Gazprom-Aufsichtsrat Fjodorow will Machenschaften im Konzern-Management aufklären
Kritik an der Haltung von Ruhrgas

Die Rolle von Ruhrgas bei Gazprom wird angegriffen: Aufsichtsrat Fjodorow will wissen, ob der Essener Konzern als Lohn für sein Schweigen bei Gazprom-Skandalen einen höheren Anteil an dem Unternehmen bekommen hat.

MOSKAU/ESSEN. Der ehemalige Finanzminister Russlands, Boris Fjodorow, Aufsichtsratsmitglied des weltgrößten Gaskonzerns Gazprom greift die Essener Ruhrgas scharf an. In einem Handelsblatt-Gespräch wirft er dem deutschen Gashändler, der einen Anteil am Gazprom-Kapital von 4,5 % hält, vor, mit dem Top-Management von Gazprom gemeinsame Sache gegen die Aufklärung von Milliarden-Betrügereien zu machen: "Der Ruhrgas scheinen die Interessen von Gazprom-Managern näher zu sein als die der Aktionäre", so Fjodorow.

Auf der nächsten Aufsichtsratssitung von Gazprom in Moskau will der Jelzin-Vertraute wissen, warum im April 1999 das Joint Venture Gerosgas zwischen Gazprom und der Ruhrgas gegründet worden ist, über das die Essener Ende vorigen Jahres ihre Beteiligung am russischen Gasgiganten von 4 auf 5 % aufgestockt hatten.

Zudem verlangt Fjorodow Aufklärung darüber, warum jüngst weitere 1,4 % der Gazprom-Aktien in so genannte American Deposit Receipts (ADR), die an westlichen Börsen gehandelt werden, umgewandelt worden sind. Vor allem interessiert ihn, wer diese bekommen hat: "Gingen sie an Ruhrgas? Hat Ruhrgas nicht einen "sweet deal" bekommen für seine Beziehungen zum Gazprom-Management?", fragt Fjodorow. "Auf dem russischen Markt herrscht die Meinung vor, dass Ruhrgas so teilweise seine Aktien in ADR hat umwandeln können."

Hintergrund seiner Beschuldigungen sei das Verhalten des ebenfalls auf der Hauptversammlung im vergangenen Juni zum ersten Mal zum Aufsichtsrat bei Gazprom gewählten Ruhrgas-Vizes Burckhardt Bergmann: "Immer wenn im Aufsichtsrat über kritische Fragen geredet wird, tut der Ruhrgas-Vertreter so als sei er nicht da und schweigt", wirft Fjodorow Bergmann vor. Als der Ex-Minister die Frage nach einer Überprüfung der Beziehungen Gazproms zu dem in Florida registrierten Gashandelskonzern Itera im Aufsichtsrat gestellt habe, "habe ich mit den Staatsvertretern für die Überprüfung durch eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft gestimmt, die vier Gazprom-Vertreter dagegen. Herr Bergmann senkte den Kopf und stimmte gar nicht ab", so Fjodorow.

Es geht um Milliarden

"Aber ich hoffe, dass sein Gewissen noch erwacht und wir zusammenarbeiten", sagt Fjodorow und meint, dass die Ruhrgas und Deutschland insgesamt ein großes Interesse an der Stabilität Gazproms haben müssten. Denn davon hänge ein großer Teil der deutschen Gasversorgung ab. Deshalb wolle er zusammen mit Ruhrgas die in jüngster Zeit aufgedeckten Skandale um Machenschaften der Gazprom-Führung aufrollen.

Immer klarer wird bei dem erbitterten Streit zwischen Fjodorow und der Gazprom-Führung, dass das Top-Management mit aller Macht verschleiern will, was russische Untersuchuchungsorgane an kriminellen Machenschaften im Konzern zutage fördern. Dabei geht es um Milliarden-Betrügereien. Jüngst ist sogar erstmals ein Dokument aufgetaucht, das die von der Gazprom-Topetage immer vehement bestrittenen Beziehungen zum Gashändler Itera belegt. "Zumindest in einer bestimmten Etappe der Bildung Iteras hat es Kontakte gegeben", so Fjodorow, der dafür die Kopie eines Vertragsentwurfs zur Bildung einer gemeinsamen Gesellschaft von Dezember 1996 vorliegen hat.

Seit langem wird vermutet, dass Gazprom-Manager über Stohmänner an Itera beteiligt sind und lukrative Gazprom-Geschäfte gezielt an Itera abgegeben werden: "Gazprom wird immer kleiner und Itera immer größer. Milliarden Dollar sind von hier nach dort geflossen, bei jedem Deal fragt man sich, wo ist das Geld geblieben", berichtet Fjodorow aus den Aufsichtsratssitzungen. In einem Brief an die vom Gazprom-Aufsichtsrat mit der Überprüfung der Kontakte zwischen Gazprom und Itera beauftragte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) verlangt er jetzt, "bei Itera und beim Gazprom-Management zu erfahren, ob jemals Manager oder ihre Verwandten, Frauen, Enkel, Frauen der Enkel oder Unternehmen, an denen sie beteiligt sind, Aktionäre bei Itera waren oder sind. Oder sie schreiben uns einen Brief, in dem sie mitteilen, dass sie sich weigern zu antworten."

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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