Ganz langsam entwickelt sich der Breitensport
„Die Drei kann jeder“

Sportklettern entpuppt sich als Trendsport. Weekend-Journal-Autor Hans Hoff hat sich im Flachland in die Wand gehängt - das rettende Seil natürlich immer in Griffnähe.

Es gibt Tage, an denen möchte man am liebsten die Wände hochgehen, weil nichts klappt. Man will dann einfach nur raus. Es muss frischer Wind zwischen die Hirnlappen. Man will ganz nach oben, dorthin, wo die reine Bergluft auf wundersame Weise Sinnstrukturen klärt.

Klingt gut, das mit den Bergen. Was aber tut der kurz vor der vertikalen Entrüstung stehende Mensch, wenn es ihn ins Flachland verschlagen hat? Künstliche Kletterwände sind die Lösung. Sie bieten genau die Herausforderung, die kaum eine andere Sportart in solch konzentrierter Form parat hält.

Und das Beste: Jeder kann klettern. Zumindest jeder, der in der Lage ist, eine normale Haushaltsleiter zu besteigen und unfallfrei wieder zu verlassen, womit er eigentlich schon den Schwierigkeitsgrad drei bewältigt hätte. Natürlich schadet es nicht, wenn man schon ein wenig gelenkig ist und nicht unter allzu großem Übergewicht leidet.

"Drei kann jeder", sagt Lars Kuhlmann. Er leitet das "Klettermassiv" in Düsseldorf-Heerdt, eine ehemalige Schüttguthalle, in die er bis unter die gut 15 Meter hohe Decke Klettertouren und 30 Sicherungsseile eingebaut hat. Eine ordentliche Investition für den ehemaligen Betriebsschlosser, der früh den einsetzenden Boom erkannte. "Das Sportklettern kommt ganz langsam, aber es entwickelt sich immer mehr zum Breitensport", sagt er und verweist auf ungeahnte Möglichkeiten, die in der Wand stecken. "Man kann bis an die persönliche Leistungsgrenze klettern, weil man jederzeit fallen darf und aufgefangen wird", erklärt er und demonstriert am Seil, wie fest ein gesteckter Achter hält.

Der gesteckte Achter ist ein Knoten, der den Klettergurt des Aufstrebenden mit dem von der Wandhöhe herabhängenden Seil verbindet. Über eine Umlenkrolle ist das Seil mit dem Sichernden am Fuß der Wand verbunden, der in jeder Sekunde das Leben des Partners sprichwörtlich in der Hand hält.

Die erste Tour ist eine leichte, eine Drei. Leicht auch für einen vergleichsweise untrainierten Mittvierziger wie mich, dessen Arme und Beine sich nun wie bei einer Spinne an die Wand pressen, wobei meine Füße in knallengen Kletterschuhen stecken. Hoch das eine Bein, das andere nachgezogen, und schon kommt die Decke näher. In der Dreier-Tour muss ich mich kaum recken, ich wandere quasi die Griffe entlang und bin ruckzuck bei der 15-Meter-Marke.

Oben erst fällt der Blick nach unten, wo auf einmal alles ziemlich winzig wirkt, und urplötzlich wird klar, dass 15 Meter viel, viel mehr sind, als ich allgemeinhin so angenommen habe. Plötzlich frage ich mich, wann ich zuletzt im vierten Stock eines Mehrfamilienhauses draußen an der Fassade hing. Die Antwort heißt natürlich "noch nie", was auf der Stelle sämtliche Transpirationsdrüsen öffnet, zumal der heikle Teil des Gipfelsturms mir noch bevorsteht.

Nicht das Erreichen der Bergspitze werten erfahrene Kletterer als Erfolg, sondern die unversehrte Rückkehr ins Tal. Viele waren schon auf dem Mount Everest, aber nicht alle sind wieder heruntergekommen. An so was denke ich, wenn Lars Kuhlmann dem in luftiger Höhe baumelnden Zweifler zuruft: "Jetzt lass die Griffe los und setz dich ins Seil." Loslassen? Ins Seil setzen? Abstürzen?

Die Trilogie ist keine, weil der dritte Teil nicht passt. Das aber merke ich erst, wenn ich den ängstlichen Mann im Ohr überzeugt habe, dass da unten einer steht, der nun für die Sicherheit sorgen wird.

Zögernd lösen sich die Finger von den Griffen, erst die linke Hand, dann die rechte. Ein klein wenig gibt das Seil nach. Muss es auch, schließlich ist es elastisch konstruiert, um bei möglichen Stürzen die Fallenergie zu schlucken. Trotzdem bleibt ein Rest von Angst. Wenn der da unten jetzt nicht aufpasst, dann ist Schluss mit lustig.

In Neuss kann ich mich auf die Spuren von Reinhold Messner begeben. Der hat kürzlich an der Rückwand der dortigen Skihalle die mit über 30 Metern Höhe größte Kletterwand Europas eingeweiht, draußen an der frischen Luft.

Dabei hat er ausdrücklich den zusätzlichen ökologischen Nutzen solcher Einrichtungen gelobt. Wer im Flachland die künstlichen Wände hochgeht, zerstört garantiert keine Natur, schreckt keine Fledermäuse auf und verbraucht nicht das Benzin für die oft lange Anfahrt zum Einstieg.

"Konzentration ist sehr wichtig und ein bisschen Feingefühl", sagt Kletterlehrer Andreas Waldbröl und beschreibt noch andere Erfahrungen, die man aus der Wand ins Geschäftsleben mitnehmen kann. "Ich konzentriere mich ganz auf eine Sache, es geht nur um mich und mein Projekt", beschreibt er die Abgeschiedenheit des Kletterers.

Und mit jeder Tour kommt ein bisschen mehr Mut dazu, gespeist durch die sichere Erkenntnis, dass da unten stets jemand ist, der im Falle eines Fehlers das rettende Seil hält. Wenn das im Büroalltag doch auch mal so wäre.

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