Gastkommentar: Fernsehduell
Kein Heimspiel für Schröder

Noch bevor überhaupt das erste so genannte "TV-Duell" über die Bildschirme flimmert, lohnt ein Blick auf die aktuelle Neu-Inszenierung von Theodor Storms Schimmelreiter: Beim Kampf um die beste Rolle als Deichgraf zeigen sowohl Schröder/Stoiber als auch die Fernsehanstalten, was sie (nicht) können.

Wie wichtig Bilder sind, hat der Herausforderer im Anschluss an das Christiansen-Interview im Januar erfahren: Drei Wochen lief die Berichterstattung über seinen in Teilen unsicher wirkendenden Auftritt. Das Team um Schröder frohlockte. Doch die "Medien Tenor"-Langzeitanalyse allein der Bilder, in denen der Kanzler auf der einen Seite sowie der bayerische Ministerpräsident auf der anderen Seite in Zeitungen, Magazinen und insbesondere in den Fernsehnachrichten der privaten und öffentlichrechtlichen Anbieter zu sehen ist, zeigt einen neuen Trend: Stoiber beherrscht inzwischen die Posen und hat mit Schröder trotz dessen Amtsbonus fast gleichgezogen.

Dies konnte insbesondere in den letzten Tagen während der Flut-Katastrophe beobachtet werden: In der Regel geht solch ein Ereignis zu 100 Prozent auf die Mühlen des Amtsinhabers. Doch Stoiber nutzte nicht nur den Heimvorteil in Passau, sondern verdarb Schröder die Show mit dem EU-Kommissions-Präsidenten, indem er am Vorabend nach einem Telephonat mit Romano Prodi über die Sender den ungefähren Betrag bekannt gab, der als Unterstützung aus Brüssel zu erwarten ist.

Der Christsoziale profitiert jedoch von einem anderen, wesentlich wichtigeren Trend: Angesichts der nachhaltigen Schwierigkeiten in der Wirtschaft, den offenen Fragen, wie es mit Bildung, Familie oder der Integration ausländischer Mitbürger weitergehen soll, sind auch die Medien weniger an oberflächlicher Show interessiert, sondern warten auf Antworten. Journalisten, die auf Grund fehlender Anzeigen ihre Texte oder Filmbeiträge nicht mehr unterbringen können, fragen nicht nur anlässlich der Präsentation von Hartz-Papieren mittlerweile beim Thema Arbeitslosigkeit anders nach.

Ebenso das Thema Bildung: Pisa hat auf Grund der geschickten Lancierung eines innerdeutschen Vergleichs die Medien endlich gezwungen, über den verheerenden Missstand im deutschen Bildungswesen zumindest so intensiv zu berichten, dass dieses Thema die Wahrnehmungsschwelle der Deutschen überschritten hat.

Es geht also endlich wieder um Themen. So falsch das Schlagwort von der Amerikanisierung schon vor vier Jahren bei der letzten Bundestagswahl war, so deutlich ist es inzwischen der letzten Redaktion geworden: die Menschen wollen wissen, was sich auf ihrem privaten Konto nach dem 23. September verändern wird. Sie wollen keine Pläne, sondern Fakten. Das erwarten die Menschen jedoch nicht nur von den Politikern, sondern in erster Linie erst einmal von ihrer Zeitung und dem Fernsehen. In der aktuellen Umfrage von Emnid fordern 76 Prozent der Wähler sachbezogene Information. Keine 30 Prozent wollen sich in ihrer Entscheidung davon leiten lassen, wie irgendeine Person "rüberkommt", sondern sie sind an den sachpolitischen Konzepten interessiert.

Solange auf den Wahlzetteln in Deutschland noch immer die Partei und nicht der Kandidat angekreuzt wird, liegt natürlich nicht alles bei den Kandidaten und ihrem Geschick, sich in den Medien zu präsentieren. Aber nur durch die Vermittlung der Inhalte, der Persönlichkeit von Schröder/Stoiber sowie der Rahmenthemen wie Konjunktur oder dem Krieg gegen Terrorismus erreichen die potenziellen Wähler die notwendigen Informationen für ihre Entscheidung.

Deshalb stehen die Interviewer von RTL und SAT 1 an diesem Sonntag sowie ihre Kolleginnen von den öffentlich-rechtlichen Sendern vor einer besonderen Herausforderung: Entgegen der üblichen Berichterstattung im Fernsehen ist tatsächliche Faktenvermittlung gefragt. Normalerweise beträgt der Anteil der Sachinformationen in den Hauptnachrichtensendungen von ARD über RTL, Sat 1 bis hin zum ZDF weniger als 40 Prozent. Der Rest beschäftigt sich mit so inhaltsschweren Problemen wie der Haarfarbe des Kanzlers, irgendwelchen innerparteilichen Streitereien oder Postengerangel. Themen, die eigentlich auch in Zeiten der Hochkonjunktur nur dazu beitragen, dem Bürger das Interesse an seiner res publica auszutreiben.

Da nicht nur der Präsident des Grimme-Instituts, Bernd Gäbler, an der Qualifikation der deutschen TV-Sender, eine inhaltsbezogene TV-Debatte amerikanischer Ausprägung durchführen zu können, seine begründeten Zweifel hatte, haben Wissenschaftler sich zu einer Kommission zusammengefunden, die quasi "live" analysieren wird, inwieweit die beiden TV-Duelle tatsächlich dem inhaltlichen Bedürfnis der Wähler nachkommen, oder ob die Sendezeit mit Personalia und oberflächlichen Allgemeinplätzen vertan wird.

So wird sich in Deutschland hoffentlich nicht das wiederholen, was vor zwei Jahren George W. Bush maßgeblich geholfen hat: Weil die Medien ihn im Nachgang zum Sieger erklärten - er hatte sich nicht ganz so häufig versprochen, wie dies in der Vorberichterstattung erwartet worden war - ging er von da an in den Umfragen wieder in Führung. Die "Medien Tenor"-Analyse des US-Wahlkampfes hatte damals über den gesamten Zeitraum von Januar bis November deutlich gemacht, dass der Wahlkampf sich letztendlich anhand der Interpretationshoheit entscheidet: Nicht der persönliche Eindruck über den Kandidaten im TV entscheidet, sondern wie die Medien im Nachgang darüber berichten.

Schließlich sind sie die Hauptauftraggeber von Meinungsumfragen. Jüngstes Beispiel: die Forsa-Umfrage unmittelbar nachdem Peter Hartz bekannt gab, dass seine Kommission zu einem Ende gekommen sei, er allerdings die Ergebnisse noch nicht kund tun könne. Laut Forsa soll die SPD um zwei Prozent zugelegt haben. Dies konnte schlicht nicht möglich sein, da zum Zeitpunkt der Befragung die katastrophalen Arbeitslosenzahlen vom Juli bekannt wurden, Schröder von allen Seiten Prügel wegen seines "deutschen Weges" erhielt und sein Generalsekretär gerade von 13 deutschen Chefredakteuren schriftlich erhielt, was sie von seinem Vorgehen gegen "Bild" hielten.

Die Menschen hatten in dieser Zeit also keine Information erhalten, die sie mit der SPD hätte versöhnen können. Trotzdem brachte das Meinungsforschungsinstitut des Schröder-Freundes und Beraters Manfred Güllner den Stimmungsumschwung zu Gunsten der SPD. Da wunderten sich zumindest die Kenner der Szene nicht lange. Aber in Zeiten, in denen 30 Prozent aller Informationen über die zur Wahl Stehenden sich mit der aktuellen Platzierung in den diversen Umfragen beschäftigen, sind solche Aktionen wesentlich einflussreicher als die zwei TV-Duelle.

Roland Schatz ist Chefredakteur des Medienforschungsinstituts "Medien Tenor", Bonn. Das Institut führt während der TV-Duelle am 25. August und 8. September die weltweit erste Synchronanalyse unmittelbar nach der Sendung durch.

Quelle: Handelsblatt

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