Gastbeitrag zur US-Wahl
Grundzüge der „Obamanomics“

Schon jetzt ist absehbar, welche Branchen unter einem Präsidenten Barack Obama florieren würden. Investoren sollten sich damit auseinandersetzen.

Barack Obama und Hillary Clinton liefern sich seit Monaten einen atemlosen Wettlauf um die Gunst der Demokraten. Noch immer ist das Rennen um die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten nicht entschieden. Trotz der Clinton-Wahlsiege in Ohio und Texas liegt Obama nach der Zahl der Delegiertenstimmen vor Clinton.

Die intensive Auseinandersetzung täuscht darüber hinweg, dass die Auffassungen der beiden Kandidaten in zentralen wirtschaftlichen Fragen recht ähnlich sind. Beide weisen auf die Schwierigkeiten der amerikanischen Mittelschicht hin, wollen eine allgemeine Krankenversicherung einführen, die Abhängigkeit von Energieimporten verringern, aber auch Umweltprobleme angehen. Beide könnten sich auf die etablierten Wirtschaftsexperten der Demokratischen Partei verlassen und würden eine ähnliche makroökonomische Politik verfolgen.

So halte ich es für kaum vorstellbar, dass eine Obama-Regierung das Nafta-Abkommen aufkündigen oder etwa neu verhandeln würde. Für die USA wie für Mexiko steht einfach zu viel auf dem Spiel. Äußerst wahrscheinlich ist allerdings, dass die USA höheren Druck auf Mexiko ausüben werden, damit das Land sich strikt an Umwelt- und Arbeitsschutzvorgaben hält. Obama könnte so seine Versprechen halten, ohne die Beziehungen zwischen den USA und Mexiko zu gefährden.

Wie sie ihre Ziele verfolgen, darin unterscheiden sich Obama und Clinton allerdings dramatisch. Obama vermag die Amerikaner zu mobilisieren wie seit John F. Kennedy kein amerikanischer Politiker. Und das könnte ihm bei der Umsetzung seiner politischen Visionen enorm behilflich sein. Als Professor für Business Strategy rate ich daher Führungskräften, sich schon jetzt auf eine mögliche demokratische Präsidentschaft vorzubereiten.

Der wichtigste wirtschaftliche Aspekt einer Obama-Präsidentschaft wäre aus meiner Sicht, dass Obama das Gewicht seines Amtes und seine Gabe, die Öffentlichkeit zu mobilisieren, dazu nutzen würde, bestimmte Industriesektoren und Technologien nach oben zu bringen. Wer seine Wahlkampf-Publikationen liest und seinen Reden zuhört, kann ziemlich klar ausmachen, welche Industrien unter seiner Präsidentschaft florieren und welche sich erhöhtem Druck ausgesetzt sehen würden.

Zu den großen Gewinnern zählten alternative Energien und sogenannte Cleantech-Technologien. Denn mit Sicherheit würden sich die Vereinigten Staaten unter Obama kräftig einmischen in das Uno-Rahmenübereinkommen zum Klimaschutz. Auch würde Obama alles daransetzen, dass 2012 die USA den wie auch immer gearteten Nachfolger des Kyoto-Protokolls mit ausarbeiten und auch unterschreiben.

Es lässt sich darüber streiten, ob der Emissionsrechtehandel tatsächlich genug Geld einbringt, um die Milliardenbeträge zu generieren, die Obama in die Umweltindustrie stecken will. Mit Sicherheit aber setzte er als Präsident sein Vorhaben um, in den staatlichen Verwaltungen und auch bei der Vergabe von Regierungsaufträgen auf Energieeffizienz zu achten. Das würde in der Branche einen Boom auslösen, der den heutigen noch weit übertrifft.

Weder in technologischer noch in wirtschaftlicher, ökologischer und sogar ethischer Hinsicht bieten Biokraftstoffe eine unkomplizierte Antwort auf umweltpolitische Fragen. In der Energiepolitik des nächsten Präsidenten werden sie dennoch eine große Rolle spielen, denn in den amerikanischen Farming States sind sie ausgesprochen beliebt: Durch Biokraftstoffe erhöhen sich die Rohstoffpreise, die Abhängigkeit von ausländischen Ölimporten wird verringert.

Die Automobilindustrie kann ebenfalls auf gute Chancen hoffen, soweit die amerikanischen Autobauer die bei der Detroiter Autoshow vorgestellte Linie weiterverfolgen und umweltfreundlichere, sparsamere Autos bauen. Die großen Ölfirmen dagegen würden unter Obama in ihrem Kerngeschäft zunehmend unter Druck geraten. Allerdings könnten sie dies unter Umständen ausgleichen, wenn sie alternative Energiequellen in ihre Unternehmensstrategie integrierten.

Obama hat vergangene Woche in Texas versprochen, sich um die Rettung von Jobs im Baugewerbe zu kümmern. Darüber hinaus hat er bereits zugesichert, dass er die Zwangsversteigerungen aus Hypotheken zurückschrauben will. Da jedoch in den kommenden Jahren die Nachfrage nach Wohn- und Büroflächen kaum zunehmen wird, erwarte ich, dass Obama seine Zusagen dadurch zu halten gedenkt, dass er die zerfallende amerikanische Infrastruktur wieder auf Vordermann bringt.

Vergangenen Sommer starben sieben Menschen, als in Minneapolis eine Brücke des Interstate Highways in den Mississippi stürzte. Solche Katastrophen soll es unter einer Obama-Regierung nicht mehr geben, und allein im Bundesstaat Minnesota werden 1 079 Brücken als „strukturell mangelhaft“ eingestuft. Die Bauwirtschaft kann sich darauf vorbereiten, dass in den kommenden Jahren Milliarden von Dollar in die „Reparatur“ Amerikas fließen.

Obama würde sich auch für die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung einsetzen. Das hätte signifikante Veränderungen im Gesundheitssektor zur Folge, bräuchte allerdings Zeit. Das Geschäftsmodell dieser Branche wird sich nur langsam entwickeln.

Um auf die Parallele mit John F. Kennedy zurückzukommen: Obama kann die Menschen für ehrgeizige Ziele mobilisieren, vergleichbar mit Kennedys „Mann auf dem Mond“. Die Regierung müsste allerdings Unsummen von Steuergeldern bereitstellen, um die entsprechenden Programme anzustoßen. Sicherer ist es, sich als Unternehmen frühzeitig auf die oben dargestellten neuen Chancen vorzubereiten. Wer damit bis zum Tag des Amtsantritts wartet, der kommt dann zu spät.

Mike Rosenberg ist Professor für Strategisches Management an der IESE Business School in Barcelona.

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