Gebrselassie-Manager Hermens
„Wir haben zu viele Lifestile-Sportler“

Olympiasieger Nils Schumann war sein letzter "Goldjunge", doch die Läufermisere auf den Mittel- und Langstrecken ist für Jos Hermens keinesfalls nur ein deutsches Leiden.

HB PEKING. "Das ist ein europäisches Problem. Und warum? Wir haben heute mehr Lifestile- Sportler als Spitzen-Athleten. Und es werden immer weniger, die sich aufopfern und 100 Prozent geben", sagte der einflussreiche Leichtathletik-Manager aus den Niederlanden am Donnerstag in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa in Peking.

"Keiner will sich heute mehr quälen. Bis zur Weltspitze dauert es manchmal 15 Jahre, aber alle wollen den schnellen Erfolg. Die Kids machen Videospiele oder hängen am Computer rum", meinte der ehemalige Langstreckenläufer und Stunden-Weltrekordler aus Nijmegen. Zwei deutsche Olympiasieger sieht Hermens als Vorbild für junge Sportler, die ein hohes Ziel anstreben und alles dafür geben: Dieter Baumann (5000 Meter/1992) und Nils Schumann (800 Meter/2000). Schumann, inzwischen im Spätherbst seiner turbulenten Karriere, war beim smarten Holländer als letzter deutscher Spitzenathlet unter Vertrag.

"Ich würde gerne wieder einen Deutschen verpflichten, aber..." Den Satz muss Hermens nicht unbedingt vollenden. Denn von den wenigen Assen des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) hat derzeit keiner das Format, um für Hermens' "Global Sports Communication" attraktiv zu sein. Etwa 100 Leichtathleten, vor allem Langstreckler und Marathonläufer aus Afrika, hat der 58 Jahre alte Globetrotter unter Vertrag. "42 aus 17 Ländern gehen in Peking an den Start. Wir hoffen, hier acht oder neun Medaillen zu gewinnen", meinte Hermens, Olympia- Zehnter über 10 000 Meter bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal. 15 Mitarbeiter halten seine Firma in Schwung.

Seit 1985 macht Hermens den Manager-Job, seine Stars und Talente kommen vor allem aus Kenia und Äthiopien: Olympiasieger Haile Gebrselassie, Kenenisa Bekele und Gete Wami, die in Peking starten, sind derzeit die bekanntesten. Früher hatte er die deutschen Sprinterinnen Katrin Krabbe und Grit Breuer unter Vertrag. Heute laufen auch die Geschäfte nicht mehr so gut. "Dafür gibt es zwei Gründe: Der Markt hat sich in den letzten 25 Jahren geändert - und dann das Dopingproblem. Wir haben weniger Athleten als früher", erklärte Hermens. Außerdem tummeln sich auf seiner Spielwiese viele Konkurrenten. "Wenn jetzt ein Talent reift und gut wird, kommen gleich zwei oder drei deutsche Manager angerannt", erklärte Hermens, der seine aktive Karriere vor 30 Jahren beendet hatte.

Sechs Jahre zuvor, bei den Olympischen Spielen in München, lieferte der kleine Dauerläufer eine respektable Leistung ab. Allerdings nicht im 10 000-Meter-Finale - das fand ohne Hermens statt. Als einer von drei niederländischen Sportlern reiste der damals 22-Jährige nach dem blutigen Attentat auf israelische Athleten vorzeitig nach Hause. "Die heiteren Spiele waren kaputt, und wenn Leute erschossen werden, macht es keinen Spaß mehr. Dann kann man nicht einfach sagen: The Games must go on." Für Hermens war das eine schmerzhafte Entscheidung: "Das hat mich viel gekostet, denn ich war gut in Form, und es gab ja noch keine Weltmeisterschaften." Bereut hat er den Schritt nicht.

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