der Clinton-Ära, erneut zum Papiertiger wird, müssen sich die Gipfelteilnehmer einmal mehr vorwerfen lassen, sich vor den drängenden Themen der Zeit gedrückt zu haben.

Der pflegliche Umgang der afrikanischen Regierungen mit Simbabwes Herrscher Robert Mugabe muss die Industrieländer eigentlich aufhorchen lassen.

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