G8-Staaten bieten Moskau 20 Mrd. $ für Entsorgung
Russland sichert Atommüll aus Waffen unzureichend

"Macht den russischen Atom-Kiosk dicht", fordert der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des US-Senats, Joseph R. Biden, schon seit langem: "Russland ist wie ein Geschäft für tödliche Waffen", sagt er mit Blick auf ungesicherte Atommüll- und Atomraketen-Lager.

MOSKAU. Seit 1991 hat allein das kalifornische "Center for Nonproliferation Studies" 13 Fälle dokumentiert, in denen waffenfähiges Uran und Plutonium aus russischen Atomanlagen gestohlen worden ist. Nun bieten die sieben führenden Industriestaaten Russland 20 Mrd. $ zur Sicherung seiner Nuklearlager an.

Das scheint dringend nötig: "Die im Haushalt veranschlagten Gelder für die Sicherung von Atomlagern werden real noch nicht einmal zu 20 % ausgegeben", berichtet der Duma-Abgeordnete Sergej Mitrochin. Kürzlich drang er mit Greenpeace-Aktivisten und einem TV-Sender völlig ungehindert in das sibirische Endlager für Nuklearabfälle in Schelesnogorsk ein. Sogar der Zaun war löchrig.

Auf der russischen "Verlustliste" stehen 1,5 Kilo zu 90 % angereichertes Uran. 1998 waren 18,5 Kilo angereichertes Nuklearmaterial aus einem Atomobjekt abhanden gekommen. Vier Kilo Plutonium oder die doppelte Menge hochangereichertes Uran sind zum Bau einer Atombombe nötig. Für so genannte schmutzige Bomben - konventionelle Sprengsätze, die Atommaterial verstreuen und einen Radius von mehreren Kilometern verseuchen - reicht erheblich weniger. Zudem fehlen aus den sowjetischen Alt-Arsenalen dutzende Container mit strahlendem Cäsium-137. Ein Offizier der russischen Atomstreitkräfte sagt: "In unserem Land werden Gefängnisse und Arbeitslager besser bewacht als Atomraketen."

Wissenschaftler fordern deshalb, die Zahl der Atomlager in Russland zu verringern, mit West-Überwachungstechnik auszurüsten und möglichst viel brennbares Nuklearmaterial in den Westen zu verkaufen. Denn Russland sitzt auf Unmengen von Spaltmaterial: Allein in einem 1993 von Moskau und Washington unterzeichneten Abrüstungs-Abkommen sollten 500 Tonnen Plutonium nicht mehr waffenfähig gemacht werden. Doch bislang wurden gerade einmal 141 Tonnen entsprechend "entschärft" und an US-Atomkraftwerke geliefert, womit Moskau 2 Mrd. $ einnahm.

Vollkommen unklar ist darüber hinaus, was aus dem hochangereicherten Uran wird, das beim Betrieb des durch Russland im Iran gebauten Atommeiler wird. Moskaus Atomminister Alexander Rumjanzew sagt, dass Teheran die anfallenden Mengen nach Russland schicke - "darauf haben wir uns geeinigt". Doch ein Entwurf für Präsident Putin aus dem gleichen Ministerium bestreitet genau dies: "Im Vertrag zwischen den Regierungen der Russischen Föderation und Iran über den Bau des Atomkraftwerks Bushehr auf dem Territorium Irans fehlt die Frage über den Umgang mit dem abgebrannten nuklearen Brennstoff."

Ob die westlichen Hilfsgelder allerdings die Atomsicherheit in Russland erhöhen können, darf bezweifelt werden. Schließlich sind schon die meisten Gelder, die der Westen für die Vernichtung sowjetischer Chemiewaffen an Moskau überwiesen hatte, durch dubiose Firmen, die in den Chemiezentren eröffnet wurden, veruntreut worden. Außerdem hält der Abwanderungs-Trend von Waffen-Wissenschaftlern aus Russland an. Stoppen die westlichen Hilfsprogramme diesen Trend nicht, dürften viele Wissenschaftler Lockrufen vor allem aus dem Iran erliegen.

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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