Gäste lümmeln sich in den Kissen
Szene-Karawane in den Orient

Die moderne Barwelt lebt vom Gegensatz: 1001 Nacht locken ebenso erfolgreich wie karge Räume mit Lichtdesign.

Farbenprächtige riesige Sitzkissen, fein ziselierte Messinglampen, handgeknüpfte Teppiche, Tischchen mit kunstvollen Schnitzereien, Stoffe in den schillerndsten Farben, bauchige Wasserpfeifen, Gläser mit goldenen Ornamenten - der Orient macht sich in deutschen Bars breit. Es entstehen Oasen der trägen Glückseligkeit: Lokale mit orientalischem oder fernöstlichem Flair wie das "Mandalai" auf der Düsseldorfer Rheinpromenade, das allabendlich von den Szene-Karawanen heimgesucht wird.

Die Gäste lümmeln sich wie in opulentesten Hollywood-Serails in weichen Kissen, vertreiben sich die Zeit mit arabischen Vorspeisen oder asiatischem Finger-Food, plaudern beim Minztee oder Cocktail, werden umschallt von den auch in den Charts unüberhörbaren Oriental- Beats. Untermalt wird die Szenerie vom satten Blubbern der Shishas, der Wasserpfeifen, deren kollektives Schmauchen mega-in ist.

Die Bar mutiert zum öffentlichen Wohnzimmer. "Gerade junge Leute wollen keine Locations, die steril und kalt in der Atmosphäre sind. Die wollen es gemütlich, wollen sich rumlümmeln und relaxen wie zu Hause, nur eben in Kommunikation mit anderen", erklärt Kristian Kcrac, einer der zwei Wirte des "Mandalai". Der 26-jährige Werber mit Schwerpunkt Jugendkommunikation kennt seine Pappenheimer.

Allerdings hat es selbst ihn überrascht, dass zur Barkultur neuerdings auch das Rauchen der Shishas gehört: "Wir hatten zunächst nur drei Stück gekauft, mehr so zum Spaß. Aber wir haben aufgestockt, da täglich 50 bis 80 Wasserpfeifen verlangt werden." Die Lust auf die Wasserpfeife kommt ausgerechnet aus den extrem raucherfeindlichen USA. Dort hängt das meist junge Publikum schon seit drei Jahren in Hookah-Bars, wie die Bars zum Genießen von Wasserpfeifen dort genannt werden, am Schlauch.

Als "einen weiteren folkloristischen Themenpark für Nightflys nach Mexiko, Kuba und Thailand" sieht Ausstellungsdesignerin Liane Lübcke den Orientaltrend bei Bars. In Anbetracht der angespannten Wirtschaftslage verweist sie auf den Proust-Satz: "Kitsch ist die Negation des stattfindenden Elends."

Doch trotz ironischer Distanz räumt die Nachtschwärmerin ein, dass Bars mit dem Charme von stillgelegten U-Bahnschächten und ausstrahlendem Bronx-Feeling nicht ihrer Vorstellung entsprächen. Mit Ausnahmen: "Ich stelle mit Vergnügen fest, dass in den Bars der neuesten Generation sehr innovativ mit Design und Licht gearbeitet wird".

Das Hamburger "Better Days Projekt", unter Insidern BDP, ist so eine Bar im Stil der "Neuen Kargheit", eine ganz klar gestylte Location mit Mobiliar in kubischen Formen. Aber mit einer Beleuchtung, die das BDP immer wieder in eine andere Farbe taucht und damit unterschiedliche Stimmungen erzeugt. "Das hat eine futuristische Ebene", sagt Lübke, "da bin ich am weitesten weg von meiner Wirklichkeit. Mit ein, zwei der vorzüglichen Mojitos optimal, um einen Schnitt zwischen Tag und Abend zu machen."

Wenn Liane Lübke den Barbesuch als abendfüllendes Programm plant, weicht sie allerdings auch lieber auf Bars aus, die "ein wärmeres Zusammenspiel von Design, Materialien und Licht bieten". Das "Reingold" in Berlin sei dafür ein gutes Beispiel. Schon das Entree - eine riesige güldene, von hinten angestrahlte Scheibe aus Onyx - ist atemberaubend schön. Das Interieur hält, was die Scheibe verspricht, und ist von mondäner zeitgemäßer Eleganz: Gold dominiert als Farbton, das Licht wird dezent gedimmt, ein langer Tresen und Designer-Mobiliar sind aus edlem Holz und Leder in dunklen Tönen und strengen Formen.

Das Publikum rekrutiert sich aus 30- bis 40-Jährigen, die es schon zu etwas Wohlstand gebracht haben und dies in der Kleidung gerne zeigen. Erstklassige Cocktails und Spirits stehen auf der Karte. House-, Soul- und Jazzmusik werden von regelmäßigen Dichterlesungen und anderer Livekultur unterbrochen.

Cool oder kuschelig? Für Modedesignerin und Barfreak Kerstin Geiler keine Frage: "Warum soll ich mich entscheiden, es gibt doch längst All-in-one-Konzepte mit Bar, Lounge und Restaurant in mehreren, unterschiedlich gestylten Zonen." Die 34-Jährige schwärmt für das neu eröffnete "Nektar" in München: "Ein echtes Schmuckstück, jeder Raum bietet eine Überraschung."

Einträchtig nebeneinander gibt es die Bar im Sechziger-Jahre-Retrostyle, das "Cabinet Plasma", das Filme von Videokünstlern auf einem großen Plasmabildschirm zeigt, und den "Le Club Blanche", einen völlig in Weiß gehaltenen Raum, in dem man auf riesigen weißen Ledercouches im Liegen seinen Drink zu sich nimmt. Da müssen nur die Schuhe draußen bleiben.

Die moderne Barwelt lebt vom Gegensatz - wie das Nürnberger "Nachtcafe". Vorne lockt eine orientalische Karawanserei mit badenden Haremsdamen in Öl, weichen Perserteppichen, bequemen Sesseln und Sofas mit Bezügen aus Kelim-Stoffen. Dazu eine Haremslounge, in der man unter einem Baldachin aus seidenen Tüchern in weiche Kissen sinken kann. Modedesignerin Geiler: "Dann geht man eine Tür weiter und steht im Blue Club, einem fast streng designten Raum, der in sattes Blau getaucht ist. Ein unglaublicher Effekt, man fühlt sich, als schwebe man unter Wasser."

Quelle: Handelsblatt

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