Gast-Kolumne
Krise im US-amerikanischen Telekommunikationsmarkt – Ein Ausblick für Europa?

Mit dem Telecommunications Act entstand 1996 in den USA die rechtliche Grundlage für eine umfassende Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes. Ziel war es, den Wettbewerb durch die Öffnung der lokalen Netze zu stärken und die Marktmacht der Monopolisten durch Auflagen im Ferngesprächsbereich zu begrenzen. Doch die Pläne schlugen bisher fehl.

FRANKFURT/NEW YORK. Ausmaß und Tempo der wirtschaftlichen Fehlentwicklungen und der damit verbundenen Wertvernichtung bei US-amerikanischen Emerging Carriers sind immens. Dazu zählen die neuen Anbieter von Nahverkehrsdiensten (Competitive Local Exchange Carriers, CLECs) und Betreiber von nationalen und internationalen Glasfasernetzen. Allein im Jahr 2001 betrug die Wertvernichtung in diesen Bereichen mehr als 200 Milliarden US-Dollar.

Die Euphorie in der zweiten Hälfte der 90er Jahre hat sich bei vielen Unternehmen, Anteilseignern und Gläubigern in eine Katerstimmung gewandelt: Hohe Investitionen, ausbleibende Umsätze und hohe Zinsbelastungen haben viele Unternehmen zu operativen und bilanziellen Restrukturierungsmaßnahmen gezwungen oder bereits in ein Insolvenzverfahren gedrängt.

Krisenursachen

Die derzeitige Krise vieler amerikanischer Telekommunikationsunternehmen ist auf eine Reihe strategischer und operativer Fehler zurückzuführen. "Build it und they will come" hieß die Devise vieler Carrier, die im Rahmen ihres Netzausbaus eine angebotsorientierte Investitionspolitik verfolgten. Netzkapazitäten - insbesondere Vermittlungs-, Transport-, und Datenzentren - wurden geschaffen, ohne bereits über eine Kundenbasis mit Sprach- oder Datenverkehr zu verfügen. Diese Strategie zahlte sich häufig nicht aus: Kunden blieben aus und mit ihnen die geplanten Umsätze und Cash flows.

Eine weitere Ursache waren Fehleinschätzungen der Marktentwicklung. Die Gesamtnachfrage nach Sprach- und Datentransport stieg weitgehend entsprechend der optimistischen Prognosen an. Jedoch verteilte sich die Nachfrage auf die Anbieter anders als erwartet: Etablierte Unternehmen konnten ihre Vormachtstellung behaupten und zu viele neue Marktteilnehmer trieben sich durch einen Preiskampf gegenseitig in den Ruin. Schließlich verabschiedeten sich auch die Kapitalmärkte von den einstigen Börsenlieblingen. Nach hohen Cash-Burn-Raten und aufgezehrten Barmitteln fehlten vielen Unternehmen Anschlussfinanzierungen für den weiteren Geschäftsbetrieb.

Zu den operativen Fehlern zählen unzureichende Kontrollsysteme. So installierten junge Unternehmen häufig keine adäquaten Systeme zur Rentabilitätsanalyse auf Produkt- und Kundenebene. Bei der Akquisition von Kunden lag der Fokus auf den geplanten Umsätzen. Hohe Marketingaufwendungen, Vertriebsprovisionen, Subventionen von Endgeräten sowie eine aggressive Preisstrategie führten jedoch häufig zu negativen Deckungsbeiträgen.

Wesentliche Erfolgsfaktoren

Trotz aller Besonderheiten lokaler Märkte können deutsche und europäische Carrier einige Lehren aus den Erfahrungen im amerikanischen Markt ziehen. Dies gilt insbesondere für UMTS-Anbieter, für die eine "Build it und they will come"-Strategie auf den ersten Blick unumgänglich erscheint.

Bei der Entwicklung von erfolgreichen Geschäftsstrategien sollten Produktangebot und Zielgruppen im Vordergrund stehen. So bieten beispielsweise Datenapplikationen wesentlich attraktivere Margen als Sprachdienste, die in der Vergangenheit einem hohen Preisdruck ausgesetzt waren. Zudem ist die Kundenbindung bei Datenanwendungen, die immer häufiger einen erfolgskritischen Status in Unternehmen annehmen, wesentlich stärker als bei den leicht substituierbaren Sprachdienstleistungen. Viele amerikanische Unternehmen konnten auf Grund hoher Cash-Burn-Raten ihre Kosten für die Kundenakquisition nie amortisieren. Statt einer aggressiven Umsatzwachstumsstrategie sollte daher der Fokus auf Kundenprofitabilität liegen.

Ein weiterer wesentlicher Erfolgsfaktor ist die Wahl einer kosteneffizienten Netzinfrastruktur. Zum Aufbau von Netzen sind erhebliche Investitionen und Instandhaltungskosten notwendig. Investitionen in eine eigene Netzinfrastruktur lohnen sich nur, wenn die Unternehmen bereits über eine große Kundenbasis und hohe Umsatzvolumina verfügen. Als erfolgreich hat sich der so genannte Smart Build-Ansatz erwiesen: Netzwerkelemente werden zunächst gemietet und erst dann durch eigene Netzkapazitäten ersetzt, wenn die Kundenbasis die notwendigen Investitionen tragen kann.

Fortlaufend neue Technologien

Aufgrund der weiterhin explosionsartig ansteigenden Nachfrage nach Mobilfunk- und Datendienstleistungen werden fortlaufend neue Technologien, Anwendungen und damit neue Geschäftsmodelle entwickelt. Um die Fehler amerikanischer Telekommunikationsunternehmen zu vermeiden, bedarf es vor allem einer klaren strategischen Ausrichtung, orientiert an Kundenprofitabilität, effizientem Kapitaleinsatz sowie leistungsfähiger Controllingsysteme zur Rentabilitätssteuerung.

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