Gebühren für Web-Angebote
Haste mal ’ne Krone?

Deutsche Zeitungen diskutieren über Gebühren für Web-Angebote - in Schweden ist man schon weiter. Nicht nur bei ihren Produkten wie "Fit for Fun" oder "TV Spielfilm" mag es die Verlagsgruppe Milchstraße gern mal plakativ: "Die Gebühr muss kommen", forderte ihr Geschäftsführer Martin Fischer auf den Münchner Medientagen. "Die Gebühr" sollen jedoch nicht Leser der gedruckten Blätter zahlen, sondern die Nutzer der Internet-Angebote von Zeitungen und Zeitschriften.

Das sieht nicht nur Fischer so: Die Verlagsmanager waren sich einig, dass die Zeit der kostenlosen Web-Informationen vorbei ist. "Es führt kein Weg an gebührenpflichtigen Inhalten vorbei", erklärte Lutz Glandtm Geschäftsführer der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Allein, konkretere Modelle gab es praktisch keine. In Deutschland wagte bisher nur das "Handelsblatt" für Teile seines Online-Angebotes Gebühren in Form eines monatlichen Abos zu verlangen.

Während Deutschland noch grübelt, ist Skandinavien - wie so oft in der Web-Wirtschaft - einen Schritt weiter: Fast alle schwedischen Tageszeitungen haben in den vergangenen Tagen angekündigt, für gewisse Dienstleistungen wie die Zugriffsmöglichkeit auf das Archiv, vom Leser Gebühren zu erheben.

Es sind Pläne die, wie in Deutschland, aus der Not geboren werden: Auch in Nordeuropa herrscht Flaute im Print-Anzeigengeschäft, neben Personalabbau wird in den Führungsetagen der großen Verlagshäuser händeringend nach Einnahmequellen gesucht. "Aftonbladet", die größte Boulevardzeitung des Landes, hat zwar die meistbesuchte Internet-Seite aller schwedischen Zeitungen - doch auch sie ist ein Zuschussgeschäft. Folge: Ab Januar kostet das Web-Angebot.

Schwedens größte Wirtschaftszeitung "Dagens Industri", die bislang ihre Netz-Kundschaft mit umfassendem, kostenlosem Service verwöhnte, plant zum Jahreswechsel ein Online-Abonnement: "Wer ,Dagens Industri abonniert hat, erhält einen Zugriffscode für unsere komplette Internet-Zeitung. "Ohne Code kommt man nur noch auf einige wenige Seiten", sagt Christer Mårbrandt, verantwortlich für www.di.se.

Er glaubt, dass bereits im kommenden Frühjahr sämtliche Zeitungen des Landes ähnliche Modelle installiert haben werden - und dürfte Recht haben: "Dagens Nyheter" und "Svenska Dagbladet" wollen Gebühren einführen, ebenso rund 30 Regionalzeitungen.

Die Stunde der Wahrheit nähert sich auch für die reinen Online-Zeitungen. E24 ist die erfolgreichste in Schweden und wird ab November eine Gebühr für die Nutzung erheben - das ein Jahr alte Projekt kämpft mit dem Aus. Bislang halfen Finanzspritzen mutiger Investoren, doch die Anfang dieses Monats verabreichten 9,3 Mill. skr (950 000 ) sollen die letzte Frischzellenkur gewesen sein: E24 muss jetzt laufen lernen.

Eines allerdings ist in Schweden noch offen: Wer für welche Dienste wie viel verlangt. "Der Blick ins Archiv wird etwas kosten, das Durchforsten der Kleinanzeigen wohl auch", glaubt Sören Andersson von Citygate, einem von 10 Großverlagen gegründetes Unternehmen, das die Internet-Auftritte der einzelnen Blätter koordinieren soll. Nach Informationen von "Netzwert" werden die Gebühren bei E24 und Di.se bei rund 100 skr (21 DM) monatlich liegen - doch offiziell will dies niemand als erster bekannt geben.

Auch beim Bezahlsystem herrscht Uneinigkeit. Die Lokalzeitung "Sundsvall Tidning" hat den klassischen Weg beschritten und erhebt eine Monatsgebühr für den Zugang zur Internet-Ausgabe, zahlbar über die klassischen Wege. Die meisten anderen Zeitungen vertrauen jedoch - im Gegensatz zu Deutschland - dem Micropayment, also der Bezahlung kleiner Beträge. Sie haben das in Uppsala ansässige Unternehmen Spacecoin engagiert. Bei Spacecoin registrierte Mitglieder erhalten eine monatliche Abrechnung über Dienste, die sie bei sämtlichen Anbietern genutzt haben. Spacecoin erhält hiervon wiederum Provision.

Daneben testen einige Verlage den Zugang via Kreditkarte und die engerere Kooperation mit Telekom-Unternehmen. Sie könnten "die Gebühren für den Zugang zu Internet-Zeitungen über die monatliche Telefonrechnung abwickeln", erklärt Mårbrandt von Di.se. Ähnliches plant Bild.de in Deutschland mit seinem Partner T-Online.

Einigen sich die Verlage auf eine Zahlungsart, könnte dies der Zeitung nach Wunsch die Pforten öffnen. Der Leser könne sich dann seine Lieblingselemente herausgreifen, zum Beispiel den Wirtschaftsteil von "Dagens Industri", das Feuilleton von "Svenska Dagbladet" und die Politik aus "Dagens Nyheter" - abgerechnet wird einheitlich.

Selbst wenn es so weit kommt, bleiben den schwedischen Verlagen noch zwei Probleme. Erstens müssen die Surfer dazu erzogen werden, Gebühren zu akzeptieren. Und dazu muss zweitens Qualität geboten werden - denn daran mangelt es oft, kritisiert Pia Karlsson vom Marktforscher Netvalue: "Viele Netz-Zeitungen haben ein eher zufälliges Aussehen. Da hat sich kaum jemand konkrete Gedanken über das Design gemacht."

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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