Gabriele Galateri di Genola ist neuer Chef von Fiat
Mit blauem Blut für Fiat und die Agnellis

In die Sommerferien ist Gabriele Galateri di Genola dieses Jahr nicht gefahren. Den ganzen August hat er im menschenleeren Turin verbracht, vertieft in Akten oder am Telefon mit Bankern. Statt auf die von ihm so geliebten Gipfel der Alpen zu steigen, sitzt der 55-Jährige nun über Bergen von Arbeit.

HB TURIN. Vor zwei Monaten hat er den Chefposten bei Fiat angetreten, was momentan wohl der stressigste Job in ganz Italien sein dürfte. Denn: Der größte Industriekonzern des Landes befindet sich in seiner vermutlich schwersten Krise seit 1980.

Autochef Roberto Testore musste im Dezember seinen Hut nehmen, im Juni wurde Vorstandschef Paolo Cantarella aufs Abstellgleis geschoben, die Schulden drücken, die Fahrzeugsparte verbrennt Millionen, und die angepeilten Verkäufe diverser Konzerntöchter kommen nicht voran. Kurz: eine Herkulesaufgabe wartet auf den neuen Boss. Gemeinsam mit dem Konzernpräsidenten Paolo Fresco soll er den strauchelnden Giganten wieder schlagkräftig machen.

Dass Galateri dem Ruf der Fiat-Gründerfamilie Agnelli gefolgt ist, hat mehr mit Loyalität als mit Karrierebewusstsein zu tun. Der Abkömmling eines alten piemontesischen Adelsgeschlechtes fühlte sich nämlich pudelwohl in seiner bisherigen Position als Chef der beiden Agnelli-Finanzholdings Ifi und Ifil. Dort konnte der pressescheue Top-Manager weitgehend abgeschirmt von der Öffentlichkeit in Ruhe langfristige Strategien erarbeiten und durchsetzen.

Fiat steht weltweit im Rampenlicht

"Galateri war bisher der vermutlich unbekannteste Vorstandschef in Italien - keine Fotos in den Zeitungen, keine Interviews, selbst die Klatschpresse hat ihn noch nicht entdeckt", beschreibt ein Fiat-Insider das defensive Auftreten des Hobby-Tennisspielers. Diese Zurückgezogenheit kann er sich ab sofort nicht mehr leisten. Ob es dem distinguierten Mann mit der grau melierten Haarpracht passt oder nicht: Als fünftgrößter Autohersteller in Europa steht Fiat nicht nur zu Hause, sondern weltweit im Rampenlicht.

Doch wie schon seine noblen Vorfahren in den Zeiten der italienischen Staatsgründung treu hinter dem Königshaus der Savoyer standen, können sich die von ihren Landsleuten oft mit den Royals verglichenen Agnellis fest auf den blaublütigen Galateri verlassen. In den letzten 25 Jahren ist der Jurist zum engsten Vertrauten des Industriellen-Clans geworden. Deutliches Zeichen dieser einzigartigen Position ist seine Rolle als Kommanditist der Giovanni Agnelli & C. s.a.p.a. - dem Tresor und Machtzentrum der Familie. Besonders gerne arbeitet Galateri mit Umberto zusammen, dem jüngeren Bruder des Familienoberhauptes Gianni. Gemeinsam mit ihm hat der neue Fiat-Chef in den letzten zehn Jahren Ifi und mehr noch Ifil umgekrempelt. Nach diesem Modell - glauben Beobachter in Turin - könnte nun auch Fiat umgebaut werden.

War Ifil vor zehn Jahren in erster Linie die Dachgesellschaft von Fiat, handelt es sich heute um eine breit aufgestellte, internationale Beteiligungsholding mit Interessen im Tourismus (Club Med), Handel und Finanzdienstleistungen. Der 30,5-prozentige Anteil an Fiat macht nur noch ein Sechstel des investierten Kapitals aus.

Galateri gilt als glaubwürdiger Gesprächspartner

Es war oberstes Ziel von Galateri, die Familie unabhängiger vom zyklischen Autogeschäft zu machen und Mittel in Branchen zu investieren, die gewinnträchtiger sind als jene unter Fiat gebündelten reifen Industrien. Dabei hat sich Galateri als Finanzexperte und Portfoliomanager einen Namen gemacht - nicht aber als Industriemanager. Diese Ausrichtung hat Fachkreise zu der Annahme verleitet, Galateri werde anders als sein Vorgänger Cantarella nicht dogmatisch am verlustträchtigen Autogeschäft festhalten - schließlich habe Fiat die Möglichkeit, ab 2004 die Autosparte an den strategischen Partner General Motors zu verkaufen.

Sosehr diese Frage auch die Öffentlichkeit interessieren mag - Galateri hat im Augenblick anderes zu tun. Der von seinen Mitarbeitern als sehr teamorientiert und kommunikativ beschriebene Vater einer erwachsenen Tochter muss die Finanzstruktur des Konzerns auf neue Grundlagen stellen. In diesen Tagen verhandelt er mit diversen Kreditinstituten über den Verkauf des Finanzdienstleisters Fidis. Bei diesen Gesprächen kommt ihm seine genaue Kenntnis der Bankenlandschaft sehr zugute - schließlich saß er bis vor kurzem im Verwaltungsrat des zweitgrößten italienischen Instituts, San Paolo IMI.

In Bankerkreisen gilt Galateri, der mit der Vizepräsidentin des Olympischen Komitees für Turin 2006, Evelina Christillin, verheiratet ist, als glaubwürdiger Gesprächspartner. Eine Qualität, die für Fiat in diesen schweren Zeiten überlebenswichtig sein kann.

Quelle: Handelsblatt

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