Gast-Kolumne
Everybody’s Darling im freien Fall

Wie kann es sein, dass Telekommunikationsaktien - wie etwa die Deutsche Telekom - sich innerhalb von fünf bis sechs Jahren im Wert versiebenfachen, um dann um 90% zu fallen - eine häufige Frage in diesen Tagen. Unmittelbar gefolgt von: Hat der europäische Telekom-Markt inzwischen seinen Boden gefunden? Die Antworten darauf verlangen, einen Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre zu werfen.

DÜSSELDORF. Bis zum Frühjahr 2000 galt der Telekommunikationsmarkt als der Zukunftsmarkt schlechthin. Jeder wollte investieren in "Everybody?s Darling". Internet und Mobilfunk hatten sich in der zweiten Hälfte der 90er Jahre zum Massenmarkt gewandelt. Die jährlichen Wachstumsraten überstiegen teilweise 100%. Viele neue Technologien standen kurz vor der Einführung. Vernetzung und Digitalisierung sollten alles vereinfachen und Technologie- und Telekommunikationsunternehmen sollten im Besonderen davon profitieren.

Fatale Fehleinschätzung

Vor diesem Hintergrund glaubten die Mobilfunkunternehmen in Deutschland im Jahr 2000, 8,4 Milliarden ? sei nicht zu viel für eine UMTS-Lizenz. Die rasant steigenden Penetrationsraten führten bei vielen Marktteilnehmern zu der Annahme, jeder würde in naher Zukunft mindestens ein Handy besitzen. Mobilfunkunternehmen würden sich gar zu Banken, Medien- und Handelsunternehmen weiterentwickeln. Diese Zusatzgeschäfte sollten den durchschnittlichen Umsatz pro Kunde im Monat auf über 60 ? hinauftreiben. (Hinzu kam, dass zum Beispiel die spanische Telefonica davon ausging, 160% Penetration käme allein aus Mobilfunkanwendungen, in denen nur Maschinen miteinander kommunizierten.)

Zwei Jahre später ist Ernüchterung eingetreten. Viele technologische Entwicklungen waren im Massengeschäft nicht umsetzbar oder werden es erst mit starker zeitlicher Verzögerung sein. Der durchschnittliche Umsatz stagniert in Deutschland bei rund 25? pro Kunde und Monat. Mobile Datendienste werden nicht wie erwartet genutzt - dank einer nutzerunfreundlichen WAP-Technologie und einfarbigen, zu kleinen Handys. Das sollte sich in diesem Jahr grundlegend ändern. Mit GPRS und farbigen Displays können mobile Datendienste auch Spaß machen - eine der wichtigsten Voraussetzungen zur Erschließung eines Massenmarktes.

Fallende Wachstumsraten

Was die aktuelle Bewertung von Telekommunikationsaktien betrifft, unterstellt der Aktienmarkt derzeit rapide fallende Wachstumsraten. Auf Basis von Bewertungs-Modellen lässt sich feststellen, dass viele Ex-Monopolisten ab sofort nur noch mit 1 bis 3% pro Jahr wachsen dürften, damit ihre aktuelle Bewertung - bei sonst gleichen Bedingungen - als fair zu bezeichnen wäre.

So wie der Aktienmarkt vor zwei Jahren nach oben übertrieben hat, geht die Übertreibung jetzt nach unten. Wann die Übertreibung zu Ende sein wird, lässt sich nicht sagen. Zwei wesentliche Voraussetzungen müssen jedoch erfüllt sein, bevor die Trendwende kommen kann. Tatsächliches Geschäft muss zeigen, dass die Menschen Datendienste auf breiter Front nutzen und dafür zu zahlen bereit sind. Und die Telekom-Unternehmen müssen ihre hohe Verschuldung deutlich reduzieren.

Akzente im Schuldenabbau

Im Schuldenabbau dürften in den nächsten zwölf bis 18 Monaten deutliche Akzente gesetzt werden. Wie sich die Akzeptanz von Datendiensten entwickeln wird, ist schwer beurteilbar. Wer hätte vor vier Jahren schon erwartet, dass heute in Deutschland pro Monat mehr als 2,7 Millarden SMS verschickt werden?

In der Vergangenheit wurde stets betont, es gebe für UMTS keine sogenannte "Killer-Applikation" - ein einziger Dienst also, der die Investition quasi alleine refinanziert. Für den deutschen Markt gilt das sicher auch heute noch. Mit Blick auf die stark gefallenen Aktienkurse ist allerdings eine Killer-Applikation vorstellbar, die die aktuelle Bewertung vollständig aus den Angeln heben könnte. Ein Beispiel wären Handys mit eingebauter Fotokamera, die in diesem Jahr eingeführt werden. Wenn die breite Masse anfinge Fotos per Handy statt Postkarten zu verschicken, entstünde ein gewaltiger Markt. Mit einer einzigen Anwendung könnten dann die Aktienbewertungen als günstig betrachtet werden. Der Markt würde anfangen nach weiteren Applikationen mit ähnlichem Potenzial zu suchen und der Stimmungswechsel wäre da.

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