Gastkommentar: Nachhaltigkeit
Wie giftig ist unser Reichtum?

Noch vor wenigen Wochen kannte jeder die Probleme des Landes: Vier Millionen waren arbeitslos; die Wirtschaft trat auf der Stelle; Wachstum fehlte, und das Land hielt die rote Laterne. Aus Brüssel drohte der blaue Brief. Die Arbeitnehmer aber streikten für 6,5 Prozent mehr.

Dann kam die Flut. Und mancher fragt: Sind die alten Probleme die wahren Probleme? Zerstört nicht der Ruf nach Wachstum, nach mehr und mehr, den Planeten? Vor einigen Jahren hatte Klaus Töpfer, Chef der Umweltbehörde der Uno, geklagt: "Die Armut ist die giftigste Substanz für die Umwelt ." Urwälder werden abgeholzt, weil die Ärmsten Äcker brauchen. In den Millionenstädten entstehen riesige Slums, deren Bewohner Krankheit und Hunger hilflos ausgesetzt sind. Heute sagen die Umweltschützer: Armut ist giftig; aber Reichtum ist giftiger. Es sind die Reichen, die den Globus zerstören. Sie verbrauchen immer mehr Energie, ihr CO2 bedroht das Klima der Welt. Ein paar Jahrzehnte lang hat man verdrängt, dass es "Grenzen des Wachstums" gibt, wie vom Club of Rome schon 1972 prophezeiht. Die Menschheit müsse lernen, auf Wohlstand und Zuwachs zu verzichten, vor allem die Reichen.

Wütende Blicke auf die USA

Die Flut gibt solchen Gedanken neue Nahrung und nicht nur die Flut. Auch die drohende Klimakatastrophe zwinge den Staat umzusteuern. Verständnislos, ja wütend schaut man auf die USA, die das Abkommen von Kyoto boykottieren, durch das der CO2-Ausstoß reduziert werden soll, und deren Präsident sich auf dem Gipfel in Johannesburg nicht sehen lässt. Der Philosoph Vittorio Hösle forderte jüngst, eine "intergenerationelle Gerechtigkeit" als Staatsziel in die Verfassung zu schreiben. Um künftiger Generationen willen müsse der Staat in die Preisbildung eingreifen. Was dieser Staat freilich schon jetzt in wachsendem Maße tut, wie die Ökosteuer, das Dosenpfand und die Garantiepreise für Wind- und Solarenergie belegen.

Nun besagt ein einzelnes "Jahrhundertereignis" wie die Flut an der Elbe ökologisch noch nichts. Jahrhundertereignisse hat es immer gegeben. Sogar die Angst vor einer Klimakatastrophe ist alt. Damit sollen die Klimasorgen nicht bagatellisiert werden. Dass es wärmer wird, ist unter Experten derzeit nicht umstritten. Streit gibt es über die Schuld des Menschen. Umstritten ist auch, ob der Klimawandel so katastrophale Folgen hat, wie die Pessimisten prophezeien.

Ist die Erderwärmung des Menschen Glück?

In der Geschichte der Erde hat es warme Zeiten mit blühenden Landschaften gegeben. Manche behaupten sogar, die Erwärmung sei für den Menschen ein Glück. Die Klimapolitik muss so auf unsicherer Basis und unter dem Druck starker Emotionen entscheiden. Die Ökologen mahnen, wenn nichts geschehe, könnten die Schäden irreparabel sein. Aber sind die Entscheidungen, die die meisten Ökologen verlangen - Verzicht auf Wachstum, staatliche Lenkung von Verbrauch und Investitionen - die richtigen Antworten? Wie giftig ist der Reichtum?

Die Geschichte des Menschen ist auch eine Geschichte der Angst vor Katastrophen. Vor zweihundert Jahren prophezeite der englische Nationalökonom Robert Malthus, dem Wachstum der Menschheit seien durch Hunger feste Grenzen gesetzt. Die Nahrungsmittelproduktion werde mit dem Wachstum der Bevölkerung nicht Schritt halten.

Doch die Menschheit verhungerte nicht, sie "explodierte". Und nicht der Hunger ist ihr Problem, sondern das Übergewicht. Sie saugt auch nicht die armen Länder aus, um satt zu werden; sie produziert mehr Nahrungsmittel, als sie essen kann und schüttet damit die Weltmärkte zu. Der Reichtum in Form von Technik, Chemie und Kapital strafte Malthus Lügen. Seit 1970 ist unsere Lebenserwartung um sieben Jahre gestiegen.

Was uns satt macht ist giftig

Zufrieden sind wir damit nicht, denn was uns satt macht, ist giftig: BSE-verseucht, Dioxin-gesättigt, Nitrofen-belastet. Doch weil uns jeder Grenzwert, der irgendwo überschritten wird, in Angst versetzt, vergessen wir, wie lebensgefährlich das Leben in der "guten alten Zeit" war: unzureichende Hygiene, mangelhafte Konservierung, tödliche Gifte, die es in der Natur reichlich gibt, rafften viele Menschen früh dahin. Es gab bei "Tante Emma" keine Verfallsdaten, keine keimfrei verpackten Waren. Der Reichtum ist gesünder - inklusive seiner Skandale.

Malthus? Thesen gingen nicht unter. In den 60er-Jahren zeichnete der Amerikaner Kenneth E. Boulding das einprägsame Bild des "Raumschiffs Erde", das mit begrenzten Ressourcen durchs Weltall rast: Die Erde ist voll. Und 1984 forderte die 2. Weltbevölkerungskonferenz der Uno eine strikte staatliche Geburtenkontrolle. China hatte schon früher die Ein-Kind-Familie dekretiert. Ronald Reagan stand am Pranger, weil die USA - zynisch - statt Kontrolle und Staatseingriffen Wirtschaftswachstum gegen die Bevölkerungsexplosion empfahlen.

Die neue Katastrophe heißt "Vergreisung" und "Rentenkrise"

Zehn Jahre später war klar: Reagan hatte Recht. Wachstum und bessere Bildung trugen weit mehr zur Geburtenbegrenzung bei als alle Kontrollen. Die Geburtenraten sanken mit wachsendem Wohlstand dramatisch. Also empfahl die 3. Weltbevölkerungskonferenz 1994 "wirtschaftliches Wachstum im Rahmen einer nachhaltigen Entwicklung", den Kampf gegen den Analphabetismus und für die Gleichberechtigung der Frau als neue Bevölkerungsstrategie. Inzwischen lebt fast die Hälfte der Menschheit in Ländern, in denen weniger Kinder geboren werden als nötig, um die Bevölkerung nicht schrumpfen zu lassen. Und auch anderwärts sinken die Geburtenraten rasch. Die neue Katastrophe heißt "Vergreisung" und "Rentenkrise".

Wir können auch den Rhein betrachten: Ende der 60er-Jahre beschrieb das Wort von der "Kloake Rhein" die Grenzen der Industrialisierung. Angeklagt war die Industriegesellschaft. Im Einzugsbereich des Rheins siedelten 20 Prozent der gesamten chemischen Industrie weltweit. Sauberes Wasser - so hieß es - ist Leben; Chemie aber ist Tod. Doch die Katastrophe blieb aus: Der Rhein ist heute so sauber wie seit 100 Jahren nicht mehr. Und die Ökologen wenden sich der Frage zu, wie man für Aale, Meerforellen und Lachse im Rhein Fischtreppen baut. Die Gesundung haben sie nicht der Ethik des Verzichts zu danken, sondern dem Wohlstand. Man war reich, konnte neue Verfahren der Reinigung entwickeln und sich Kläranlagen leisten. Nun gut, sagen die Ökologen. Aber es war der Staat, der die Wende herbeibefahl; Regeln wurden erlassen, Schutzabkommen unterzeichnet. Doch in Wahrheit war die Wende längst erreicht. Forscher der Max-Planck-Gesellschaft haben das belegt: Die chemische Industrie hatte große Kläranlagen zu bauen begonnen, weil man die öffentliche Debatte fürchtete.

Auch um die Wälder, die Urwälder zumal, kreisen unsere Umweltängste. Der Wald schwindet. Und wieder sind die Reichen angeklagt. Jeder Amerikaner verbraucht 50-mal mehr Papier als ein Afrikaner. Doch zur ökologischen Wahrheit gehört auch, dass für dieses Papier kein Stück tropischen Urwalds geopfert wird. Der Zellstoff stammt - soweit er nicht recycelt wird - aus den Wäldern jener Industriestaaten, die das Papier verbrauchen. In diesen Ländern aber dehnen sich die Wälder aus. Allein zwischen 1990 und 1995 stieg die Waldfläche in den Industriestaaten um 8,6 Millionen Hektar. Der Wohlstand macht es möglich. Und auch am Holzverbrauch - jenseits des Papiers - hat Tropenholz in Deutschland nur einen Anteil von 3,5 Prozent.

Die Urwälder waren zumindest in den letzten Jahren nicht die Opfer der Reichen. Sie schrumpfen durch die Not der Armen. Und sie werden nur gerettet werden, wenn die Betroffenen es sich leisten können, sie nicht anzutasten. Das setzt Wachstum und einen gewissen Wohlstand voraus.

Katastrophen der Vergangenheit sind nie durch Verzicht bewältigt worden

Die Katastrophen der Vergangenheit sind nie durch den Verzicht bewältigt worden. Neue Technik, Erfindergeist und die Bereitschaft zu Innovation haben sie überwunden. Vor allem aber das nötige Geld. Dies wird in den Debatten über die drohende Klimakatastrophe vergessen. Da werden die Investitionen hin zu den Windmühlen und Sonnenkollektoren gelenkt, während man aus der Atomenergie endgültig aussteigt und praktisch die Chancen verspielt, an neuen Generationen von (Fusions-)Reaktoren mitzuarbeiten. Die OECD hat geschätzt, dass Kyoto die Mitgliedstaaten Mitte dieses Jahrhunderts 900 Milliarden Dollar kosten wird (jährlich) - ein gewaltiger Wohlstandverzicht für jene neun Milliarden Menschen, die dann die Erde bevölkern. Und die Klimaforscher sagen, dass dadurch die Erwärmung nur um den Bruchteil eines Grades reduziert werde.

Lohnt dieser Erfolg diesen Einsatz und das Maß an Dirigismus, an Verzicht auf Freiheit, die Kyoto nach sich ziehen wird. Wird eine solche Strategie des Verzichts die Lösung der vielen Probleme, auch der Umweltprobleme, nicht eher erschweren, denen sich eine immer noch wachsende Weltbevölkerung gegenübersieht? Bisher haben sich Wachstum und Reichtum stets als der beste Katastrophenschutz erwiesen. Das sollte man in Johannesburg nicht ganz verdrängen.

Thomas Löffelholz war lange Jahre Chefredakteur und Herausgeber der Zeitung "Die Welt"

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