Gäbs Gebote
Deutsche Sporthilfe setzt verstärkt auf Moral

Am Freitag wird die Deutsche Sporthilfe neue Ethikregeln verabschieden. Sie stammen aus der Feder von Ex-Opel-Vorstand Hans Wilhelm Gäb und bieten die Möglichkeit, nicht nur im Dopingfalle die Förderung einzustellen, sondern auch bei Fairplay-Verstößen.

HB FRANKFURT. Der Mann berät einen wie Kajo Neukirchen, den angeblich härtesten der harten Sanierer hier zu Lande. Hans Wilhelm Gäb glaubt an das Gute im Menschen, er ist kein Poltergeist und kein Hardliner. Und passt zum MG-Technologies-Chef ungefähr wie der Kanzler in einen Second-Hand-Shop. Gerade deswegen mag der frühere Opel-Vorstand inspirierend wirken auf Neukirchen. Denn Gäb kann Überzeugungsarbeit leisten und kapituliert auch in schwierigen Fällen nicht so schnell.

Auch und gerade beim Thema Sport nicht, dem er sich seit jeher stark verbunden fühlt. Als ehemaliger Tischtennisnationalspieler ("Meine Vorhand ist nicht mehr so gut"), als Funktionär (Vorstandsmitglied der Deutschen Sporthilfe) und aktuell vor allem als Visionär. Gäb hat sich unlängst hingesetzt und all das niedergeschrieben, was in seinen Augen im heutigen, vom Kommerz geprägten Sportgeschehen zu oft abhanden kommt. Seine Thesen zum Leitbild der Stiftung Deutsche Sporthilfe (siehe unten) werden während der Vorstandssitzung am Freitag in Frankfurt erörtert und voraussichtlich in künftige Vereinbarungen mit den Athleten aufgenommen. War es bislang so, dass die Sportförderung nur im Dopingfalle eingestellt wurde, kann dies demnächst auch schon bei groben Verstößen gegen das Fairplay sowie sonstige moralische und ethische Grundsätze geschehen.

"Ich bin davon überzeugt, dass sich die Majorität unserer Elitesportler anständig verhält. Gegen die Ausreißer aber müssen wir vorgehen", meint Gäb im Handelsblatt-Gespräch. "Die jungen Leute im Sport dürfen sich nicht an Regelverstöße gewöhnen. Selbst manche Trainer erwarten ja schon von ihren Schützlingen, dass sie den Sieg für wichtiger halten als die Beachtung der Regeln", ärgert sich der 65-Jährige über viele Vergehen, die bereits gesellschaftsfähig geworden sind.

Der Kreis des verurteilungswürdigen Fehlverhaltens wird von Gäb bewusst weit gezogen, letztlich zählt er sogar solch alltägliche Vorkommnisse wie taktische Fouls dazu. Hört sich arg realitätsfern an und altmodisch dazu. Doch als einsamer, verschrobener Rufer in der Wüste sieht sich der einst für das Sportsponsoring bei Opel verantwortliche Mann mit seinen neun Geboten keineswegs. Im Gegenteil: "Ich halte meine Forderungen für hochmodern. Ob im Beruf, im politischen Leben oder eben im Sport - der Kampf um Anständigkeit und Regeltreue ist doch nichts anderes als das Bemühen um ein gerechtes Miteinander in der Gesellschaft."

Gerade die Medien spielen für Gäb eine wichtige Rolle: "Wenn sie die Bürger daran gewöhnen, anständige Verlierer oder hart erkämpfte zweite Plätze mit Begriffen wie Pleite oder Blamage zu verbinden, pervertiert dies den Sinn des Sports. Wenn eine Niederlage die Athleten öffentlich diskreditiert, wird die Bereitschaft steigen, den Sieg mit unfairen Mitteln zu erreichen." Gäb vermisst nicht zuletzt den Respekt vor der Leistung anderer: "Welcher Spieler oder Trainer gibt denn schon noch zu, dass man zwar alles gegeben hat, der Gegner aber einfach besser war?"

Als entscheidende Instanz bei allen Verstößen gegen die neuen Regeln ist der bereits existierende, achtköpfige Gutachterausschuss der Sporthilfe (der jährlich durchschnittlich 12 Millionen Euro an die Athleten verteilt) vorgesehen, in dem frühere Sportgrößen wie Manfred Germar, Ingrid Mickler-Becker und Petra Behle sitzen. Gäb betont: "Die Sporthilfe maßt sich nicht an, eine neue Gerichtsbarkeit aufzubauen. Aber sie kann Sportler in eine moralische Verpflichtung nehmen, und sie ist sicherlich nicht zur Förderung von Athleten verpflichtet, denen die Prinzipien des Sports gleichgültig sind."

Zu dieser Kategorie gehört wohl weniger Andreas Dittmer. Der Kanu-Olympiasieger erhält am Sonntag in Frankfurt vom Internationalen Komitee für Fairplay den Fairplay-Award, weil er in Sydney einen Konkurrenten vor der Disqualifikation bewahrt hatte. Die Sporthilfe-Absicht, die Förderung von einem fairen Verhalten abhängig zu machen, hält er für gut: "Obwohl es wichtig wäre, zunächst ans Gewissen zu appellieren und erst später die Mittel zu kürzen." Das jüngste Negativbeispiel des tretenden Dortmunder Fußballtorhüters Jens Lehmann ist für Dittmer ein Indiz dafür, dass Unfairness im Sport besonders dort auftaucht, "wo es um viel Geld geht".

Sporthilfe-Chef Hans-Ludwig Grüschow sieht unterdessen für den Freitag nur geringen Diskussionsbedarf: "Es geht um Punkt neun der Thesen und die Frage: Wie wollen wir handeln, wenn Verstöße auftreten?" Die komplette Streichung der Fördermittel, das ist klar, wird eher die Ausnahme bleiben. Fairplay-Fragen, das weiß auch Autor Gäb, sind nicht unmittelbar mit Dopingvergehen vergleichbar: "Verstöße gegen die Dopingregeln halte ich für betrügerische Kriminalität. Sie lassen sich in der Regel wissenschaftlich beweisen. Im Bereich des Fairplay dagegen wird es Ermessensfragen geben."

Die Resonanz auf seinen Beitrag zum sauberen Sport ist freilich sehr positiv ausgefallen. Manfred von Richthofen, Präsident des Deutschen Sportbundes, hat bereits Interesse angemeldet, den "Ethikcode" aus der Gäbschen Feder auch in seine Statuten aufzunehmen. "Diese Thesen werden bei unserem nächsten Bundestag im November ihren Niederschlag finden und auch in die Arbeit der Vereine einfließen", kündigt von Richthofen an. Gleichwohl sieht der DSB-Mann auch Probleme: "Die Gefahr ist, dass Mannschaftssportler eher betroffen sein werden als Individualsportler." Dass auch verbale Fouls - wie bei den Eisschnellläuferinnen Anni Friesinger und Claudia Pechstein - zwangsläufig zu Konsequenzen führen müssen, kann sich von Richthofen jedoch kaum vorstellen: "Obwohl die sich die Boxer zum Vorbild genommen hatten: sich gegenseitig beleidigen, damit einem die Schlagzeile sicher ist."

An der Wichtigkeit der Fairplay-Überlegungen rüttelt der Berliner nicht, für ihn ist Gäb "einer der nachdenklichsten und angenehmsten Mahner im deutschen Sport". Ein Mahner, dem auch Kajo Neukirchen zuhört.

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