Gasgigant leidet unter wachsendem Konkurrenzdruck
Gazprom leidet unter Dumpingpreisen

Der russische Gaskonzern Gazprom steckt in großen Schwierigkeiten. Grund sind zu hohe Schulden, staatlich kontrollierte Niedrigpreise auf dem Binnenmarkt und eine schlechte Kostenstruktur. Selbst das lukrative Exportgeschäft bringt in diesem Jahr weniger in die Kassen.

MOSKAU. Die Steigerung des Reingewinns beim weltgrößten Gaskonzern um 916 Mill. auf 2,4 Mrd. $ kann nicht darüber hinwegtäuschen: Gazprom steckt in einer tiefen Krise. Die Erdgasförderung sei noch weiter gesunken, gab das Unternehmen auf seiner Hauptversammlung am Freitag in Moskau bekannt.

Zwar will der Konzern, der rund ein Drittel des in Deutschland verbrauchten Erdgases liefert, vom kommenden Jahr an bis 2010 seine Fördermenge auf 530 Mrd. Kubikmeter steigern. Doch im vorigen Jahr fiel die Gasproduktion von 523 auf 512 Mrd. Kubikmeter, obwohl sie eigentlich durch neu erschlossene Felder stabilisiert werden sollte. Fünf Jahre zuvor lag sie sogar noch bei 565 Mrd. Kubikmetern.

Bisher macht Gazproms Förderung 90 % der russischen und 20 % der Welt-Gasproduktion aus. Allerdings haben Ölkonzerne bereits Lizenzen für die Exploration von 30 % der russischen Gasvorkommen. So setzt der Kreml - der von einer Verdoppelung des Erdgasverbrauchs in Europa ausgeht und auf mehr Exporteinnahmen hofft - auf einen Produktionsschub durch russische Ölfirmen. Sie sollen bis 2020 155 bis 170 Mrd. Kubikmeter Erdgas fördern.

Zwar hat Gazprom gewaltige Erdgasvorräte: rund 28 Bill. Kubikmeter. Aber ihre Erschließung führe dazu, dass "russisches Gas immer teurer wird, weil die neuen Felder in immer entlegeneren Regionen ohne Infrastruktur liegen", sagte Gazprom-Vorstand Jurij Komarow. So müssten gewaltige Summen in Bohrungen, Förderobjekte und neue Pipelines investiert werden. Das ist aber für den mit 13 Mrd. $ verschuldeten Konzern kaum zu schaffen.

Ein Grund für die Finanzschwäche: Gazprom muss sein Erdgas für nur 18 $ pro 1000 Kubikmeter an russische Industriekunden abgeben. Mindestens 683 Rubel (21,8 $) bräuchte Gazprom, um die Selbstkosten zu decken, rechnet Komarow vor. Werden noch die Kosten für die neuen Rieseninvestitionen berücksichtigt, bräuchte Gazprom fast 50 $ pro 1 000 Kubikmeter.

Allein in diesem Jahr verliert der Konzern durch den Dumpingpreis auf dem Binnenmarkt 475 Mill. $. Nur der Rekorderlös von 14,5 Mrd. $ durch Gasexporte hat dem Konzern 2001 Geld in die Kassen gespült. Die Exporterlöse werden aber zurückgehen: Obwohl die Gasausfuhr nach Europa in diesem Jahr von 126,9 auf 130 Mrd. Kubikmeter steigt, erwartet Komarow nur noch Exporteinnahmen von 11,5 bis 12 Mrd. $.

"Die Anhebung des Gaspreises in Russland ist der Schlüssel zur Gesundung der Gazprom", sagt der als Gazprom-Aufsichtsrat wiedergewählte Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann. "Die bisherige Quersubventionierung durch niedrige Gaspreise für die russische Wirtschaft kann nicht dauerhaft aufrecht erhalten werden." Allerdings benötige Gazprom auch "Druck, um für Kosteneffizienz zu sorgen. Gazprom muss eine Kostenstruktur bekommen, die sie konkurrenzfähig zu den Ölkonzernen macht."

Denn lockert die Regierung das bisherige Gasmonopol, muss Gazprom (Staatsanteil: 38,4 %) gegen Ölkonzerne antreten, die ihre Gasförderung drastisch ausweiten und kostengünstiger produzieren können. Gazprom wehrt sich gegen die Leitungsöffnung. "Die unabhängigen Produzenten sollen erst einmal Pipelines bauen. Wir haben keine freien Kapazitäten", so Komarow. "Wir sind erst recht nicht an einer Export-Konkurrenz interessiert" - aber an einem höheren Gaspreis für den Binnenmarkt. Doch davor schreckt der Kreml zurück, um nicht die Inflation anzuheizen und den Unmut der Bevölkerung vor der Parlamentswahl 2003 zu fürchten.

Dennoch verspricht Komarow: "Wir werden immer genug Gas haben. Unsere Export-Verpflichtungen halten wir ein." Notfalls werde zugekauft. Doch Turkmenistan sei nicht bereit, Russland mehr Erdgas für 40 $ zu liefern, wenn Russland im Westen 100 bis 120 $ erhalte, sagte der turkmenische Präsident Sapamurad Nijasow dem Handelsblatt.

Die wichtigste Devise bei Gazprom muss also lauten: Sparen. Im vergangenen Jahr stiegen die operativen Kosten des Giganten, der 310 700 Mitarbeiter beschäftigt, um 8,6 Mrd. auf 28,8 Mrd. $. Zusätzlich machen Gerüchte um die Ablösung von Gazprom-Chef Alexej Miller den Anlegern Sorgen. Der erst vor 13 Monaten eingesetzte Miller nahm wegen Krankheit an der Hauptversammlung nicht teil.

Quelle: Handelsblatt

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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