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Gebremste Aufholjagd

Wer wird den Wettlauf um die dynamischste und innovativste Wirtschaft gewinnen? Die USA oder Europa? Noch haben die Amerikaner einen Vorsprung. Aber Europa ist nach Meinung der Regierungen auf einem guten Weg. Entscheidendes Hindernis aber bleibt der Fachkräftemangel.

An Ehrgeiz fehlt es den europäischen Staats- und Regierungschefs gewiss nicht. Sie haben vor gut einem Jahr auf dem Gipfel in Lissabon das strategische Ziel markiert, die Europäische Union im kommenden Jahrzehnt zur wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaft in der Welt zu entwickeln. Sie haben damit den Startschuss zu einer Aufholjagd gegenüber den USA gegeben, die beim Übergang zur wissensbasierten Gesellschaft eine Vorreiterrolle einnehmen. Kennzeichen dieser "New Economy" ist ein nachhaltiger Wachstums- und Produktivitätsschub, der von der Informations- und Kommunikationstechnik ausgeht.

Auch wenn die Dot.com-Euphorie verflogen ist und der fast ein Jahrzehnt anhaltende Aufschwung in den USA an Kraft verloren hat, hat der verstärkte Einsatz der IuK-Technologien einen anhaltenden Innovationsprozess ausgelöst. Der Jahreswirtschaftsbericht der Bundesregierung für das Jahr 2001 beschreibt, wie durch den Einsatz der IuK-Technologien Effizienzgewinne aus der Informationsverarbeitung erzielt werden, Stückkosten sinken, die Produktivität steigt und eine hohe Investitions- und Innovationsdynamik freigesetzt wird. Noch besser bringt der Ifo-Forscher Wolfgang Gerstenberger im Ifo-Schnelldienst den Vorsprung der amerikanischen Wirtschaft in der Entwicklung der so genannten New Economy auf den Punkt: Mehr Amerikaner als Europäer und Japaner - sowohl absolut als auch relativ - arbeiten in IuK-Industrien, in der Herstellung von elektronischen Bauelementen, Computern, Software, Telekommunikationsdiensten und internetbasierten Diensten. Auch verfügen mehr Amerikaner sowohl in der Arbeit als auch privat über die notwendigen Geräte für die Nutzung der IuK-technischen Dienste wie PC und Internet-Anschlüsse.

Aber abgeschrieben ist damit Europa nicht. EU-Kommissionspräsident Romano Prodi demonstriert Optimismus und gibt sich überzeugt, dass die Europäische Union bald zu den Vorreitern der New Economy vorstoßen wird. Dabei spielt der im Juni 2000 im portugiesischen Feira verabschiedete eEurope-2002-Aktionsplan mit dem Untertitel "Eine Informationsgesellschaft für alle" eine wichtige Rolle. Im Einklang mit dem eEurope-Aktionsplan und auf der Basis des nationalen Aktionsprogramms der Bundesregierung für "Innovation und Arbeitsplätze in der Informationsgesellschaft des 21. Jahrhunderts" hat die Bundesregierung eine ganze Reihe von Initiativen gestartet. Diese Politik trägt nach der Darstellung des Jahreswirtschaftsberichts 2001 erste Früchte. So sei Deutschland zum führenden Standort für E-Commerce in Europa aufgestiegen. Auch hätten Ende 2000 rund 40 Prozent der deutschen Bevölkerung zwischen 14 und 69 Jahren das Internet genutzt. Ende 1999 seien es erst gut 25 Prozent gewesen. Auf der Cebit will die Bundesregierung eine erste Zwischenbilanz ihres Zehn-Schritte-Programms auf dem Weg in die Informationsgesellschaft vorstellen.

Glaubt man dem von der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Edelgard Bulmahn, vorgestellten Bericht zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands, dann konnte Deutschland den Rückstand zu den USA in der Nutzung der IuK-Technologien deutlich verringern. Frau Bulmahn verweist darauf, dass selbst von den kleineren Unternehmen mehr als 80 Prozent die Möglichkeiten des Internets nutzten. Nach dem Bulmahn-Bericht haben sich die IuK-Technologien in den 90er-Jahren als zentrale Antriebskraft des wirtschaftlichen Geschehens erwiesen. In Deutschland hätten sie 20 bis 25 Prozent zum jährlichen Wirtschaftswachstum beigetragen. Dabei gingen die Wachstumsimpulse zunehmend von der Integration der IuK-Technologien in die Anwenderbranchen der Old Economy aus.

Nachteil von Europa: Der Fachkräftemangel

Aber so richtig losgehen wird die Aufholjagd erst, wenn der Fachkräftemangel überwunden ist. Jörg Harms, Vizepräsident des Branchenverbandes Bitkom, beziffert den IT-Fachkräftemangel in Europa gegenwärtig auf 1,9 Millionen Spezialisten. Dieser Mangel werde bis 2003 auf voraussichtlich 3,8 Millionen wachsen. Nach einer aktuellen Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung werden bis Ende 2002 in Deutschland bis zu 350.000 IuK-Spezialisten benötigt. Neben Informatikern werden insbesondere Elektro- und Maschinenbauingenieure, Mathematiker und Physiker mit IuK-Kenntnissen eingestellt. Der derzeitige Mangel an Studienabsolventen in naturwissenschaftlich-technischen Fächern erklärt sich zum Teil aus der restriktiven Einstellungspraxis der Wirtschaft Anfang der 90er-Jahre. Um dem Mangel entgegenzuwirken, hat das Bundesbildungsministerium eine breit angelegte Werbekampagne für ingenieurwissenschaftliche Fächer gestartet. Aber bis sich höhere Anfängerzahlen in höheren Absolventenzahlen niederschlagen, vergehen Jahre. Die Zahl der Studienanfänger in Informatik hat sich von knapp 20.000 im Studienjahr 1999/2000 auf knapp 27.000 im Jahr 2000/2001 erhöht, auch in der Elektrotechnik und im Maschinenbau ist sie, wenn auch weniger stark, gestiegen.

Die "Green Card" hat sich nicht als der Joker zur Überwindung des Fachkräftemangels erwiesen. Seit Beginn der Initiative vor gut sieben Monaten konnten 5678 ausländische IT-Spezialisten in deutschen Firmen eingestellt werden. Die zeitliche Befristung der Arbeitserlaubnis auf fünf Jahre macht die Green Card für viele Bewerber unattraktiv. Nach Angaben des Bundesforschungsministeriums hat bei jedem sechsten Unternehmen in Industrie und Dienstleistungen der Fachkräftemangel zur Streckung oder zum Abbruch von Innovationsprojekten geführt. 6000 Industrie- bzw. 25.000 Dienstleistungsunternehmen konnten aus diesem Grunde derartige Projekte erst gar nicht anfangen. Die Unternehmen schätzen damit den Fachkräftemangel inzwischen als ähnlich wichtiges Innovationshemmnis ein wie den Mangel an Finanzierungsquellen. Der Fachkräftemangel führt so zu einer Aufholjagd mit angezogener Handbremse. Allerdings beginnen immer mehr Unternehmen einzusehen, dass sie nicht nur offensiv um Fachkräfte werben, sondern ihre eigenen Mitarbeiter auch gezielt umschulen und weiterbilden müssen. Ohne eine breit angelegte Qualifizierungsoffensive wird die Aufholjagd stecken bleiben.

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