Gastkommentar: 11. September
Wir bleiben verwundbar

Wir Amerikaner sind nicht mehr dieselben, seit vor einem Jahr aus heiterem Himmel der Terror zu uns kam. Die Veränderungen sind allerdings nicht so, wie wir damals erwartet haben. So grauenhaft die Terroranschläge auf New York und Washington am 11. September 2001 waren, sie konnten weder die US-Wirtschaft dauerhaft erschüttern noch den Optimismus, der schon immer die Stärke Amerikas ausgemacht hat.

Nach dem anfänglichen Schock über die Zahl der Opfer und das ungeheure Ausmaß der Zerstörung, als die Börsen geschlossen und die Flugzeuge am Boden blieben, haben wir Amerikaner bald die erste Mutlosigkeit überwunden und das getan, was wir besonders gut können: Geld ausgeben. Mit Finanzierungshilfen wie den Nullzins-Angeboten der großen Automobilbauer und angespornt vom Aufruf, dass das Leben in Amerika weiter gehen muss ("keep America rolling"), kauften wir Amerikaner massenweise Autos. Gleichzeitig trieben wir die Preise für Häuser und Wohnungen in die Höhe. Selbst die Aktienkurse zogen an, schon bald trauten sich die Menschen auch wieder zu fliegen.

Womöglich wurde die Konjunkturschwäche, die zum Zeitpunkt der Anschläge begonnen hatte, durch den Patriotismus und das allgemeine Zusammengehörigkeitsgefühl, das angesichts der El-Kaida-Grausamkeiten aufkam, schneller beendet als von manchem Volkswirt befürchtet. So wird die Rezession des Jahres 2001 - abgesehen von einer zweiten Delle ("double dip") durch rückläufige Einkommen und Produktion - als eine der kürzesten und sanftesten in die Geschichte eingehen.

Das Problem ist aber, dass seit dem unerwarteten Energieschub und dem Enthusiasmus im vergangenen Herbst und Winter inzwischen viel tiefere, grundlegendere Probleme zu Tage getreten sind. Die Herausforderungen an die politische, militärische und unternehmerische Führung unseres Landes sind größer als damals, als über Manhattan noch eine Rauchwolke schwebte und im Pentagon eine riesige Brandwunde klaffte. Inzwischen aber könnte uns die scheinbare Leichtigkeit, mit der wir Amerikaner die direkten Auswirkungen der Katastrophe vom 11. September zunächst meisterten, daran hindern, den richtigen, positiven Weg wieder zu finden.

Schauen wir uns folgende Dinge an:

Nach anfänglich schnellen Erfolgen in Afghanistan ist der Kampf gegen den Terror ins Stocken geraten. Noch immer weiß niemand, ob Osama bin Laden noch lebt und, wenn ja, wo. Zwar wurde das Taliban-Regime schnell verjagt, doch jetzt erschüttern Autobomben und blutige Schießereien das Leben von Kabul bis Karatschi. Nach Ruhe und Stabilität sehnen sich die Menschen in den betroffenen Regionen noch immer vergeblich.

Im Nahen Osten ist es noch immer nicht gelungen, das blutige Wechselspiel von Selbstmordanschlägen und Militärschlägen zu beenden. Dieses Versagen erhöht bei vielen Amerikanern die Nervosität, dass der Hass zwischen Arabern und Israelis, zwischen Juden und Muslimen, erneut zu islamistischer Gewalt gegen uns führen wird.

Geradezu unerträglich langsam sind die Fortschritte bei der Verbesserung der "Homeland Security". Unsere Geheimdienste können sich nicht einmal untereinander verständigen. Versuche, die Sicherheit an unseren Flughäfen zu verbessern, haben allenfalls dazu geführt, dass die Reisenden sich nun belästigt fühlen - aber keineswegs wirklich sicher.

Trotz dieser Rückschläge scheint Amerika - oder zumindest unsere politische Führung - jetzt bereit, sich einem schwierigen Thema zu stellen: militärischen Schlägen gegen den Irak, um dort einen Regimewechsel herbeizuführen. Die Abneigung der Amerikaner gegen Saddam Hussein kommt aus tiefem Herzen, und wir nehmen seinen so offensichtlichen Griff nach Massenvernichtungswaffen ernst. Dennoch tun auch wir uns schwer damit, von unserer Tradition abzuweichen, andere Länder lieber aus der Ferne dabei zu unterstützen, Regimewechsel selbst vorzunehmen, solange sie uns nicht angreifen. Diese Bedenken sind zwar nicht so groß, dass wir sie auf keinen Fall überwinden können - aber sie sind da. Diese Unsicherheit, uns vielleicht schon bald im Krieg zu befinden, beunruhigt viele US-Bürger und verstärkt bei den Unternehmenslenkern die Neigung zu sparen.

Gleichzeitig haben die Skandale um prominente und lange bewunderte Personen der Unternehmens- und Finanzwelt das Vertrauen in die wirtschaftliche Führung des Landes erschüttert. Unternehmen, die als Ikonen des Erfolgs galten - Enron, Arthur Andersen, Tyco, Worldcom -, liegen am Boden und sind ins Visier der Staatsanwaltschaft und der Marktaufsicht geraten, während zugleich immer mehr Misswirtschaft aufgedeckt wird. Selbst der General-Electric-Chef Jack Welch, der in breiten Kreisen als brillantester US-Unternehmenslenker der vergangenen 25 Jahre anerkannt ist und dessen Führungsqualität niemand anzweifelt, geriet jetzt unter Beschuss, als das Ausmaß seiner Vergünstigungen bekannt wurde, die er neben seinen Bezügen von seinem früheren Arbeitgeber erhielt.

Der leichte Zugang zum Kapitalmarkt während der 90er-Jahre hat auf vielen Märkten zu Überkapazitäten geführt. Besonders erkennbar wurde dies im Telekomsektor, wo Firmen wie Worldcom, Qwest, Global Crossing und selbst die ehrenwerte AT&T unter Wettbewerbsdruck gerieten, der jedes dieser Unternehmen in Existenznot bringen könnte.

In diesem Umfeld werden die Unternehmer übervorsichtig - genauso wie sie in den zehn Jahren zuvor zu risikofreudig waren. Es wird gespart, riskante Projekte werden auf Eis gelegt, Mitarbeiter entlassen und nur die nötigsten Investitionen vorgenommen.

Damit liegt es an den Verbrauchern, durch Konsumausgaben für Wirtschaftswachstum zu sorgen. Diese Aufgabe haben die US-Verbraucher bis jetzt auch erfüllt und haben fleißig eingekauft. Hierfür gibt es einen einfachen Grund: Die meisten Amerikaner sind in Lohn und Brot, die Arbeitslosigkeit liegt unter 6 Prozent. Auch wenn ihre Altersersparnisse mit den Aktienmärkten eingebrochen sind, so ist der Wert ihrer Eigenheime gestiegen. Damit stiegen auch die Kreditsicherheiten für den Kauf von Autos, Kleidung und Urlaubsreisen auf Pump. Nach den Zinssenkungen auf historische Tiefstände konnten Eigenheimbesitzer ihre Hypotheken umfinanzieren und die Monatsraten verringern, was ihnen neues Geld für die Erfüllung von Konsumwünschen gab.

So kann es allerdings nicht ewig weitergehen. Der Immobilienmarkt zeigt bereits Überhitzungsanzeichen, die Zahl der Zwangsvollstreckungen steigt, und schon kursiert in Immobilienkreisen das schlimme Wort "Blase".

Die Spekulationsblase auf dem Aktienmarkt ist längst geplatzt, trotzdem gibt es keinen Anlass zu glauben, dass der Boden erreicht ist. Die Aktienkurse sind, gemessen an Unternehmensgewinnen und anderen Kennzahlen, noch immer relativ hoch. Die Aktienkurse dürften zwar wieder steigen - vorher könnten sie aber erst noch einmal fallen.

Fazit: Ein Jahr nach den September-Anschlägen gibt es in Amerika in vier wichtigen Punkten Anlass zu großer Sorge: Politik, Wirtschaft, Sicherheit und Finanzmarktstabilität.

Hinzu kommt, dass viele Amerikaner sich vom Ausland unverstanden fühlen. Unter unseren europäischen Freunden scheint zurzeit nur Großbritannien unter Tony Blair zu konstanter Unterstützung bereit. Die Freunde auf dem Kontinent erscheinen dagegen kühl und von Vorurteilen geprägt, man möchte fast sagen ablehnend. Die Amerikaner sehen Frankreich und Deutschland jetzt zwar als schöne Urlaubsländer - wenn auch nicht ganz so schön wie Italien -, aber ansonsten als zuweilen griesgrämige Cousins, denen man nicht mehr so nahe steht wie damals, als die sowjetische Bedrohung uns zusammenschweißte.

Wir Amerikaner sind noch immer verstört. Mit einem Auge warten wir schon auf den nächsten Terroranschlag, horchen aber gleichzeitig mit einem Ohr darauf, ob nicht endlich eine Entwarnungssirene ertönt und uns das Ende des Schreckens mitteilt. Anstatt energisch etwas gegen unser Unruhegefühl zu unternehmen, warten wir weiter auf ein großes Ereignis - und eben auf diese erlösende Entwarnungssirene.

Doch diese Sirene wird es nicht geben, selbst wenn Saddam Hussein morgen freiwillig abdankte. Und statt darauf zu warten, dass ein großes Ereignis unsere Ängste beendet (die Gefangennahme bin Ladens, eine neue Regierung in Bagdad), müssen die Amerikaner viele kleine, beharrliche und geduldige Züge einplanen:

Einen fiskalischen Zug, wie zum Beispiel eine Steuersenkung, um die Investitionen anzukurbeln, statt der durchgeführten Steuersenkung, die die hohen Einkommensgruppen bevorzugte. Dies würde das Vertrauen der Amerikaner stärken, dass wir die Rezession hinter uns gelassen haben.

Einen Kehraus bei den Geheimdiensten wie FBI und CIA und die Ernennung starker Führungspersonen - zum Beispiel des früheren New Yorker Bürgermeisters Rudy Giuliani -, um klar zu machen, dass das jetzige Hin und Her der Geheimdienste und ihrer widersprüchlichen Sicherheitskonzepte untragbar ist.

Konzentrieren wir uns im Umgang mit unseren Freunden auf die Dinge, die wir gemeinsam tun können, anstatt von ihnen zu verlangen, sich stets nach unseren Vorstellungen zu richten. Dies könnte uns Amerikanern bei unserem Gefühl helfen, allein gelassen zu werden. Wenn Gerhard Schröder uns im Krieg gegen den Irak nicht unterstützen will, dafür aber bereit ist, die Suche nach terroristischen Zellen und Sympathisanten in Deutschland mit Nachdruck zu führen, dann sollten wir uns auf diesen Teil der deutsch-amerikanischen Beziehungen konzentrieren.

Schließlich müssen wir uns eingestehen, dass wir trotz aller vorbeugenden Maßnahmen neue Terrorangriffe nicht mit absoluter Sicherheit verhindern können. Schwachstellen in der nationalen Sicherheit können nie ganz ausgeschlossen werden. Ausmachen und beheben können wir sie nur, wenn wir sie als Schwachstellen ansehen - und nicht als Fingerzeig des Schicksals.

Der 11. September hat die Welt der Amerikaner für immer verändert. Unser Gefühl der Unverwundbarkeit ist für immer verschwunden. Jetzt müssen wir lernen, auf einem neuen Weg zu gehen, auf dem auch Verwundbarkeit vorkommt. Hierzu werden wir eine Weile brauchen, doch ich bin sicher, wir werden es schaffen.

Paul E. Steiger ist seit 1991 Chefredakteur des Wall Street Journals. Unter seiner Führung gelang am 11. September nach der Zerstörung der Redaktion unmittelbar neben dem World Trade Center die Produktion der Ausgabe für den nächsten Tag. Dafür erhielt die Redaktion den Pulitzer-Preis.

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